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Stabil auf Wachstumskurs

INDIEN Stabil auf Wachstumskurs

25 Jahre ist es her, dass Indien antrat, seine Wirtschaft zu liberalisieren. Heute sprechen manche dem Land bessere ökonomische Aussichten zu als China. Wo steht die Wirtschaft Indiens derzeit wirklich? Welche Chancen bieten sich für deutsche und internationale Unternehmen?

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Skyline der boomenden südindischen Finanzmetropole Mumbai. Die Wirtschaft hat an Fahrt gewonnen – die sozialen Probleme in dem riesigen Land bleiben.

Quelle: Fotolia / Saiko3p

Im Sommer 1991 stand Indien vor dem Staatsbankrott. Die Jahresteuerung war auf 17 Prozent angewachsen, die Bedienung der Auslandsschulden schluckte 30 Prozent der Deviseneinnahmen. Die Währungsreserven reichten gerade noch zur Finanzierung der Importe für zwei Wochen. Nach viereinhalb Jahrzehnten forderten Staatswirtschaft und Protektionismus – mit den entsprechenden bürokratischen Auswüchsen – ihren Tribut.

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Mit dem achten Fünf-JahresPlan für die Jahre 1992 bis 1997 zogen der damalige Premierminister Narasimha Rao und sein Finanzminister Manmohan Singh die Reißleine. Die neue Wirtschaftspolitik verfolgte drei Hauptziele: Erstens wurden, um die dramatische Finanzlage in den Griff zu bekommen, massive Kürzungen der Staatsausgaben – in erster Hinsicht durch Streichung von Subventionen – beschlossen. Zweitens sollte der Außenhandel liberalisiert werden, um Importe und Exporte zu steigern; die Rupie wurde abgewertet, die umfangreichen Einfuhrbeschränkungen (Importquoten) und Zolltarife abgebaut. Drittens wurde auch der Binnenmarkt dereguliert. Private Unternehmer erhielten Zugang zu vielen zuvor ausschließlich dem Staat vorbehaltenen Wirtschaftsbereichen, etwa dem Bankwesen. Genehmigungen und Lizenzen für Privatunternehmen wurden erheblich vermindert. Regelungen zur Einschränkung ausländischer Direktinvestitionen wurden aufgehoben, ebenso die gesetzlich vorgeschriebenen indischen Mehrheitsbeteiligungen an ausländischen Investitionen.

Die positiven Effekte waren rasch zu spüren. Innerhalb von nur einem Jahr erholte sich das auf 0,8 Prozent geschrumpfte Wirtschaftswachstum auf 5,3 Prozent – ein Wert, der seither mit wenigen Ausnahmen gehalten oder überschritten wurde. Private Banken und Fluggesellschaften entstanden. Das Warenangebot wuchs mit den anziehenden Importen. Die Zölle sanken von durchschnittlich 87 Prozent in wenigen Jahren auf knapp 20 Prozent.

Und heute ist Indien – nach einer Flaute in den vergangenen Jahren – wieder energisch auf Wachstumskurs. Die Inflation, die 2014 noch bei 9 Prozent lag, ist auf 5 Prozent ausgebremst. Die niedrigen Ölpreise sorgen in dem von Importen abhängigen Land vor allem für Ersparnisse beim Einkauf. Die Asian Development Bank prognostiziert ein Wirtschaftswachstum in Höhe von mehr als 8 Prozent. Zum ersten Mal seit 1999 verzeichnet das Land eine höhere Wachstumsrate des Bruttoinlandsprodukts (BIP) als die Volksrepublik China – allerdings wurde erstmals auch der sogenannte informelle Sektor einbezogen.

Als Wachstumstreiber gilt der Dienstleistungssektor, gefolgt vom produzierenden Gewerbe. Die Regierung investiert unterdessen massiv in industrielle Arbeitsplätze. Die Kampagne „Make in India“ soll das Land für Auslandsinvestitionen attraktiver machen – die Ansiedlung von Samsung und Airbus können als Erfolge der Maßnahme gewertet werden. Im Rahmen der „Make in India“-Kampagne hat die indische Regierung eine Reihe von Programmen auf den Weg gebracht, die ausländische Geschäftsaktivitäten und Direktinvestitionen – vorzugsweise im verarbeitenden Gewerbe – durch finanzielle und steuerliche Anreize fördern.

Bei der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes wird auf starkes privatwirtschaftliches Engagement sowie Finanzierung und Know-how aus dem Ausland gesetzt. Die Vorhaben bieten zahlreiche Beteiligungsmöglichkeiten und Chancen für deutsche Firmen.

Nach Angaben des indischen Department of Industrial Policy and Promotion (DIPP) stiegen die gesamten ausländischen Direktinvestitionen (Foreign Direct Investment) FDI im Finanzjahr 2015 um 24,5 Prozent auf 44,9 Milliarden US-Dollar gegenüber 36,0 Milliarden US-Dollar im Jahr 2014. Das FDI, das über das Foreign Investment Promotion Board (FIPB) ins Land floss, wuchs sogar um 26 Prozent auf 31,9 Milliarden US-Dollar gegenüber 25,3 Milliarden US-Dollar im vorvergangenen Jahr an, was als Hinweis darauf gewertet werden kann, dass die Initiativen der Regierung, Geschäfte in Indien zu machen und insbesondere FDI zu fördern, fruchtbar waren. Den Daten zufolge wuchs der Anteil des FDI besonders in den Bereichen Infrastruktur und Dienstleistungen. Im Zeitraum von Januar bis März 2016 betrugen die FDI etwa 14,5 Millionen US-Dollar.

Deutschland ist nach Angaben des Auswärtigen Amtes Indiens wichtigster Handelspartner innerhalb der EU und (in absoluten Zahlen) sechstwichtigster Handelspartner im weltweiten Vergleich. Seit Beginn der indischen Reformpolitik 1991 hat das bilaterale Handelsvolumen rasant zugenommen. Aufgrund der Wachstumsschwäche der indischen Wirtschaft war der bilaterale Handel in den letzten Jahren allerdings leicht rückläufig. So schrumpfte das bilaterale Handelsvolumen 2014/2015 im Vergleich zum Vorjahr um 0,87 Prozent auf 15,97 Milliarden Euro. In den ersten 11 Monaten 2015 nahm das bilaterale Handelsvolumen im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 8,1 Prozent zu. Deutsche Ausfuhren stiegen um 9,8 Prozent, während Einfuhren aus Indien um 6,4 Prozent anzogen.

In der Rangfolge der deutschen Handelspartner steht Indien nach Angaben des Statistischen Amtes auf Platz 25, bei Einfuhren auf Platz 27 und bei Ausfuhren auf Platz 25. Umgekehrt steht Deutschland in Indien als Lieferant an 8. Stelle und als Abnehmer indischer Waren an 5. Stelle. Der Schwerpunkt indischer Exporte nach Deutschland liegt demnach im Textilbereich, gefolgt von chemischen Erzeugnissen, Elektrotechnologie, Metallwaren, Leder und Nahrungsmitteln.

Schleswig-Holstein hat zuletzt nur noch Waren im Wert von 180 Millionen Euro nach Indien exportiert – zum Vergleich: Noch 2011 und 2012 waren es jeweils mehr als 250 und 260 Millionen Euro. Vor allem Pumpen und Medizintechnik aus Norddeutschland waren dabei gefragt. Aus Indien importiert hat Schleswig-Holstein zuletzt Güter im Wert von rund 170 Millionen Euro – vor allem Textilien.

Ein reiner Absatzmarkt ist das Land mit mehr als 1,2 Milliarden Einwohnern für die Gebr. Schröder GmbH aus Kiel. „Unser Unternehmen hat erste Markterkundungen in Indien seit 2007 betrieben“, sagt Jürgen Usinger, Vertriebsleiter und Prokurist bei dem Hersteller hochwertiger Schneidwerkzeuge für den professionellen Obst- und Weinbau sowie für handwerkliche und industrielle Einsätze: „Wie für alle Exportmärkte unseres Unternehmens suchten wir einen Importeur und Vertriebspartner, der unsere Original Löwe Scheren in Indien am Markt einführt und nach und nach möglichst flächendeckend vertreibt.“

Bei einer Delegationsreise mit Vertretern aus Wirtschaft und Politik, organisiert durch die WTSH in Kiel, habe man erste Eindrücke gewonnen und sei in Matchmakings in Delhi und Mumbai mit interessierten Unternehmern persönlich in Kontakt getreten. „Anschließend haben wir als weitere Leistung der WTSH das Gemeinschaftsbüro der IGEP, Neu Delhi für einige Jahre genutzt und ,anteilig’ einen Mitarbeiter mit 50 Prozent dessen wöchentlicher Arbeitszeit für unsere Belange in Anspruch genommen. Dort wird unter Einsatz indischer Mitarbeiter eine Nahtstelle zur Wirtschaft gebildet, Recherchen, Kommunikation und Vor- Ort-Bereisungen werden für einen überschaubaren finanziellen Einsatz kompetent organisiert und durchgeführt. Diese Leistung ist obendrein förderfähig und wird bis zu 18 Monate lang mit bis zu 50 Prozent unterstützt.“

Den ersten tatsächlichen Geschäftspartner habe das Unternehmen aber dann über einen Messekontakt in Deutschland kennengelernt und mit ihm 2008 bis 2013 zusammengearbeitet. „Dann mussten wir aufgrund stagnierender Umsätze beziehungsweise fehlenden Engagements nach einem neuen Partner suchen“

In Indien sei, so Usinger, die Kommunikation auf Englisch absolut unkompliziert und vollständig. Kulturelle Hindernisse habe er nicht kennnengelernt. „Generell ist nur viel Geduld gefragt, denn alle Abläufe sind von Langsamkeit geprägt und Feiertage unterbrechen nur zu oft das Tagesgeschäft.“

Eine Herausforderung bei der Vermarktung hochpreisiger Produkte sei das geringe Lohnniveau, gerade im Agrar-Bereich in dem südasiatischen Land. Hürden bei der Einfuhr bestünden für die Produkte des Kieler Herstellers kaum. „Eher gilt es, sich bei der Zahlung der Lieferungen auf ein für beide Geschäftspartner annehmbares Procedere abzustimmen – ist doch das enorm dokumenten-aufwändige und gebühren-intensive Akkreditiv traditionell noch erstes Mittel der Wahl, von dem wir uns aber aufgrund von Beträgen im unteren Zehntausender Bereich verabschiedet haben.“

Usinger geht davon aus, dass der Markt stabil bleibt. „Für die nächsten Jahre erwarten wir weder eine grundlegende Veränderung hin zu westlichen Wirtschaftsstrukturen noch einen massiven Aufschwung der Wirtschaftskraft insbesondere in dem für uns relevanten Bereich der landwirtschaftlichen Betriebe im Einzelnen. Aber soweit wir verlustfrei oder gar inzwischen mit geringen Gewinnen unsere Präsenz am Markt für die weitere Zukunft vorbereiten können, wollen wir rechtzeitig mit am Start sein. Vielleicht kann man sogar sagen, wir sind schon einen kleinen Schritt weiter.“

Doch trotz allgemein guter Prognosen sind auch Zweifel erlaubt. So sieht der „Global Competitiveness Report 2015-16“, ein Ländervergleich zur Bewertung der Wettbewerbsfähigkeit der Volkswirtschaften weltweit, Indien, entgegen seiner konjunkturellen Erfolge, nicht nur positiv. Das Land hat seine Position von Platz 71 auf 55 zwar verbessern können, liegt aber immer noch hinter anderen Bric-Staaten zurück. Nur Brasilien hat schlechter abgeschnitten. Die Herausgeber der Studie betonen, dass soziale Ungleichheit und mangelhafter Umweltschutz, besonders in den urbanen Zentren, zu einer schlechten Bewertung geführt hat.   •

Oliver Schulz

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