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Von der Nischenwirtschaft zur Boombranche

ÖKOLOGISCHE LANDWIRTSCHAFT Von der Nischenwirtschaft zur Boombranche

Mehr Bio-Bauern, mehr Ökoanbaufläche, steigende Nachfrage nach Bio-Produkten: Bio-Landwirte genießen hohes Vertrauen in der Gesellschaft. Damit die Branche schneller wächst, fordern Bio-Verbände mehr Förderungen.

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Was vor einigen Jahrzehnten noch weithin belächelt wurde, hat sich lange am Markt durchgesetzt: Ökologische Produkte sind heute im Wortsinn in aller Munde.

Quelle: Studio M / Fotolia

Seit Jahren wächst die Zahl der Landwirte in Schleswig-Holstein, die von konventioneller Landwirtschaft auf ökologische umstellen. Die Nachfrage in der Gesellschaft nach Produkten, die ohne den Einsatz von Pestiziden, Gentechnik oder Antibiotika bei der Viehhaltung erzeugt wurden, steigt ebenfalls. „Bio“ ist offensichtlich weit mehr als ein Trend.

„Das Land ist eine Gunstregion mit hohen Erträgen in der konventionellen Landwirtschaft. Das macht die Differenz zwischen dem, was ein Ökolandwirt verdient und dem, was ein vergleichbarer konventioneller Landwirt pro Hektar erwirtschaften kann, besonders groß“

Robert Habeck

Umweltminister Schleswig-Holstein

2016 gab es 594 ökologisch landwirtschaftende Betriebe in Schleswig-Holstein, 14 Prozent mehr als im Vorjahr. Zur Jahrtausendwende waren es etwa 300. Rund 50000 Hektar der landwirtschaftlich genutzten Fläche in Schleswig-Holstein wird ökologisch bewirtschaftet – das entspricht etwa fünf Prozent der Gesamtfläche und rund 15000 Hektar mehr als vor fünf Jahren. Nach Angaben der Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein sind die Schwerpunkte des Biolandbaus in Schleswig-Holstein der Marktfruchtbau mit allen Getreidesorten und der Feldgemüsebau, der vor allem an der Westküste vom Küstenklima und den Marschböden profitiert, dazu werden Bio-Milch und -Fleisch auf Grünland und mit Futtergetreide von Biobetrieben in Schleswig-Holstein erzeugt.

„Es werden in Zukunft noch mehr Betriebe auf Bio umstellen“, sagt Monika Friebl vom Netzwerk Ökolandbau Schleswig-Holstein. Das Netzwerk Ökolandbau Schleswig-Holstein wurde von der Landesvereinigung Ökologischer Landbau Schleswig-Holstein und Hamburg (LVÖ) initiiert und vom Land als Projekt gefördert. Zu der LVÖ gehören die Öko-Verbände Bioland, Demeter, Naturland und Biopark sowie der assoziierte Versuchs- und Beratungsring Ökologischer Landbau Schleswig-Holstein. Das Netzwerk soll die Kommunikation zwischen den Verbänden erleichtern und Interessierten einen unkomplizierten Einblick in den Ökolandbau geben.

„Der Anreiz für Landwirte zur Umstellung besteht darin, neue, langfristige Perspektiven für den eigenen Betrieb zu erschließen und sich vom bisherigen Teufelskreislauf des ‚Wachsens oder Weichens‘ zu entkoppeln“, erklärt Friebl. Bio-Produkte würden mit steigender Tendenz nachgefragt. „Außerdem ist die gesellschaftliche Wertschätzung von Bio-Landwirten groß, während die konventionellen Kollegen mit der gesellschaftlichen Akzeptanz zu kämpfen haben.“ Ein weiterer Umstellungsgrund sei laut Friebl die gesündere Arbeitsumgebung, „frei von gesundheitsschädlichen Pflanzenschutzmitteln, die im Verdacht stehen Parkinson, Demenz, Krebs oder hormonelle Probleme zu verursachen.“ Auch der Einsatz von Antibiotika in der Tierproduktion steigere das Risiko für die Bauern selbst multiresistente Keime auszubilden.

„Bisher waren Bio-Landwirte im Nachteil, da die externen Kosten der konventionellen Produktion von der Allgemeinheit getragen wurden“, sagt Friebl. „Je schneller Politik und Gesellschaft erkennen, dass die aktuelle Praxis der landwirtschaftlichen Produktion nicht nachhaltig und darüber hinaus teuer ist, desto schneller können Mittel sinnvoll umgeschichtet werden.“

Von politischer Seite wird der Okölandbau gefördert. Umweltminister Robert Habeck sagte schon bei einer Ökolandbereisung im Sommer 2015: „Der Ökolandbau leistet enorm viel für die Gesellschaft. Er hilft dem Gewässerschutz und der Artenvielfalt. Das sind Leistungen, die der Markt nicht vergütet. Deshalb ist die staatliche Förderung des Ökolandbaus allemal angemessen.“ Besonders weil die Rahmenbedingungen im Land für konventionelle Landwirte so gut seien, seien Förderungen notwendig. „Das Land ist eine Gunstregion mit hohen Erträgen in der konventionellen Landwirtschaft. Das macht die Differenz zwischen dem, was ein Ökolandwirt verdient und dem, was ein vergleichbarer konventioneller Landwirt pro Hektar erwirtschaften kann, besonders groß“, so der Minister. Im Jahr 2016 erhielten 454 Öko-Betriebe Flächenprämien von der Landesregierung in Höhe von 10,9 Millionen Euro, die den Mehraufwand oder den Minderertrag, der durch die umweltschonende Bewirtschaftung entsteht, ausgleichen sollen.

Auf der diesjährigen „Biofach“, der weltgrößten Messe für ökologische Konsumgüter in Nürnberg, hat Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt die „Zukunftsstrategie Ökologischer Landbau“

vorgestellt. Durch Wachstumsimpulse in der Biobranche soll das Ziel der Bundesregierung, 20 Prozent ökologisch bewirtschafte Fläche in Deutschland zu haben, mittelfristig erreicht werden. Momentan sind es etwa 6,5 Prozent. „Der ökologische Landbau ist eine besonders ressourcenschonende und umweltverträgliche Wirtschaftsform, die nachhaltig ist“, begründet Schmidt sein Vorhaben. Außerdem ist der Ökoanbau von immer mehr Verbrauchern erwünscht. 2016 stieg Umsatz der Branche bundesweit fast zweistellig. Nach Zahlen vom Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) kauften die Deutschen 2016 Bio-Lebensmittel und -Getränke im Wert von rund 9,5 Milliarden Euro. Im Lebensmitteleinzelhandel wuchsen die Umsätze um mehr als 14 Prozent auf 5,45 Milliarden Euro. In Verkaufsstellen wie Bäckereien, Hofläden oder Wochenmärkten wurden zwei Prozent mehr Bio-Produkte als im Vorjahr verkauft (rund 1,2 Milliarden Euro). „Unsere Bäuerinnen und Bauern sollen die Chancen nutzen können, die der wachsende Absatzmarkt vor ihrer Haustür bietet“, sagt Schmidt. Die Zukunftsstrategie sieht vor, die finanziellen Förderungen für das „Bundesprogramm ökologischer Landbau und andere Formen nachhaltiger Landwirtschaft“ um 50 Prozent auf 30 Millionen Euro zu erhöhen.

Es gibt seit zehn Jahren einen jährlichen Zuwachs der ökologisch bewirtschafteten Fläche von rund drei Prozent. Um das 20-Prozent-Ziel zu erreichen, müssten weitere rund 40000 Landwirte auf ökologische Landwirtschaft umstellen und die Ökoanbaufläche müsste sich verdreifachen. Felix Prinz zu Löwenstein, Vorsitzender des BÖLW, fordert von der Politik angesichts steigender Betriebsumstellungen auf ökologische Landwirtschaft mehr Förderung. „Konventionelle Betriebe, die Bio als Chance begreifen, brauchen für ihre Umstellungsentscheidung stabile Rahmenbedingungen. Dafür müssen Bund und Länder sorgen“, so Löwenstein. „Von der EU-Öko-Verordnung über Düngerecht bis hin zur Gemeinsamen Agrarpolitik braucht es Regeln, die den Ökolandbau unterstützen.“ Mit der Bereitschaft der Umstellung vieler Landwirte und der gesellschaftlichen Nachfrage werde der Politik ein wirksames Instrument zur Verfügung gestellt, mit dem sie die Land- und Ernährungswirtschaft zu mehr Nachhaltigkeit umbauen kann. Klar sei dabei, dass „Bio auf dem Acker und im Stall noch stärker wachsen muss, wenn wir die deutschen Umwelt-, Klima- und Tierschutzziele erreichen wollen. Die in der Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung avisierten 20 Prozent Ökolandbau können aber nur dann Wirklichkeit werden, wenn die künftige Bundesregierung die Öko-Zukunftsstrategie von Bundeslandwirtschaftsminister Schmidt mit entsprechenden Ressourcen hinterlegt und die Weichen in allen Politikbereichen auf Bio stellt“, sagt Löwenstein.

Für Landwirte, die an einer Betriebsumstellung interessiert sind, hat Monika Friebl einige Tipps, die sie beachten sollten, um eine erfolgreiche Betriebsumstellung zu meistern. „Voraussetzung sind die wirtschaftliche Tragfähigkeit und ein gutes Vermarktungskonzept für die Produkte“, sagt Monika Friebl. „Der Betrieb muss gesund und stark genug sein, um die „Durststrecke‘ der Umstellung zu überstehen, in der er einen geringeren Ertrag erzielt, die Produkte aber noch nicht ökologisch vermarkten kann. Die Umstellungsprämie wird erst am Ende des Jahres gezahlt und kompensiert nicht alle Einbußen.“ Bei der Viehhaltung sollte das Futter möglichst selbst angebaut werden, dafür seien ausreichende Kapazitäten notwendig. „Bio-Landwirte müssen in der Lage sein, ‚vernetzt‘ zu denken und zum Beispiel zur Vermeidung von Krankheiten und Schädlingen stärker das Gesamtsystem und die Ursachen für Probleme im Blick haben, da viele ‚nachsorgende Maßnahmen‘ wie beispielsweise spritzen nicht erlaubt sind“, so Friebl.

Hannes Lintschnig

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