Volltextsuche über das Angebot:

2 ° / -8 ° wolkig

Navigation:
Umstrittene Kost

GENTECHNIK Umstrittene Kost

Auf gentechnisch veränderte Produkte zu verzichten, kann einen Wettbewerbsvorteil verschaffen. Aber was heißt eigentlich „frei von Gentechnik“?

Voriger Artikel
Kaum Unterstützung durch die Ämter
Nächster Artikel
Eine Frage des Glaubens

Klaus Lorenzen öffnet die verglaste Tür des Kühlregals. Er greift eine Milch und zeigt auf das grüne Label. „Ohne Gentechnik“ ist dort geschrieben. Besonders groß ist das viereckige Siegel nicht, dennoch steht es für einen wichtigen Grund, der die Kunden in das Geschäft in der Lübecker Ziegelstraße treibt. Klaus Lorenzen ist geschäftsführender Vorstand bei Landwege — unter dem Namen werden insgesamt fünf Bio-Märkte in Lübeck und Bad Schwartau geführt. Bis zu 7000 Produkte führen die Geschäfte. Die Genossenschaft arbeitet mit etwa 30 Mitgliedshöfen von Neumünster bis Schwerin zusammen. Sie liefern unter anderem Obst, Gemüse, Käse, Fleisch und Milch in die Filialen.

Ausschließlich gentechnikfreie Produkte anzubieten, ist für den 50-Jährigen selbstverständlich. Schließlich sei alles andere „unkalkulierbar“, ähnlich wie bei einem Atomunfall, sagt der studierte Agrarwissenschaftler.

Zwar dürfen in Europa keine gentechnisch veränderten Lebensmittel verkauft werden, doch bei Produkten wie Eiern, Fleisch und Milch gibt es sozusagen eine Grauzone: Die Tiere, die sie produzieren, können durchaus mit gentechnisch veränderten Organismen (GVO) gefüttert worden sein. Bei Landwege wird dies ausgeschlossen.

Bio-Vertreter Lorenzen begreift seine klare Haltung längst auch als Marketing-Instrument. Auf den Höfen, wo die Milch produziert wird, stehen Schilder wie: „Wir arbeiten ohne Gentechnik“. Weiße Schrift auf grünem Hintergrund — Information und zurückhaltende Werbung, die bei den Kunden ein gutes Gefühl erzeugt. Auch Aufkleber, Buttons und Flyer hat Landwege gedruckt. Die Werbung unterstreiche nur die Erwartungshaltung, die Kunden von Bio-Fachmärkten haben, sagt Lorenzen.

Was das Wort Gentechnik bedeutet, erklärt das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft auf seiner Website: „Mit dem Begriff ,Gentechnik‘ werden Verfahren bezeichnet, mit denen Erbgut durch besondere Techniken in Organismen eingebracht und dadurch neu kombiniert werden.“ Die gentechnische Übertragung der Erbinformation erfolge entweder direkt zum Beispiel durch Mikroinjektion oder über Viren und Bakterien, so genannte Vektoren. „Die Gentechnik beschäftigt sich dabei konkret mit Methoden zur Isolierung von Genen und zur Herstellung neu kombinierter DNA.“ Und diese Eingriffe in Organismen hält die Bio-Branche für höchst fragwürdig, da die Prozesse nicht mehr umkehrbar seien, wie Lorenzen sagt. Zudem steige die Resistenz gegenüber Spritzmitteln an.

In ganz Deutschland werden seit 2014 keine gentechnisch veränderten Organismen mehr angebaut. In Schleswig-Holstein sogar schon länger, sagt Kirsten Hess vom Bauerverband aus Rendsburg. Seit 2012 ist der Boden des Bundeslandes frei von Gentechnik. Dies bedeutet jedoch nicht, dass die 13 300 Landwirte ganz auf GVO verzichten. Futtermittel aus verändertem Soja werden beispielsweise aus Südamerika importiert. Eine genaue Zahl kann die Landwirtschaftsexpertin für Schleswig-Holstein nicht nennen. Das Umweltinstitut München geht aber davon aus, dass jährlich etwa 37 Millionen Tonnen zumeist genmanipulierte Sojabohnen oder Sojaschrot in die EU importiert werden. Etwa 80 Prozent davon landeten schließlich im Futtertrog.

„Man versucht hier das importierte Eiweiß zu ersetzen“, sagt Hess vom Bauernverband. Eine Alternative sei beispielsweise Rapsschrot. Raps könne von den Landwirten selbst angebaut werden. So seien die Bauern nicht mehr von den Preisschwankungen der importierten Sojabohnen betroffen.

Sie sagt aber auch, wolle man in ganz Schleswig-Holstein dieses Soja durch einheimische Pflanzen austauschen, so müssten dafür auf einer Fläche, die so groß ist wie Mecklenburg-Vorpommern, Leguminosen, auch bekannt als Hülsenfrüchte wie Erbsen und Bohnen, angebaut werden.

Die Bauern möchten sich in der Presse nicht über Gentechnik im Futter äußern. Das Thema ist offenbar zu umstritten. Zu groß ist die Angst, das eigene Image zu beschädigen.

Denn der Großteil der Deutschen — die Bundesregierung geht von mehr als 80 Prozent aus — möchte gentechnisch veränderte Erzeugnisse nicht auf ihren Tellern und erst recht nicht in ihren Mägen haben. Und doch berichten Nachrichten immer wieder von einem Dilemma der Lebensmittelbranche: Da viele Einkäufer besonders billiges Fleisch erwerben wollen, ist die Produktion für viele Hersteller angeblich nur durch günstigeres und genmanipuliertes Futtermittel zu leisten.

Der Verkauf von Lebensmitteln ist ein großes Geschäft. Laut einer Umfrage der „Lebensmittel Zeitung“ gaben die Deutschen im Jahr 2014 rund 247 Milliarden Euro im Lebensmittelhandel aus — 2,6 Prozent mehr als im Vorjahr. Das geht aus einer Untersuchung des Fachblattes hervor. Für das Jahr 2015 liegen bisher keine Zahlen vor. Unangefochtener Marktführer war 2014 demnach Edeka.

Die 300 Edeka-Märkte in Schleswig-Holstein gehören zu Edeka Nord und werden von selbstständigen Kaufleuten betrieben, wie Caren Schulze, Sprecherin der Edeka Handelsgesellschaft Nord aus Neumünster erklärt. Das Unternehmen habe bei seinen Eigenmarken-Produkten die Zielsetzung, „dass bei Futtermitteln für Schweine, Rinder und Geflügel schrittweise eine Umstellung auf heimische Futtermittel oder auf zertifiziert verantwortungsvolleres, gentechnikfreies Soja erfolgt“, so Schulze. Edeka führt in Norddeutschland die Eigenmarken „Unsere Heimat“ und „Gut & Günstig“.

Viele herkömmliche Supermärkte achten gerade bei ihren Eigenmarken darauf, was drin steckt.

So auch die Rewe Group. „Jedweder Einsatz von kennzeichnungspflichtigen gentechnisch veränderten Organismen in unseren Eigenmarken muss der Rewe Group im Vorfeld zur Freigabe angezeigt werden“, sagt Marco Sandner, Pressesprecher von Rewe. Die Rewe Group respektiere die überwiegend ablehnende Haltung der Kunden und habe eine solche Freigabe bisher nicht erteilt. „Dies werden wir auch in Zukunft so halten, sofern dies dem Wunsch unserer Kunden entspricht.“ Zu den Eigenmarken von Rewe gehören „Ja!“, „Wilhelm Brandenburg“ und "Rewe Beste Wahl“.

Rewe und Edeka betonen zudem, dass sie Mitglieder im Verband Lebensmittel ohne Gentechnik sind. Die Eigenmarken der beiden Unternehmen stehen auch in einer von Greenpeace herausgegebenen „Grünen Liste“ von 2015. Dort werden Produkte genannt, bei denen bereits darauf geachtet wird, dass keine gentechnisch veränderten Pflanzen in der Fütterung verwendet werden.

Keine Stellungnahme zu dem Thema gibt dagegen die Coop eG. Auf eine generelle Anfrage teilt eine Sprecherin aus Kiel mit, man stehe „aus zeitlichen Gründen für ein Gespräch nicht zur Verfügung.“

Wie die Unternehmen in Schleswig-Holstein zukünftig mit dem Thema Gentechnik umgehen, wird aber auch wesentlich von höherer Stelle entschieden.

Der Gentechnik-Experte Christoph Then von Testbiotech hat sich in der Studie „Freihandel — Einfallstor für die Agro-Gentechnik“ mit den möglichen Auswirkungen von TTIP auf die EU-Regelungen in der Landwirtschaft beschäftigt. Das transatlantische Freihandelsabkommen TTIP wird gerade zwischen der Europäischen Union und den USA verhandelt. Und wie die Untersuchungen zu dem bereits fertig verhandelten Freihandelsabkommen mit Kanada, das unter dem Namen CETA läuft, zeigen, ist für die Verbraucher offenbar tatsächlich Grund zur Sorge. Then schreibt: Es müsse angenommen werden, „dass es im Rahmen der geplanten Freihandelsabkommen sehr wohl beabsichtigt ist, die Standards für Umwelt- und Verbraucherschutz im Bereich der Agro-Gentechnik abzusenken. „

Wenn es in die Richtung gehen sollte, dass TTIP beschlossen wird, dann wird Klaus Lorenzen von Landwege wieder mehr Buttons und Aufkleber drucken und für Essen ohne Gentechnik trommeln. Denn TTIP würde der Bio-Branche große Probleme bereiten, sagt Lorenzen. Sollte TTIP abgeschlossen werden, „wird es schwerer werden, die Gentechnikfreiheit aufrecht zu erhalten.“ Die Lebensmittel, die dann nach Deutschland kämen, müssten stärker auf Gentechnik überprüft werden. Dies sei auch mit steigenden Kosten und letzlich mit steigenden Preisen verbunden. Seiner Meinung nach würde dies zu einer größeren Blockade der Bio-Märkte von den Produkten aus den USA führen.

Dass Europa weitestgehend gentechnikfrei ist, sei ein enormer Standortvorteil, sagt Lorenzen. Dieser müsse weiterhin genutzt werden.

Von Elena Vogt

Voriger Artikel
Nächster Artikel
LN Jobs Stellenanzeigen aufgeben

Das Stellenportal der Lübecker Nachrichten bietet Ihnen den passenden Rahmen für Ihre Stellenangebote. Schalten Sie Ihre Anzeige schnell und effizient hier. mehr

Hier finden Sie die älteren Ausgaben von dem Magazin "DIE WIRTSCHAFT". mehr

Mediakompass: Werbekanäle bei den Lübecker Nachrichten

Werben mit Erfolg: Bei den Lübecker Nachrichten, als regional marktführendes Medienhaus, haben Sie die Chance Ihre Werbung über verschiedene Werbekanäle und Crossmedia-Optionen optimal zu präsentieren! mehr