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Von der Themse an den Main: Frankfurt ist der große Favorit

NEUER BANKENPLATZ Von der Themse an den Main: Frankfurt ist der große Favorit

Das Ende war eigentlich vorher schon absehbar. Nun stieß das kaum mehr erwartete Brexit-Votum eine neue Zeitrechnung an. Welcher Bankenplatz ist Londons Nachfolger?Eine günstige Verkehrslage, der Sitz der Europäischen Zentralbank und vieler Geschäftsbanken. Frankfurt soll als Bankenplatz die englische Metropole ersetzen. Aber vor nächstem Jahr ist nichts sicher.

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Der Brexit dürfte nicht nur die Finanzwirtschaft Londons erschüttern. Frankfurt am Main hat beste Aussichten, die Nachfolge der englischen Metropole anzutreten.

Quelle: Fotos: Eyetronic, Michael Schütze / Fotolia

Angefangen zu kriseln hatte es zwischen der Finanzbranche und der britischen Metropole bereits 2010 mit der Einführung der „Bank Levy“, der Bankensteuer, die die Stadt infolge der Krise des Vorjahres ihren Banken aufbrummte. Eine Wesensänderung des gestrigen Partners, die schon damals bei den Großbanken übel aufstieß. Plötzlich sollten die Institute sich an den durch die Finanzkrise für die öffentlichen Haushalte entstandenen Kosten beteiligen. Für die Banken ein Affront – und ein Schrecken ohne Ende, wurde die Steuer seit ihrer Einführung inzwischen bereits acht Mal erhöht. So sollen allein zwei der London Big Four, der vier größten Banken mit Firmensitz in London – die HSBC (Hongkong & Shanghai Banking Corporation Holdings) und Barclays – in diesem Jahr beispielsweise zusammen weit mehr als zwei Milliarden Dollar an das britische Finanzministerium abdrücken. Eine schmerzhaft „Standortabgabe“, wie es bei der HSBC intern genannt wird. Betroffen sind alle Geldhäuser in der City of London; im Schnitt muss jede Bank rund sieben bis zehn Prozent ihres Erlöses abgeben. Doch das war nur der Anfang vom Ende.

Auf dem Kontinent warb nach dem Brexi-Votum der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier auf nationaler und europäischer Ebene für Frankfurt als neuen Finanzstandort, er umgarnte Banken und Aufsichtsbehörden. „Klinkenputzen“, wie er es nennt. Schließlich ist die Trennung zwischen der Finanzgilde und London amtlich.

Bouffier hat dabei aber auch konkrete Vorstellungen. Ganz oben auf seiner Wunschliste stehen beispielsweise die European Banking Authority (EBA), zu deutsch europäische Bankenaufsicht, mit knapp 160, und die Arzneimittelaufsicht EMA mit 600 Mitarbeitern, die Bouffier gern als neue Mieter in Frankfurt begrüßen würde. Aber auch andere EU-Länder buhlen um die Gunst der Finanzzunft – schließlich geht es um viele Banken und Banker.

Um viele Arbeitsplätze und viel Geld.

Auf der Attraktivitätsskala hat Frankfurt mit seinem großem Flughafen, der günstigen Verkehrslage, dem Sitz der Europäischen Zentralbank, vielen Geschäftsbanken – aber auch mit der eigenen wirtschaftlichen Stärke und dem soliden Kulturangebot die Nase weit vorn. Allein der Sitz der EZB in Frankfurt ist für viele große Geldhäuser ein schlagendes Argument für die Mainmetropole, allzu gern sieht man sich vis-a-vis mit den Währungshütern, um von Entscheidungen Letzterer schnellstmöglich zu erfahren.

Gute Chancen gibt Frankfurt auch eine aktuelle Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW). Als direkte Konkurrenten nennt die Studie Paris, Dublin und Luxemburg. Paris punktet als Sitz der OECD, Dublin mit der englischen Sprache, und Luxemburg mit niedrigen Steuern.

Wohin die Entscheidung fällt, und vor allem wann, steht noch in den Sternen. Spekuliert wird hinter verschlossenen Türen. Denn es sind Entscheidungen mit Tragweite. „Im Ganzen ist es aber sehr wahrscheinlich, dass Frankfurt am meisten vom Brexit profitiert“, urteilt IW-Experte Michael Voigtländer.

London jedenfalls hat nach dem Brexit-Referendum Probleme, die weiterreichen als der Unmut über die Bankensteuer. So ist auch ungewiss, ob Finanzgeschäfte von London aus überhaupt noch in der EU betrieben werden dürfen. Für den sogenannten EU-Pass – also die Erlaubnis, Produkte in Europa anbieten zu dürfen – reichte den Geldhäusern bislang eine Zulassung in Großbritannien. Diese dürfte nun jedoch erlöschen, urteilen Branchenkenner. Schließlich hat Euro-Gruppenchef Jeroen Dijsselbloem eindeutig verkündet, dass der Zugang britischer Geldhäuser zur Europäischen Union klar begrenzt werde.

In der Vergangenheit nutzten insbesondere US-Banken diesen Pass, um sich über London mit Europas Märkten zu verbinden. Viele jener US-Banken haben bereits einen Umzug angekündet. Wohin, ist ungewiss.

Doch auch die HSBC mit Stammsitz in London wird wohl das Weite suchen, was durchaus Sinn macht: Das Unternehmen – vor 150 Jahren in Hongkong gegründet – hat ohnehin einen starken Asien-Fokus und zog erst 1993 nach der Übernahme der Midland Bank in die englische Hauptstadt Hongkong soll unterdessen abwanderungswillige Banken wie die HSBC bereits mit guten Rahmenbedingungen umworben haben.

An der Themse gibt es aber noch weitere hausgemachte Probleme: So müssen britische Banken ab 2019 nachweisen, dass sie den Geschäftskundenbereich vom Investmentbanking gänzlich getrennt haben, um Ausfälle von der Investmentseite nicht auf die der Geschäftskunden überschwappen zu lassen. Auch die Zahlung von Boni ist ein wunder Punkt in dieser Beziehung. Die EBA – deren Umzug in „eine europäische Metropole“ übrigens amtlich ist (wohin wurde jedoch noch nicht genannt) – hat den Banken bei der Zahlung von Boni strengere Vorgaben gemacht. Was der City of London als auch dem britischen Finanzministerium bisher nicht weit genug ging, ihnen wäre es am Liebsten, wenn exorbitante Zahlungen dieser Natur gänzlich wegfielen.

Volker Bouffier mag es vor diesem Hintergrund nicht schwer haben, Banken vom Standort Frankfurt zu überzeugen.

Dass London gleichwohl ein wichtiger Bankenstandort in Europa bleiben dürfte, sehen die Wirtschaftsforscher vom Institut der deutschen Wirtschaft derzeit als sicher an. Dafür spräche schon das Kräfteverhältnis zwischen den Metropolen. Und wann es zu einem Abzug der Banken komme, stehe zudem ohnehin noch in den Sternen. Aktuell geht die Branche davon aus, dass vor Mitte 2017 kein finales Wort gesprochen sein dürfte. Solange heißt es – „very british“: abwarten und Tee trinken.   •

 Fabian Joeres

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