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Netzwerker der beruflichen Integration

WILLKOMMENSLOTSEN Netzwerker der beruflichen Integration

In Zeiten des Fachkräftemangels würden Betriebe gerne auf Flüchtlinge zurückgreifen. Mit ihrem Wissen über aufenthaltsrechtliche Bestimmungen stehen Willkommenslotsen ihnen bei der Bewältigung dieser Aufgabe zur Seite.

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Klaus Mirow, Inhaber der Bauschlosserei G. Prill in Ratekau (r.), und der iranische Flüchtling Sadjad Zaree haben mit Unterstützung der Willkommenslotsin schon viele Steine aus dem Weg geräumt.

Quelle: Fotos: Carola Pieper

 

„Ich habe gute Nachrichten für Sie“, ruft Frauke Lympius dem jungen Mann schon von Weitem zu. Gute Nachrichten? Der 30-jährige Iraner schaut zunächst fragend, lächelt scheu. Dann versteht er. Gemeinsam gehen sie ins Büro, wo Klaus Mirow, der Inhaber der Bauschlosserei G. Prill in Ratekau, ungeduldig wartet. Wie geht es weiter mit seinem jüngsten Auszubildenden aus dem Iran?

Als Frauke Lympius Klaus Mirow vor einigen Wochen kennengelernt hatte, wollte der sich in der Flüchtlingshilfe engagieren. Er bot der Willkommenslotsin von der Handwerkskammer Lübeck einen Praktikumsplatz in seinem Betrieb an. Sofort dachte Lympius an Sadjad Zaree, der gerne Schweißer werden wollte. Die Willkommenslotsin organisierte, dass die Ausländerbehörde in Lübeck dem Praktikum in Ratekau zustimmte. So kamen sie zusammen, der Flüchtling aus dem Iran und der Handwerkermeister aus Ratekau. Seit 1. Oktober macht Zaree nun eine Ausbildung zum Metallbauer.„Das ist ein wesentlicher Aspekt meiner Arbeit: Menschen zusammenbringen“, sagt Frauke Lympius. „Wir Willkommenslotsen sind Netzwerker. Wir sprechen mit Mitarbeitern von Institutionen, Ämtern und Behörden, wir pflegen den Kontakt mit Bildungsträgern, ehrenamtlichen Helfern und mit den Geflüchteten selbst und stehen auf diese Weise den Betrieben zur Seite, die sich in dem Dschungel von aufenthaltsrechtlichen Bestimmungen kaum alleine zurechtfinden.“

Nun, beim Termin vor Ort, kann Frauke Lympius ein weiteres Ergebnis ihrer Netzwerkarbeit präsentieren – die gute Nachricht: Die Behörde hat bewilligt, dass Zaree eine assistierte Ausbildung machen kann, obwohl diese eigentlich nur bis zu einem Alter bis 25 angeboten wird. Der Maschinenbaumeister und sein neuer Auszubildender atmen auf. Das hilft. Denn die deutschen Sprachkenntnisse des Iraners sind ein Problem. „Sadjad versteht zwar schon erstaunlich gut Deutsch, aber in der Berufsschule, wo zudem Englisch und Politik auf dem Stundenplan stehen, fällt es ihm schwer, mitzukommen“, sagt Klaus Mirow. Oft saß der Ratekauer dann noch nachmittags mit dem Flüchtling zusammen und beide gingen den Lehrstoff durch. Dass man Sadjad Zaree nun als einen Härtefall einstuft und ihm ausbildungsbegleitende Hilfen zusagt, nützt beiden. Frauke Lympius wird sich auf die Suche nach einem Anbieter machen.

Doch schon treten die nächsten Fragen auf: Macht es überhaupt Sinn, dass die Nachhilfe am Ort der Ausbildung stattfindet und nicht besser am Wohnort? Ist vielleicht ein Umzug von Lübeck nach Ratekau denkbar? Darf er überhaupt umziehen? Das käme Zaree zwar entgegen, der unter der Wohnsituation in der Gemeinschaftseinrichtung in der Hansestadt leidet und gerne näher an seinem Ausbildungsbetrieb leben würde. Aber die Aufenthaltsgestattung, die Bescheinigung, die Personen erhalten, die in Deutschland einen Asylantrag gestellt haben, besagt, dass der Wohnsitz auf die Hansestadt beschränkt ist. Die Willkommenslotsin notiert sich das Problem. Sie wird mit den Mitarbeitern der Ausländerbehörde sprechen, dem der Asylbewerber zugewiesen ist. Vielleicht kann man eine Ausnahme machen.

Auch das Thema Geld brennt den beiden auf der Seele. Die staatliche finanzielle Unterstützung, die Sadjad Zaree 15 Monate erhält, wird mit der Ausbildungsvergütung verrechnet. Und danach? Wie es aussieht mit einer Berufsausbildungsbeihilfe, die man bei der Arbeitsagentur beantragt und für die einige Voraussetzungen erfüllt sein müssen – auch darum wird sich die Willkommenslotsin kümmern und beim nächsten Treffen hoffentlich wieder eine gute Nachricht parat haben. „Es ist eine große Herausforderung für alle Beteiligten“, sagt Frauke Lympius. „Aber bei manchen Menschen habe ich das Gefühl: Sie schaffen das.“

Seit März arbeitet Frauke Lympius als Willkommenslotsin bei der Handwerkskammer Lübeck. Als Mitarbeiterin des Projekts „Passgenaue Besetzung“ kennt sich die Diplom-Betriebswirtin und – Sozialökonomin mit den aufenthaltsrechtlichen Bestimmungen in Deutschland aus. „Die Thematik ist sehr umfangreich. Details bestimmen darüber, ob jemand eine Arbeit aufnehmen kann oder nicht. Viele kümmern sich um die Geflüchteten, aber kaum jemand um die Betriebe, die diese Integration bewerkstelligen sollen. Dafür sind wir als Willkommenslotsen da, und die Betriebe freuen sich, dass sich jemand der Probleme annimmt.“

Zwischen März und August dieses Jahres haben die bundesweit agierenden 150 Willkommenslotsen rund 1500 Geflüchtete vermittelt. 809 haben ein Praktikum absolviert, 144 Hospitationen, 235 haben Einstiegsqualifizierungen begonnen. 246 Geflüchtete konnten mit Hilfe der Willkommenslotsen direkt eine Ausbildung beginnen, 137 haben durch das Lotsenprogramm einen Arbeitsplatz bei einem Mittelständler gefunden.

„In unserem Kammerbezirk konnten wir auf diese Weise bisher 69 Flüchtlinge vermitteln“, so Christian Maack, Geschäftsführer Recht/Berufsbildung der Handwerkskammer Lübeck. Die individuelle Beratung der Unternehmen durch die Willkommenslotsen und der persönliche Kontakt zwischen Betrieben und Flüchtlingen stellen oft die Weichen für die zukünftige betriebliche Integration. „Unsere Mitgliedsbetriebe sind sehr interessiert. Sie bewerten die handwerklichen Fertigkeiten der geflüchteten Menschen meist als sehr gut und sehen das Potential auch für die Zukunft ihres Betriebes.“ Da für die meisten Tätigkeiten anerkannte Qualifikationen gesetzlich vorgeschrieben sind, sei eine möglichst rasche Qualifizierung zuwandernder Flüchtlinge von großer Bedeutung. Doch schon die Frage, in welchem Aufenthaltsstatus sich der Geflüchtete befindet, bestimme darüber, ob ein Betrieb einen Flüchtling überhaupt einstellen kann. „Willkommenslotsen leiten die Betriebe und ihre Schützlinge durch den Gesamtprozess der Integration“, so Maack.

Insgesamt sei das Projekt, das vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie finanziert wird, sehr akzeptiert. Frauke Lympius, die 50 Betriebe in den Bereichen Lübeck, Ostholstein, Stormarn und Herzogtum Lauenburg betreut und zwei Kollegen in Kiel und Elmshorn hat, wünscht sich, dass noch mehr Betriebe auf sie zukommen, auch wenn die Schwierigkeiten zunächst groß scheinen. Klaus Mirow und sein Schützling haben mit Unterstützung der Willkommenslotsin Frauke Lympius schon viele Steine aus dem Weg geräumt. Die starke positive Energie, die von Klaus Mirow und Sadjad Zaree ausgeht, hat bisher alle überzeugt.

Eine Zukunft hat der große persönliche Einsatz der beiden auch: Das neue Integrationsgesetz gestattet ein Aufenthaltsrecht für die Zeit der Ausbildung und zwei Jahre danach. „Das sind schon einmal fünf Jahre, die man planen kann“, so Klaus Mirow. „Und weil Sadjad aus dem Iran kommt, hat er eine gute Bleibeperspektive. Das macht Mut.“

Willkommenslotsin für Lübeck,

Ostholstein, Stormarn, Herzogtum Lauenburg

Frauke Lympius

Tel. 0451/1506-171

lympius@hwk-luebeck.de

Carola Pieper

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