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Verbale Brückenbauer

DOLMETSCHER Verbale Brückenbauer

Für den Small Talk mit internationalen Kunden mag das eigene Englisch reichen. Für komplizierte Sachverhalte sind Dolmetscher unersetzlich.

 

 

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An einem Tag geht es zu einer technischen Tagung, am nächsten Tag um Ernährungsthemen und dann zur Aufsichtsratssitzung eines großen Unternehmens: Manuela Willes Arbeitsalltag wird nie zur Routine.

Ständig neue Themen, neue Veranstaltungen, andere Menschen, langweilig wird das nie, sagt die Dolmetscherin aus Hamburg vom Netzwerk der Konferenzdolmetscher Unisono. Und das ist es, was sie an ihrem Beruf so schätzt. Seit 26 Jahren dolmetscht sie in den Sprachen Englisch, Deutsch und Spanisch, und obwohl sie schon bei vielen Veranstaltungen und Verhandlungen gearbeitet hat, gibt es immer wieder neue Situationen und Herausforderungen zu meistern.

Da sind nicht nur die ständig neuen Vokabeln und Fachbegriffe, mit denen sich die Dolmetscherin auf die Veranstaltungen vorbereitet. Das dicke Oxford Dictionary reicht dafür längst nicht aus, denn oft geht es um ganz spezielle, unternehmensspezifische technische Ausdrücke, die in normalen Wörterbüchern nicht zu finden sind. Hier kommt häufig Fachsoftware zum Einsatz.

Eine ganz besondere Herausforderung sind die Tücken der Technik. So kommt es schon mal vor, dass die Kopfhörer, über die sie die Redebeiträge hört, ausfallen. Eine Festrede im allgemeinen Geraschel und Gehuste im großen Saal Wort für Wort zu hören und zu dolmetschen, ist gar nicht so einfach. Und wenn dann auch noch ihr Mikrofon versagt, das ihre Verdolmetschung in die Kopfhörer des Publikums überträgt, dann bleibt oft nur noch das „Beflüstern“: die Zuhörer um sich scharen und leise, aber nicht zu leise, das Gesagte dolmetschen.

Abwechslungsreich sei ihr Beruf immer, sagt Manuela Wille. Und das liege nicht nur an der erforderten Konzentration.

In der gesamten Metropolregion Hamburg ist sie für ihre Kunden unterwegs, aber es kommt auch schon mal vor, dass sie nach Berlin oder auch Übersee reist, um beispielsweise bei Vertragsverhandlungen zwischen Unternehmen zu dolmetschen. Denn gerade bei vertraulichen Angelegenheiten sei es den Kunden wichtig, einen Dolmetscher dabei zu haben, auf den sie sich verlassen können. „Es geht sehr oft um Diskretion, dann darf von so einem Termin nichts nach außen dringen.“

Manuela Wille wird nicht nur bei Aufsichtsratssitzungen oder Vertragsverhandlungen gerufen, sie dolmetscht auch bei Hauptversammlungen von Unternehmen, die etwa internationale Anteilseigner oder Vorstände haben, bei Pressekonferenzen mit internationalen Pressevertretern, bei Festvorträgen von Firmenjubiläen, bei Händlertagungen, bei denen zum Beispiel Verkäufer aus ganz Europa fortgebildet werden, bei Betriebsversammlungen oder Eurobetriebsratssitzungen.

Da auch immer mehr Mittelständler ausländische Anteilseigner haben und die internationalen Verflechtungen in den vergangenen Jahren ständig weiter zugenommen haben, wird ihre Hilfe immer häufiger gebraucht. Englisch ist dann oft die Verkehrssprache, ihr Spanisch musste sie in den vergangenen Jahren immer seltener zum Einsatz bringen. „Die Leute sprechen heute besser Englisch – aber die Arbeit von uns Dolmetschern wird dennoch sehr gebraucht“, sagt Manuela Wille.

Denn oft reiche das Englisch zwar zum Small Talk beim Mittagessen, aber wenn es um kompliziertere Sachverhalte gehe oder gar um Vertragsverhandlungen, bei denen jedes Wort zähle und Missverständnisse fatal wären, sei ihre Arbeit als Dolmetscherin unerlässlich.

„Unsere Arbeit wird sehr oft unterschätzt.“ Englisch, das könne doch jeder – das denken viele, aber dem sei nicht so. Sie merke immer wieder, wenn sie nicht von Anfang in Vertragsverhandlungen dabei ist, sondern erst in der zweiten oder dritten Runde dazu trifft, dass die Vertragspartner bis dahin nicht selten haarscharf aneinander vorbeigeredet haben. „Selbst, wer fließend Englisch spricht, ist einem Muttersprachler gegenüber immer in einem Nachteil“, so Manuela Wille. Smarte Manager arbeiten daher lieber mit Dolmetschern, als sich nur auf ihr Schulenglisch zu verlassen.

In 80 Prozent der Fälle geht es ums Simultandolmetschen, bei dem Dolmetscher nur ganz leicht zeitversetzt das Gesagte übersetzen – man kennt es von großen Fernsehshows, wo der Dolmetscher als Stimme aus dem Off wahrnehmbar ist. Das Simultandolmetschen erfordere eine spezielle Technik, die man im Studium lerne, erklärt Manuela Wille. Dabei geht es darum, Inhalte gleichzeitig zu erfassen und in der jeweils anderen Sprache genau wiederzugeben – aber dabei auch das zu erfassen, was zwischen den Zeilen gesagt wird. Nicht nur die Fakten gelte es rüberzubringen, sondern auch den Tonfall.

Deshalb sei es so wichtig, den Redner zu sehen – und optimalerweise auch das Publikum und dessen Reaktionen. Gerade bei interkulturellen Veranstaltungen sei es wichtig, auch den kulturellen Kontext zu kennen und zu beachten. „Wir Dolmetscher sind nicht nur Mittler zwischen Sprachen, sondern auch zwischen den Kulturen“, betont Manuela Wille. So hat ein Fluch im Deutschen eine ganz andere Bedeutung als bei den höflichen Briten – ein im Deutschen herausgerutschtes „Verdammt noch mal!“ sollte man auf Englisch nicht unbedingt so übersetzen.

Um diese kulturellen Unterschiede zu kennen, sollten Dolmetscher am besten eine Zeitlang im Ausland gelebt haben. Im Studium erlernt man die Sprachen und die Dolmetschtechniken, aber nur durch das Eintauchen in andere Kulturen begreift man den kulturellen Kontext.

Das Simultandolmetschen lernt man im Studium, es handelt sich hierbei um eine ganz besondere Technik, bei der man gleichzeitig Inhalte erfasst und in eine andere Sprache dolmetscht. Um in dieser Technik drinzubleiben, muss man sie regelmäßig trainieren, sagt Manuela Wille. Ein bisschen wie beim Klavierspielen, wo die Finger auch „einrosten“, wenn man eine längere Pause macht. „Beim Simultandolmetschen muss man hochkonzentriert sein“, so Manuela Wille. Kein Wort darf man verpassen, keine Message zwischen den Zeilen überhören. Diese Konzentration könne man nur schwer länger als 30 bis 45 Minuten aufrechterhalten, weshalb Dolmetscher in der Regel im Team arbeiten und sich regelmäßig abwechseln.

„Dazu kommen noch die besonderen Herausforderungen, die jede Sprache mit sich bringt.“ Englisch zum Beispiel sei 30 Prozent kürzer als die deutsche Sprache. Ganz abgesehen von landestypischen Redewendungen, die man selten wörtlich übersetzen kann. Ein Heinz-Erhardt-Zitat aus dem Deutschen ins Englische zu übersetzen, ohne dass die Pointe dabei flöten geht, sei nicht immer ganz einfach.

Das Konsekutivdolmetschen, bei dem man nicht zeitgleich übersetzt, werde heute seltener angewendet als früher, so Manuela Wille. Es sei nicht unbedingt einfacher, das Gesagte nach Absätzen zusammenzufassen – denn beim Konsekutivdolmetschen sei man viel präsenter, da man oft direkt neben dem Hauptredner sitze, statt in einer abgeschotteten Kabine.

Aber egal, ob Simultan- oder Konsekutivdolmetschen: Nicht nur die Konzentration muss hoch sein, auch die Sorgfalt. Nicht zuletzt auch, weil Dolmetscher haftbar gemacht werden könnten, etwa bei Verträgen oder Schiedsgerichtverhandlungen. „Man muss diesen Beruf lieben und auch diese besondere Art von Stress“, sagt die Dolmetscherin. Da verwundert es nicht, dass sich 90 Prozent der Absolventen eines Studiums für den Übersetzerberuf entscheiden und nur zehn Prozent den Weg des Dolmetschers einschlagen.   •

Nathalie Klüver

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