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„Wenige negative Effekte“

REGIONALE GELASSENHEIT „Wenige negative Effekte“

Bedauern ja, Schwarzmalerei nein: So lässt sich die Stimmung in der schleswig-holsteinischen Wirtschaft angesichts des nahenden EU-Austritts Großbritanniens zusammenfassen.

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Splendid Isolation – „wunderbare Isolation“ – ist eine Tradition der britischen Politik. Mit der Neuauflage durch das Brexit-Votum driftet das Land aus seinen wirtschaftlichen Bindungen.

Quelle: Fotos: Pavlo Vakhrushev, Corund / Fotolia, Montage: Af

„Leider ist das Votum der Briten nicht das, was wir erhofft hatten“, sagt Werner Koopmann, Leiter des Geschäftsbereichs International der Industrie- und Handelskammer (IHK) Schleswig-Holstein.

Die außenwirtschaftlichen Beziehungen zwischen Schleswig-Holstein und dem Vereinigten Königreich würden damit aber nicht grundsätzlich an Kraft verlieren. Auch bei Niederegger bedauert man den Ausgang des Referendums, Auswirkungen hätte das bislang jedoch nicht. Dräger-Pressesprecherin Melanie Kamann ist optimistisch: „Großbritannien wird ein sehr wichtiger Markt bleiben.“

Und Lutz Nehls, Leiter Unternehmenskommunikation bei der Possehl-Gruppe, sagt: „Wir gehen davon aus, dass die negativen Effekte sich nicht so stark auswirken, wie dies häufig dargestellt wird. Aus unserer Sicht sind die Nachteile für Großbritannien und seine Bürger wesentlich größer.“ Das belegen auch die Handelszahlen. Laut IHK Schleswig- Holstein fließen etwa sechs Prozent der EU-Exporte auf die Insel. Das Ausfuhrvolumen der Briten wird hingegen knapp zur Hälfte von den EU-Nachbarn aufgenommen. Das jährliche Handelsvolumen Schleswig-Holsteins mit Großbritannien beträgt nach Angaben der IHK rund zwei Milliarden Euro.

Mit Exporten zwischen 1,1 und 1,3 Milliarden Euro von Schleswig-Holstein nach Großbritannien rangiert die Insel dabei regelmäßig auf den Plätzen drei bis fünf der wichtigsten Ausfuhrländer. Etwas niedriger fallen die Importe von der Insel aus. Einfuhrseitig ergibt sich ein knapp unter der Milliarden-Euro-Grenze liegendes Volumen. Exportiert werden einerseits besonders Produkte der chemischen und pharmazeutischen Industrie, gefolgt von Maschinen und elektrischen Ausrüstungen, sowie andererseits Agrarprodukte, Nahrungs- und Futtermittel. Auch beim Import ragen die Sektoren Chemie und Pharma sowie ergänzend Erdöl und Gas heraus.

Pfundabwertung wirkt

sich mehrseitig aus

Einen der größten Abnehmer in Europa stellt das Vereinigte Königreich für Niederegger dar. Konkrete Zahlen nennt das Lübecker Traditionsunternehmen dazu zwar nicht, betont aber: „Wir hätten uns gewünscht, dass Großbritannien Mitglied der EU bleibt.“ Bei der Handelsabwicklung sehe man zunächst zwar keine Veränderungen, so Holger Strait, Geschäftsführender Gesellschafter der Niederegger GmbH & Co. KG, „allerdings könnten die Exporte nach England durch die Abwertung des englischen Pfundes beeinträchtigt werden.“

Auch für die L. Possehl & Co. mbH spielen die Briten eine nicht unerhebliche Rolle. „Großbritannien ist für einige unserer Geschäftsbereiche ein relevanter Absatzmarkt“, sagt Lutz Nehls.

„Zudem haben wir Produktionsaktivitäten in Großbritannien“. Hauptgeschäftsfelder sind dabei Edelmetallhandel und -recycling sowie die Produktion von Maschinen (Mischern) für die Herstellung von Autoreifen. Rund 420 Mitarbeiter beschäftigt Possehl im Vereinigten Königreich. Mit einem Anteil von circa 15 Prozent am Konzernumsatz rangiere das Land damit in der Unternehmensgruppe an fünfter Stelle hinter Deutschland, den USA, China und Frankreich, erklärt Nehls.

Schwierigkeiten erwartet die Possehl-Gruppe nach dem Referendum für die nächsten ein bis zwei Jahre nicht. „Für die Zeit danach kann ich noch keine Einschätzung abgeben“, sagt Nehls. Aktuell hätten sich durch das schwächere Pfund für einige Unternehmen der Gruppe Wettbewerbsnachteile gegenüber lokalen Konkurrenten ergeben. Für die Produktionsgesellschaften in England ergäben sich im Gegenzug aber auch Wettbewerbsvorteile. „Insgesamt sollten sich diese Effekte ausgleichen.“

Ähnlich wird die Situation bei Dräger bewertet. „Neben der Unsicherheit über die Details und Regelungen eines EU-Austritts Großbritanniens ist aktuell der deutliche Rückgang des britischen Pfunds als Auswirkung zu konstatieren“, sagt Pressesprecherin Melanie Kamann. Diese Abwertung betrifft die Drägerwerk AG & Co. KGaA auf zweierlei Weise: Zum einen wird laut Kamann die Herstellung sicherheitstechnischer Produkte in Blyth günstiger, auf der anderen Seite würden Exporte, etwa von medizintechnischen Geräten, nach Großbritannien sich in Zukunft verteuern oder aber die Gewinnmarge bei stabilen Preisen in Pfund negativ beeinträchtigen.

Gravierende Auswirkungen dürften aber auch beim Medizin- und Sicherheitstechnik-Konzern ausbleiben – Kosten und Umsätze in britischen Pfund liegen nahezu auf gleichem Niveau. „Eine Verschlechterung der wirtschaftlichen Situation in Großbritannien könnte sich allerdings auf unsere Geschäftsaussichten dort negativ auswirken“, gibt Kamann zu bedenken.

Entwicklung auf der Insel

wird entscheidend sein

Darin sieht auch Werner Koopmann die größere Gefahr: „Kurzfristige Währungsturbulenzen sind auszugleichen, eine generelle Schwächung der britischen Volkswirtschaft kaum.“ Eine Prognose, wie es langfristig weitergeht und welche Folgen sich daraus für die schleswig-holsteinische Wirtschaft ergeben könnten, wagt er nicht. „Der Weg ist noch nicht fest geprägt. Ich hoffe, dass sich eine Lösung findet, die weiterhin ein lastenfreies Handeln zwischen Großbritannien und Kontinentaleuropa garantiert.“

Zunächst ändere sich regulatorisch nichts und gelte das Augenmerk erst einmal der Entwicklung im Vereinigten Königreich selbst. Wie verändert sich die Konjunktur vor Ort? Wie sehen die Investitionspläne aus?: Das seien jetzt die spannenden Fragen, sagt Koopmann und erklärt: „Viel hängt ab vom Verhalten der Wirtschaftsakteure vor Ort. Bleiben die britischen Geschäftspartner und deren Investitionen im Land, dürften auch die Außenwirtschaftsrelationen mit Schleswig-Holstein keinen nennenswerten Schaden nehmen.“

Bei Dräger ist man sich indes sicher: „Großbritannien wird ein sehr wichtiger Markt bleiben für unsere ,Technik für das Leben'“. Zugleich bleibe Dräger UK auch zukünftig der Schwerpunkt für Entwicklung und Produktion von Pressluftatmern und Gaswarnsystemen, so Melanie Kamann. „Wir sehen nicht, dass der Ausgang des Referendums irgendetwas daran ändert.“

Entsprechend den Verhandlungen zwischen dem Vereinigten Königreich und der Europäischen Union werde man alles daransetzen, das Geschäft in Großbritannien und das qualifizierte Überleben von Dräger UK zu sichern, sagt Kamann und zeigt sich zuversichtlich: „Bereits heute haben wir bei Dräger viele Tochtergesellschaften, die erfolgreich arbeiten innerhalb und außerhalb der Europäischen Union. Das beweist, dass es auch mit Großbritannien klappen wird.“   •

UMFRAGE

Gleichbleibende Investitionen erwartet

94 Prozent der Unternehmer im Kammerbezirk Flensburg der IHK Schleswig-Holstein sehen auch nach dem britischen Referendum zum EU-Austritt gleichbleibende Investitionsausgaben in Deutschland, sechs Prozent sogar höhere Ausgaben. Auch hinsichtlich der Investitionen im Vereinigten Königreich werden mehrheitlich gleichbleibende (79 Prozent) statt geringere (14 Prozent) oder höhere (sieben Prozent) Ausgaben angenommen. Das ist das Ergebnis einer bundesweiten Umfrage vom Deutschen Industrie und Handelskammertag (DIHK) und den IHKs zum Brexit, an der sich vom 27. bis 29. Juni über 5600 Unternehmen beteiligt haben.

Von den Befragten im IHK-Bezirk Flensburg unterhält dabei rund die Hälfte Geschäftsbeziehungen zu Großbritannien in Form von Export (25 Prozent) und Import (18 Prozent) von Produkten und Dienstleistungen sowie Tochterunternehmen, Zweigstellen oder Filialen im Vereinigten Königreich (acht Prozent). Die Auswirkungen des britischen EU-Austritts werden gemäß der Umfrage deutschlandweit pessimistischer beurteilt als im IHK-Bezirk Flensburg, wobei sich folgendes Meinungsbild der Betriebe ergibt: Das Außenhandelsvolumen bezogen auf das Vereinigte Königreich nimmt ab, Investitionen und Beschäftigung deutscher Unternehmen im Vereinigten Königreich werden sinken.

Zudem wird eine Zunahme von Handelshemmnissen und politischen und rechtlichen Unsicherheiten, etwa hinsichtlich der Stabilität des EU-Binnenmarkts, befürchtet. Auch die Unternehmer im Norden sehen in politischer und rechtlicher Unsicherheit (84 Prozent), der Zunahme nicht-tarifärer Handelshemmnisse (71 Prozent) sowie der Pfundabwertung beziehungsweise Wechselkursrisiken (69 Prozent) die größten Risiken. Insgesamt überwiegt in der Region aber norddeutsche Gelassenheit.

Auf die Frage nach den Erwartungen an die Exportentwicklung in der Verhandlungsphase (bis zu zwei Jahren) antworteten sechs Prozent der befragten Unternehmer mit höheren Exporten, 59 Prozent sehen stabile Exportzahlen und 35 Prozent gehen von geringere Exporten aus. Auch nach der Verhandlungsphase rechnen nur 38 Prozent mit sinkenden Ausfuhren, knapp zwei Drittel erwarten ein gleichbleibendes Niveau. Etwas anders sieht es hinsichtlich der Importentwicklung aus. Jeweils die Hälfte der Befragten geht von gleichbleibenden beziehungsweise geringeren Einfuhren während der Verhandlungsphase aus, danach rechnen 43 Prozent mit ähnlich hohen Importen, 57 Prozent mit niedrigeren. Die überwiegende Mehrheit glaubt zudem, dass die Beschäftigungszahlen in Deutschland (94 Prozent) und Großbritannien (83 Prozent) gleichbleiben, statt geringer zu werden.

Britta Kessing

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