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Nicht genug im Topf?

MILCHBAUERN Nicht genug im Topf?

Das größte Tief in der Milchkrise scheint durchschritten. Jetzt müssten die Bauern eigentlich Rücklagen bilden. Aber wovon?

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Können die Milchbauern aufatmen?

Quelle: Lantapix / Fotolia

Allein im Jahr 2016 haben 318 Milchbetriebe in Schleswig-Holstein aufgeben müssen, im Jahr davor waren es bereits um die 200. Damals brachte der Liter Milch den Bauern zum Teil weniger als 20 Cent – die Hälfte dessen, was sie zum wirtschaftlich gesunden, zum kostendeckenden Arbeiten bräuchten. Diese 40 Cent, die seit Jahren als das gelten, was der Landwirt mindestens für seine Milch bekommen müsste, die zahlte der Kunde im Supermarkt am Ende der Warenkette.

„Es kann nicht Sinn der Sache sein, dass der Bauer Windenergie braucht, um mit seiner Milch wirtschaftlich überleben zu können.“

Kirsten Wosnitza

Bundesverband

deutscher Milchviehhalter

Nadine Schnipkoweit vom Kompetenzzentrums Milch – Schleswig-Holstein (KMSH) beschreibt die Lage so: „Die Situation auf den Betrieben war erschreckend! So etwas gab es vorher noch nicht.“

Die gute Nachricht ist nun: Der Markt hat sich inzwischen erholt und wird sich, so die Prognose, noch weiter stabilisieren. Die schlechte Nachricht ist: Die Milchbauern werden noch eine Weile brauchen, bis es auch ihnen wieder gut geht.

„Viele Berufskollegen konnten diese zwei Jahre nicht aus eigener Kraft schaffen, sie mussten sich beispielsweise Liquiditätsdarlehen holen“, berichtet Kirsten Wosnitza vom Bundesverband deutscher Milchviehhalter in Schleswig-Holstein. Sie selbst hat auf ihrem Hof in Nordfriesland 120 Milchkühe. Andere Landwirte haben Händlerkredite aufgenommen, um wenigstens Tierfutter kaufen zu können oder, wirtschaftlich genauso dramatisch, ihre staatlichen Prämien für die Zukunft bereits abgetreten. Kirsten Wosnitza: „Die Liquiditätsdarlehen sind ein Jahr tilgungsfrei. Jetzt laufen die Rückzahlungen an und belasten den Betrieb um zwei bis drei Cent je Liter Milch.“ Das, was der Landwirt nun mehr für seine Milch bekommt, muss er nutzen, um die Folgen der Krise der letzten Jahre zu beseitigen. Die Milchbauern, die vielleicht noch Einnahmen aus Biogas oder Windenergie hatten, kamen besser durch die mageren Milchpreiszeiten. „Es kann aber nicht Sinn der Sache sein, dass der Bauer Windenergie braucht, um mit seiner Milch wirtschaftlich überleben zu können!“, kommentiert die Milchbäuerin.

Eigentlich müssten die Landwirte nun Rücklagen bilden. Sparen für wieder schlechtere Zeiten. Doch dafür reichen die 35 Cent, die der Liter Milch in den vergangenen Monaten im Schnitt erbracht hat, nicht mal ansatzweise. Es ist die Zeit des „Löcherstopfens“, wenn nach so schlechten Jahren eigentlich dringend repariert oder neu investiert werden müsste. Oder wenn der Bauer sparen müsste für kommende Magerjahre. Phasen mit niedrigen Milchpreisen wird es immer wieder geben – das ist der Markt. Auch 2009 war der Milchpreis historisch niedrig – 20 Cent Erlös pro Liter kamen beim Bauern an.

„Die letzte Krise begann 2013, zu der Zeit hatten wir zuletzt die höchsten Milchpreise. Ende 2013 sanken die Weltmarktpreise durch den Rückgang der Nachfrage nach Milchpulver in China, aber auch weil die Milcherzeuger angesichts der hohen Preise weltweit mehr produziert haben“, erklärt Prof. Dr. Holger Thiele von der Fachhochschule Kiel, er ist Professor für Agrarökonomie, unterrichtet unter anderem Ökonomie der Milchwirtschaft.

2014 ließ das Russland-Embargo auch diesen Markt wegbrechen, dann 2015 das Ende der EU-Milchquote, die jahrelang eine Obergrenze für Milch bot und eine Überflutung des Milchmarktes verhindern sollte. Aber auch zu Zeiten der Milch-Quote wurde mehr produziert, als der Markt brauchte. Viele Faktoren, die in der Summe den Abwärtstrend der internationalen Milchpreise verstärkten.

Nun steigen die Preise, endlich wieder. Professor Thiele erklärt: „Wir hängen extrem eng an dem, was auf den internationalen Märkten passiert. Wenn die Schwellenländer mehr Milch nachfragen, steigen bei uns die Preise. Und dann passiert national immer das Gleiche, wenn die Preise hoch sind, wird mit etwas Zeitverzug mehr produziert.“ Und wenn das Angebot an Milch auf dem Markt zu groß

ist und /oder die Nachfrage zurückgeht, fallen die Preise. Das Gefährliche in solch einer Situation: Landwirte sind mitunter gezwungen, in solchen Tiefpreisphasen noch mehr Milch an den Markt zu bringen, um ihre wirtschaftliche Situation zu verbessern.

In den Jahren 2015 und 2016 reagierte die EU mit dem Einlagern von Milchpulver – denn das ist haltbarer als Frischmilch. Und mit einem Milchmengenreduktionsprogramm. 150 Millionen Euro standen für die freiwillige Reduzierung der Milchproduktion in der EU für die Landwirte bereit. In Schleswig-Holstein wurden insgesamt 3,7 Millionen Euro EU-Beihilfe an 927 milcherzeugende Betriebe ausgezahlt, jeder vierte erhielt so etwas über 4000 Euro, 14 Cent je Kilogramm reduzierter Milchmenge. Ein (Milch-)Tropfen auf dem heißen Stein, wie viele angesichts des Umfangs der Krise bemängelten, innerhalb von vier Monaten wurde die Menge in Schleswig-Holstein um 28 Millionen Kilogramm im Vergleich zum Vorjahreszeitraum verringert.

Trotz der Einlagerung von Milchpulver und sogar Butter stiegen die Preise nicht, der Großhandel wusste, dass die Ware früher oder später auf den Markt kommen muss.

Landwirtschaftsminister Robert Habeck meint: „Wir hatten schon früh in der Krise ein Reduktionsprogramm gefordert, um zu einer Stabilisierung der Preise beizutragen. Das Programm dazu kam spät, ist aber auf rege Nachfrage gestoßen. Das Geld wird auf den Milchviehbetrieben auch dringend benötigt. Denn auch, wenn die Preise sich langsam wieder erholt haben, stecken noch etliche Betriebe tief in den Schulden oder haben zumindest ihre Substanz aufgezehrt.“

Jetzt ist es, so Kirsten Wosnitza, das eingelagerte Milchpulver, was die weitere positive Preisentwicklung hemmt. „400000 Tonnen Milchpulver liegen auf Halde! Der Markt würde derzeit höhere Preise hergeben, wenn das Milchpulver nicht so drücken würde“, weiß sie. Das Ergebnis sind unterschiedliche Preise für die Fett- und Eiweißbestandteile der Milch, eine ungewöhnliche Situation. So kostet das Halbpfund Butter im Juli plötzlich 1,79 Euro an der Supermarktkasse. Auch der Preis für Käse zieht weiter an.

Immerhin: Gut drei Viertel der Verbraucherpreise für Butter landet beim Bauern. Thiele betont: „Der Einzelhandel hat kein Interesse daran, Butter so teuer zu verkaufen.“ Aber er muss, weil das Milchfett international teuer gehandelt wird, zum Glück für die Landwirte in der Region. Aber entscheidend ist das, was der Landwirt für die 100 Prozent Milch bekommt.

„Wir erwarten, dass der Preis weiter steigt“, sagt Thiele. Im Sommer haben die Milchbauern meist recht genau ihre Kosten für die Milchproduktion durch den Verkauf decken können. Die Unternehmen fingen im Idealfall an, wieder Gewinne einzufahren nach den drei Verlustjahren.

 Nicole Hollatz

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