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Von Algenpulver bis Virus-Nachweis

BIOTECHNOLOGIE Von Algenpulver bis Virus-Nachweis

Biotechnologische Unternehmen und Institute wirken landesweit auf vielfältige Weise. Manche züchten widerstandsfähige Kulturpflanzen, stellen biologische Pflanzenschutzmittel, Enzyme für die Lebensmittelindustrie und Nahrungsergänzungsmittel aus Algen her. Andere haben Tests zum Nachweis des Zika-Virus entwickelt. Oder forschen zu neuen Antibiotika.

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Die Biotech-Branche hat sich kontinuierlich weiterentwickelt, besonders im Diagnostikbereich und in der Produktion von Wirkstoffen.

Quelle: Kwanchaift, Paulista/fotolia

BlueBioTech: Der Name ist Programm. Seit 16 Jahren ist die schleswig-holsteinische Unternehmensgruppe im Bereich der Meeresbiotechnologie, der sogenannten blauen Biotechnologie, tätig. Der Stoff auf den sie sich dabei gründet ist winzig, mit bloßem Auge nicht erkennbar: BlueBioTech kultiviert Mikroalgen. Angefangen als Spin-Off der Kieler Universität mit der BlueBioTech GmbH in Büsum, entstand 2002 mit der BlueBioTech International GmbH in Kaltenkirchen ein weiteres Unternehmen mit heute rund 40 Mitarbeitern, Algenfarmen in China und auf Teneriffa – sowie einer Produktlinie samt TV-Sendung.

Seit 2006 werden die „Dr.Peter Hartig“-Nahrungsergänzungsmittel über den Teleshopping-Sender HSE 24 vermarktet. Hartig ist einer der Gründer von BlueBioTech und promovierte bereits zu Mikroalgen. Die kommen in Form von Spirulina-Pulver nicht nur in den Nahrungsergänzungsmitteln vor, sondern auch in Konzentraten für die Fischlarvenaufzucht, die die Unternehmensgruppe herstellt.

„Mikroalgen genießen aufgrund ihrer Nährstoffvielfalt und vielseitiger Einsatzmöglichkeiten – einige Algen enthalten über 4000 Inhaltsstoffe – nicht nur in Schleswig-Holstein, sondern weltweit einen hervorragenden Ruf“, sagt Christian Heller, Mitglied der Geschäftsleitung in Kaltenkirchen. In der Mikroalgenbiotechnologie sieht er entsprechend noch viel Potential: „In Sachen Kultivierung und Erforschung von Mikroalgen bleiben wir weiterhin international aktiv.“ Dabei wolle das Unternehmen auch in Schleswig-Holstein weiterwachsen.

„Erhebliche Entwicklungspotenziale“ spricht auch die Industrie und Handelskammer Schleswig-Holstein in ihrem Branchenreport dem Bereich der „Healthcare-Industries mit den Sparten Medizintechnik, Pharmaindustrie und Biotechnologie“ zu. Bei Life Science Nord heißt es dazu: „Die Biotech-Branche hat sich kontinuierlich weiterentwickelt, gerade im Diagnostikbereich und in der Produktion von Wirkstoffen.“ Die medizinische Biotechnologie spiele hier als Schlüsseltechnologie entsprechend für Unternehmen der industriellen Gesundheitswirtschaft eine zentrale Rolle. Auch die weiteren Zukunftsaussichten sieht das Life-Science-Netzwerk, an dem die Länder Hamburg und Schleswig-Holstein zu jeweils 40 Prozent beteiligt sind, dabei positiv.

Nach Angaben des Clusters für medizinische Fragestellungen waren 2014 in Schleswig-Holstein und Hamburg in zirka 200 Unternehmen im Bereich der medizinischen Biotechnologie 17000 Erwerbstätige beschäftigt. Der Umsatz lag bei rund 6,8 Milliarden Euro. Zu beachten sei dabei, dass die Definition „Biotechnologieunternehmen“ ein gern diskutierter Begriff ist, so PR-Managerin Simone Hauck. „Wir verwenden dezidiert nicht die OECD-Definition und zählen teilweise auch Pharmaunternehmen hinzu, da diese ebenfalls biotechnologische Methoden in Forschung und Produktion nutzen.“ Zudem würden die Grenzen zwischen Medizintechnik und Biotechnologie immer mehr verschwimmen.

Zu Grunde liegt die Definition der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD, siehe Info-Text) den Angaben der BIOCOM AG. Laut Jahresbericht des Fachinformationsunternehmens gab es demnach 2015 in Schleswig-Holstein 15 Biotechnologie-Unternehmen mit 230 Mitarbeitern (2014: 11/200), deutschlandweit rund 593 Firmen mit rund 19000 Arbeitsplätzen (2014: 17930). Der Umsatz dieser dedizierten Biotech-Firmen, also der hauptsächlich mit Biotechnologie beschäftigten Unternehmen, wird mit 3,28 Milliarden Euro beziffert – plus acht Prozent gegenüber dem Vorjahr. Nimmt man die sonstigen, biotechnologisch aktiven Firmen aus Pharma- und Chemieindustrie hinzu, beschäftigt die Branche laut BIOCOM AG bundesweit fast 40 000 Mitarbeiter. Der Großteil widmet sich dabei auch im Norden der roten Biotechnologie, also deren Einsatz im medizinischen Bereich.

Die Hansestadt als

biotechnologischer

Wissenschaftsstandort

Auch die Euroimmun AG zählt dazu. Das Lübecker Unternehmen produziert Test- und Automatisierungssysteme für die Labordiagnostik von Autoimmun- und Infektionskrankheiten, Allergien und Genanalysen. „Im Vordergrund stehen Testsysteme zum Nachweis von Antikörpern. Dabei werden neben natürlichen Testsubstraten zunehmend auch biotechnologisch hergestellte Proteine und maßgeschneiderte Designer-Antigene eingesetzt, um die Tests zu verbessern“, erklärt Dr. Johanna Fraune.

Mit NS1 findet sich ein solches Protein auch im Zika-Test, den Euroimmun Anfang dieses Jahres auf den Markt gebracht hat – „als einen der ersten Antikörpertests zum Nachweis von Zika-Virus-Infektionen weltweit“, so die Unternehmenssprecherin. Mit Hilfe des biotechnologisch hergestellten Proteins können Zika-Virus-Infektionen zuverlässig identifiziert und gegenüber Infektionen mit verwandten Virusarten abgegrenzt werden. Nach Zulassung durch die brasilianische Gesundheitsbehörde kommt der Test inzwischen in vielen Laboren in Brasilien zum Einsatz.

Eine zentrale Rolle in der Biotechnologie spielt Lübeck vor allem auch als Wissenschaftsstandort. „Die wissenschaftliche Vielfalt und Kompetenz dokumentiert sich hier neben dem Centrum für Industrielle Biotechnologie, der Universität und der Fachhochschule vor allem auch durch die Fraunhofer Einrichtung für Marine Biotechnologie“, sagt Wirtschaftsminister Reinhard Meyer. Im März hatte er dem CIB einen Förderbescheid von 730 000 Euro übergeben. Mit den Mitteln aus dem Landesprogramm Wirtschaft sollen neue Projektthemen entwickelt und die Zusammenarbeit mit der Industrie intensiviert werden. Er setze darauf, „dass die Ergebnisse aus Wissenschaft und Forschung in wirtschaftliche Anwendungen transformiert werden“, so Meyer.

Seit seiner Gründung 2009 hat das CIB, das sich längst nicht mehr nur auf die industrielle Biotechnologie, sondern auch auf Biomedizintechnik, Meeresforschung und Lebensmittelwirtschaft konzentriert, diverse Kooperationen geschlossen, etwa mit Niederegger, Kölln Flocken, Brüggen und CPKelco Germany. „Insgesamt hat das CIB dabei Forschungsmittel von mehr als zirka 1,5 Millionen Euro eingeworben“, sagt dessen Leiter Prof. Dr. Uwe Englisch. Vom Land flossen bislang rund 2,5 Millionen.

Auch hinsichtlich der Ausbildung von Fachkräften, insbesondere für kleine und mittelständische Unternehmen, sind die Wirtschaftskooperationen von Bedeutung: Bis Ende 2015 wurden laut Englisch mehr als 30 Abschlussarbeiten in Projekten mit Industriepartnern durchgeführt. Aktuell sind rund 25 Mitarbeiter am CIB beschäftigt. Ein Teil von ihnen entwickelt gerade ein aktuelles Forschungsthema neu:

die Hemmung von antibiotikaresistenten Keimen durch Inhaltsstoffe aus Algen.

Mit Algen gegen

multiresistente Keime

Auf dem Gebiet sind auch die Mitarbeiter der Fraunhofer-Einrichtung für Marine Biotechnologie (EMB) tätig: „Wir erproben einen Einsatz von Algeninhaltsstoffen im Kampf gegen multiresistente Keime“, sagt Sandra Schumann. „Wir hoffen, dass diese Stoffe, anders als klassische Antibiotika, die Bildung eines Biofilmes, in dem sich die Keime festsetzten, unterbinden“, erklärt die Sprecherin der EMB. Da der Wirkstoff nicht die Bakterien direkt angreife, würden so auch keine Antibiotikaresistenzen entstehen.

Gegründet wurde die EMB 2008 auf Basis eines Kooperationsvertrages der Landesregierung, der Fraunhofer-Gesellschaft und der Universität zu Lübeck. Anfangs finanzierte sich die Einrichtung in erster Linie über die Anschubfinanzierung des Landes sowie Gelder des Bundes und der EU, für den Institutsneubau und die Erstausstattung flossen insgesamt rund 30 Millionen Euro. Seit 2013 finanziert sich die EMB wie alle Fraunhofer- Institute zum großen Teil durch öffentliche und private Aufträge. Die Mitarbeiterzahl stieg von 20 auf 65 Personen.

Auch von der EMB könne die klein- und mittelständisch geprägte Wirtschaft profitieren, so Schumann, die wissenschaftlichen Bedingungen in Lübeck seien optimal: „Die Highlights der universitären Grundlagenforschung werden in der angewandten Forschung der Fachhochschulen und Fraunhofer-Institutionen aufgegriffen und reifen in Projekten mit Industrieunternehmen zu Produkten heran. Die Innovations- und Zukunftsfähigkeit der Betriebe wird gestärkt.“

Ein Beispiel dafür ist die Kooperation mit der Bioenergy CellTec GmbH bei der Entwicklung zellbasierter Therapien. „Für die Erprobung neuer Wundauflagen für chronische Wunden hat die Firma extra ihren Firmensitz nach Lübeck verlegt“, sagt Schumann, die die Aussichten der Branche im Norden positiv sieht, sich für das „Zukunftsfeld“ Biotechnologie aber auch mehr Aufmerksamkeit wünscht. „Es wäre schön, wenn Schleswig-Holstein stärker für Biotechnologie steht, sie sichtbarer wird“, meint Schumann – mögen manche Stoffe, die dabei zum Einsatz kommen, noch so winzig sein.

Britta Kessing

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