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Schlingerkurs in der Werftenlandschaft

SCHIFFBAU Schlingerkurs in der Werftenlandschaft

Wettbewerbsdruck durch Überkapazitäten, eine unruhige weltweite Lage: Der deutsche Schiffbau muss sich in einem umkämpften Markt behaupten. Vor allem in den neuen Bundesländern tut er das mit Erfolg.

Werft von ThyssenKrupp Marine Systems in Kiel: Die Branche muss sich wandeln – aber die klassischen Bereiche sorgen nach wie vor für volle Auftragsbücher.

Quelle: Rtn, Ute Strait

Der Schiffbau in unserer Region steht vor komplexen Herausforderungen: „Durch die frühzeitige Konzentration auf den Bau von Spezialschiffen, von besonders umweltfreundlichen RoRo-Fähren mit LNG-Antrieb und hochinnovativen Offshore-Öl-und Gas-Schiffen in Flensburg bis zu einzigartigen Megayachten in Rendsburg, Kiel und Wewelsfleth, sind unsere Werften vom Auftragseinbruch in der Containerschifffahrt seit der Schifffahrtskrise 2008 nur am Rande betroffen“, sagt Dr. Bernd Buchholz, Wirtschaftminister Schleswig-Holsteins. „Aber auch unsere Werften spüren die Überkapazitäten am Markt und den daraus resultierenden Wettbewerbsdruck. Daher ist es umso entscheidender, durch immer neue innovative Lösungen sich immer neu zu erfinden. Neue umweltfreundliche Produkte und neue besonders energiesparende Verfahren sind hierbei der Schlüssel zum Erfolg.“

Die Kieler Werft TKMS (Thyssen Krupp Marine Systems) baut U-Boote für Ägypten, das zweite von vier in Auftrag gegebene U-Boot wurde im Sommer übergeben, bis 2021 sollen die beiden restlichen folgen.

Auch die Flensburger Schiffbau-Gesellschaft (FSG) ist für die kommenden zwei Jahre ausgelastet, im Auftrag eines französischen Reeders wird eine RoPax-Fähre für Passagiere und Fahrzeuge gebaut. 187 Meter lang mit Platz für 1800 Passagiere ist der Neubau mit einem einem Auftragsvolumen von 160 Millionen Euro dreimal so teuer und deutlich komplexer als die Fähren, die bisher in Flensburg vom Stapel liefen. Kurz vorher stand es noch so schlecht um die Werft, dass das Eigenkapital aufgebraucht werden musste.

Die Kieler Werft German Naval Yards erstritt sich einen kleinen Teil des Auftragsvolumens am Bau von fünf Schiffen für die Deutsche Marine. Der Großteil des 1,5 Milliarden schweren Auftrags über den Bau von fünf Korvetten ging an die Werften Lürssen (Bremen) und TKMS (Kiel). German Naval Yards macht regelmäßig Schiffe der Marine wieder flott, beispielsweise medienwirksam die havarierte „Frankfurt am Main“, die in Wilhelmshaven vom Kurs abkam und mit dem Heck die Schleuse touchierte. Das Ergebnis waren erhebliche Schäden am Heckspiegel, die auch Antriebs- und Ruderanlage betreffen, und Kosten im vermutlich siebenstelligen Bereich. Die Peters-Werft in Wewelsfleth hat sich auf den Spezialschiffbau und Yachten spezialisiert, bis 2020 wird die Werft mit der Aufarbeitung der aus New York geholten Viermastbark „Peking“ beschäftigt sein. Die „A“, die weltgrößte Segelyacht, wurde von der Rendsburger Nobiskrug-Werft entworfen und in Kiel auf der German Naval Yards gebaut. Ob das futuristisch anmutende Schiff für die beiden beteiligten Unternehmen ein Glücksfall gewesen ist, muss offen bleiben – zahlreiche Negativschlagzeilen wie unbezahlte Rechnungen und vermutlich illegal verbautes Tropenholz gingen um die Welt.

Die Stimmung bei den Werften Schleswig-Holsteins schwankt – je nach Auftragslage einzelner großer Unternehmen und Lage auf dem Weltmarkt – sehr stark. Die internationale Konkurrenz ist groß, aber die norddeutschen Werften können mit Erfahrung und Wissen punkten. Und: der große Nachfrageboom nach neuen Schiffen ist vorbei. Viele Werften in Asien stellten wegen des anhaltenden Auftragsmangels in den letzten Jahren den Betrieb ein. Dies gehe auch an der Branche hierzulande nicht spurlos vorüber, erklärte Dr. Wolfgang Blank, Vorsitzender der IHK Nord. Weiter: „Der deutsche Schiffbau ist weiterhin robust. Er kann sich aber vom negativen Trend auf den Weltmärkten nicht komplett abkoppeln.“

2016 waren fast 5200 Mitarbeiter auf den Werften Schleswig- Holsteins beschäftigt, hinzu kommen etwa 15000 Mitarbeiter bei Zulieferbetrieben. Der Umsatz betrug in dem Jahr rund 1,5 Milliarden Euro – fünf Prozent des Bruttosozialproduktes im Land. Und: 19 Prozent des Umsatzes der Zulieferindustrie wird in Schleswig- Holstein erzielt. Mehr vom Kuchen bekommt kein anderes Bundesland ab – die Wertschöpfung im Schiffbau wird zu drei Viertel von den Werftzulieferern erbracht.

Die richtig guten Nachrichten für den norddeutschen Schiffsbau kommen dagegen vor allen Dingen aus Mecklenburg-Vorpommern. Aus Wismar beispielsweise, wo Traumschiffe gebaut werden. Die Auftragsbücher sind bis ins Jahr 2021 gefüllt, bis 2018 sollen vier Flusskreuzfahrtschiffe der Rhein-Klasse „made in Wismar“ entstehen, 2019 wird die Ära der großen Wismarer Kreuzfahrtschiffe fortgesetzt, unter anderem mit zwei Megakreuzfahrtschiffen mit jeweils bis zu 5200 Passagieren.

Im März 2016 hatte die malaysische Unternehmensgruppe Genting mit den Kreuzfahrtmarken Star Cruises, Crystal Cruises und Dream Cruises die Werften in Wismar, Rostock und Stralsund übernommen, um so die eigene Position im Kreuzfahrtmarkt zu stärken. Eine besondere Situation, Genting ist Auftraggeber, Auftragnehmer und Reeder in einem. Der Kreuzfahrtmarkt boomt seit Jahren, die auf den Bau von Kreuzfahrtschiffen spezialisierten Werften sind weltweit über Jahre ausgebucht. Bund und Land sichern die Neubauten in Mecklenburg- Vorpommern mit einer Bürgschaft von bis zu 800 Millionen Euro ab.

Genting investiert. In einer eigenen Fabrik – der MV Werften Fertigmodule GmbH in der Hansestadt Wismar – sollen bis zu 7000 Schiffskabinen pro Jahr gefertigt werden. 2018 startet die Serienproduktion in der ehemaligen Solaranlagenhalle. Die Werften suchen seit Monaten Fachkräfte, bundes- und europaweit.

Ist das der Hoffnungsschimmer für die krisengeplagten Werftstandorte? Diesen Optimismus verbreitete Genting auch vor zwei Jahren mit der Übernahme der Lloyd-Werft in Bremerhaven, aber die erhofften Aufträge blieben weg, weil die Asiaten lieber in ihre Standorte in MV investierten. Die Lloyd-Werft stand erneut kurz vor der Pleite, bis zu 150 der 280 Kollegen mussten in Kurzarbeit gehen. Nun schickte Genting eines der eigenen Schiffe zur Überholung nach Bremerhaven. Die „Crystal Symphonie“ beendete die Kurzarbeit – die Wartung der Schiffstechnik und einige Umbaumaßnahmen standen an.

Kein Vergleich zu den MV- Werften mit Arbeit bis ins Jahr 2021. Nur in Mecklenburg-Vorpommern und in Niedersachsen werden derzeit Mitarbeiter in Größenordnungen eingestellt, in allen anderen Bundesländern und ihren Werftstandorten sei die Mitarbeiterzahl rückläufig. Das ist das Ergebnis der jährlichen Betriebsrätebefragung im Auftrag der IG Metall Küste. Danach arbeiten auf den 37 deutschen Werften rund 15800 Beschäftigte, ähnlich viele wie in den meisten Jahren seit 2013. „Der deutsche Schiffbau behauptet sich in den unruhigen Gewässern des Weltschiffbaus“, sagte Thorsten Ludwig von der Agentur für Struktur- und Personalentwicklung (AgS) als Autor der Studie. In Mecklenburg-Vorpommern sind 2300 Menschen auf den großen Werften beschäftigt. Die meisten an den drei Standorten Rostock, Wismar und Stralsund (1454), auf der Peene-Werft in Wolgast sind es knapp 300, auf der Rostocker Neptunwerft gut 470 Menschen.

Nicole Hollatz

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