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„Zeit ist irgendwann vollkommen egal“

LEBEN MIT JETLAG „Zeit ist irgendwann vollkommen egal“

Vom Flieger ans Rednerpult, von Zeitzone zu Zeitzone. Wie gehen Interkontinentalreisende damit um, nie wirklich irgendwo anzukommen?

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Der Erdball ist für manche zu einer Unterlage für Langstreckenflüge geworden.

Quelle: Fotos: I-Picture, Rosifan19 / Fotolia, Hannes Lintschnig

 

In diesem Jahr ist er schon 23 Mal geflogen. Keine Seltenheit bei Ertugrul Karabacak. Südafrika, Panama, Mexiko, Dubai und ein paar europäische Länder waren dabei. Manchmal ist er nur fünf Tage im Monat zuhause. Karabacak ist Global Trainer beim Lübecker Unternehmen Dräger. Er reist um die Welt und erklärt, wie Drägers Alkohol- und Drogentestgeräte bedient und bei einem Defekt wieder repariert werden können. Dafür sitzt er stundenlang im Flugzeug und jettet zwischen den Zeitzonen hin und her, manchmal hat er nur zwei Tage Aufenthalt. „In dieser kurzen Phase kann man sich nicht an die Zeitzone anpassen. Dann ist Arbeiten natürlich besonders schwierig. Aber da muss man einfach durch – auch mit einem dicken Kopf und schweren Gliedern.“

Eine seine anstrengendsten Reisen hat der 42-Jährige im vergangenen Jahr gemacht. Von Hamburg nach Dubai, von dort nach Tokio, weiter nach Wellington in Neuseeland und wieder zurück – in knapp zwei Wochen. Und Karabacak kann im Flieger nicht gut schlafen. „Ich reise Economy. Da schreit häufig mal ein Baby oder jemand schnarcht direkt neben mir“, sagt er. Auch die Ohrstöpsel helfen da nicht unbedingt weiter. „Nach dem Flug bin ich meist ziemlich gerädert. Manchmal wache ich im Hotel mitten in der Nacht auf und kann nicht mehr schlafen, weil meine innere Uhr es nicht zulässt. Dann schaue ich mir die Präsentation noch einmal an, die ich am nächsten Morgen halte und versuche danach noch einmal die Augen zu schließen“, sagt Karabacak. Oft genug klappt es nicht, dementsprechend anstrengend sind auch die Meetings, die er abhält. „Man muss sich schon ein bisschen zwingen. Aber das mache ich gerne, man muss seinen Job dafür lieben“, sagt der Vielflieger, der seit 23 Jahren bei Dräger arbeitet.

Was ihm gegen den Jetlag hilft ist ein ausgiebiges Frühstück und eine lange Dusche. Was ihm allerdings noch mehr hilft, ist seine Familie. „Ich verbringe so viel Zeit mit meiner Familie wie ich kann.

Meine Tochter fragt trotzdem oft ,Papa, musst du schon wieder weg?’“, sagt er. Er muss die Frage oft genug mit Ja beantworten. „Aber meine Familie ist immer in meinem Kopf, auch auf Reisen. Ohne sie würde ich das gar nicht schaffen.“

Das, was im Volksmund die „innere Uhr“ genannt wird, nennt sich wissenschaftlich zirkadianer Rhythmus. „Wir haben uns diesen Rhythmus über Jahrmillionen angeeignet. Bei einem Flug über verschiedene Zeitzonen wird er komplett durcheinander gewürfelt“, sagt der Flugmediziner Dr. Gerd Ulrich Lange von AeroMed B.V. in Lübeck. „Vor 150 Jahren haben sich die Menschen höchstens im Pferdetempo bewegt, und eine Reise nach Italien dauerte drei Wochen. Mit der technischen Entwicklung von heute können wir in ein paar Stunden um die Welt fliegen. Unser vegetativer Rhythmus kann sich aber nicht so schnell daran gewöhnen.“ Wenn man lediglich drei Zeitzonen überfliegt, wirke sich die Zeitumstellung bereits auf den menschlichen Biorhythmus in Form eines Jetlags aus. „Schon bei der Zeitumstellung von Winterzeit auf Sommerzeit kann man die Folgen der verlorenen Stunde sehen: Die Unfallstatistik an diesen Tagen steigt an, die Menschen sind nicht so leistungsfähig und machen Fehler im Straßenverkehr. Das ist wissenschaftlich bestätigt.“

Auch Miriam Mende weiß was es bedeutet, mit einem Jetlag umgehen zu müssen. Die Produktmanagerin bei dem Lübecker Unternehmen Euroimmun ist für die weltweiten Vertriebswege der Firmenprodukte zuständig und besucht deswegen häufig Fachkongresse auf der ganzen Welt. Australien, Malaysia, Indonesien, Kanada, Singapur, Japan, China – manchmal ist Mende nur für drei Tage in dem jeweiligen Land. „Wenn ich einen Abend vorher ankomme und noch eine Nacht entspannen kann, bevor ich einen Vortrag halten muss, dann ist es eigentlich in Ordnung“, sagt die 38-Jährige. „Aber so ist es leider nicht immer.“

Vom Flieger direkt ans Rednerpult, „das ist echt schwierig“, sagt Mende. Der Kopf, die schweren Glieder machen ihr zu schaffen. „Ich versuche mich beim Ankommen sofort an den jeweiligen Zeitrythmus zu gewöhnen. Ich gehe dann an der frischen Luft spazieren, auch wenn ich eigentlich nur liegen will“, sagt sie. Auch wenn sie im Flieger eigentlich gut schlafen kann. „Ich bin früher viel mit meiner Familie gereist und deswegen daran gewöhnt. Aber es ist trotzdem anstrengend.“

Tricks und Tipps, wie man den Jetlag abmildern oder gar umgehen kann, gibt es kaum. „Nach ausgiebigem Duschen oder nach einem guten Frühstück mit einem kräftigen Kaffee fühlt man sich vielleicht vorübergehend ein bisschen frischer. Aber das sind nur kurzfristige Effekte“, sagt Lange. Bei Langstreckenflügen und einem längeren Aufenthalt in dem Land empfiehlt er, sich so schnell wie möglich an die Ortszeit anzupassen. Hat man allerdings – wie so häufig als Geschäftsreisender – nur ein oder zwei Tage Aufenthalt und muss sogar noch Vorträge halten, dann sollte man in der Zeit des Abflugortes weiterleben. „Einfach die Uhr nicht umstellen und nach ihr weiterleben. Das Wichtigste ist dabei das Licht. Sollte der Tag noch nicht vorbei und es an dem Ankunftsort allerdings schon dunkel sein, dann sollte man sich in künstlichem Licht aufhalten“, sagt Lange. Andersherum sollte man sich wenn möglich in seinem dunklen Hotelzimmer verkriechen, wenn die Uhr Nacht anzeigt, es aber draußen noch hell ist. Diese auch als Lichtmanagement bezeichnete Vorgehensweise ist laut Lange momentan die einzige wissenschaftlich fundierte Empfehlung gegen die Auswirkungen des Jetlags. Allgemein gilt außerdem, dass es leichter ist, Tage zu verlängern, als zu verkürzen. „Flüge von Ost nach West sind besser zu verkraften als Flüge von West nach Ost.“

Auch auf die Ausgangssituation vor dem Flug kommt es an, wie stark der Jetlag eine Person beeinträchtigt. „Wenn man vor dem Abflug noch mehrere Termine wahrnimmt und gestresst in Flugzeug springt, werden die Auswirkungen des Jetlags stärker. Man sollte ausgeruht reisen“, sagt Lange. Auch das Lebensalter spielt eine Rolle: „Beim jungen Menschen stabilisiert sich das vegetative Gleichgewicht schneller, oberhalb des fünfzigsten Lebensjahres brauchen Körper und Seele deutlich länger.“

Von der Einnahme von Tabletten mit dem Wirkstoff Melatonin, dem körpereigenen Hormon, das den zirkadianen Rhythmus und damit auch den Schlaf reguliert und dem Jetlag entgegenwirken soll, rät Lange entschieden ab. „Für die Anwendung dieser Tabletten sind noch keine gesicherten Erkenntnisse hinsichtlich Dosierung oder Einnahmezeitpunkt verfügbar. Bei den komplexen Angriffspunkten des körpereigenen Melatonins müssten Melatonin-Tabletten sehr individuell angewendet werden. Eine gravierende Desynchronisation der zirkadianen Steuerung kann die Folge sein“, sagt Lange, der als Flugmediziner bei seinen Piloten mit diversen Medikamenten Erfahrungen gemacht hat. „Ich würde gerne den Piloten sagen, dass sie einfach nur eine Pille in Hongkong einzunehmen brauchen und sich dann erst einmal richtig ausschlafen sollen – das funktioniert aber so einfach nicht.“

„Zeit wird irgendwann vollkommen egal, man funktioniert einfach und schaut kaum noch auf die Uhr“, sagt Karabacak. Deswegen erwischt er sich auch häufig dabei, dass er seine Familie anrufen will, dann aber merkt, dass es in Deutschland gerade mitten in der Nacht ist. Umgekehrt komme es aber auch vor, dass ihn seine deutschen Kollegen mitten in der Nacht kontaktieren. „Bei manchen Skype-Meetings, die in Deutschland am Morgen oder am Nachmittag stattfinden, muss ich teilnehmen, auch wenn ich gerade in Dubai bin“, sagt Karabacak. Aber nicht jeder Flug ist so anstrengend wie der andere, nicht in jedem Land wirkt sich für Karabacak der Jetlag gleich aus. „Ich habe mitbekommen, dass es mir besser geht, wenn ich von einem kalten in ein warmes Land reise“, sagt er. „Wenn ich aber in einem kalten Land aus dem Flieger steige, dann bin ich doppelt geschafft.“

Den Jetlag spürt Miriam Mende besonders, wenn sie aufgeregt ist. „Wenn ich gewisse Aufgaben zum ersten Mal mache und noch nicht genau weiß, was auf mich zukommt, dann belastet mich das Fliegen und die Zeitumstellung mehr als sonst. Ich denke, dass Routine dabei das einzige ist, was hilft." Trotz der Strapazen macht Mende ihren Job gerne. Ihr Mann gönnt ihr die vielen Reisen in die verschiedenen Länder. „Ich vermisse ihn natürlich, wenn ich auf Geschäftsreise bin. Aber ich kann mich auf ihn verlassen, dass er zuhause alles im Griff hat. Mit Kindern könnte mein Job dann noch einmal wesentlich schwieriger werden.“

Lange weiß natürlich auch, dass in der schnelllebigen und globalen Geschäftswelt die gesundheitlichen Belange manchmal zurückstehen müssen. Trotzdem sei das Einzige, was gegen einen Jetlag hilft, Zeit zum Ausruhen zu haben. „Langes Fliegen über Zeitzonen ist widernatürlich. Wenn man sich die Zeit nicht nehmen kann um auszuruhen, dann ist man eingeschränkt in seiner Befindlichkeit und Leistungsfähigkeit. Darauf muss man sich einstellen und damit umgehen“, sagt Lange. Spätestens wenn man von einer Geschäftsreise wieder zurück nach Hause kommt, sollte man dem Körper dann aber Zeit zum Ausruhen geben. „Als Faustregel kann man sagen, dass man sich pro überflogener Zeitzone etwa 24 Stunden ausruhen muss“, sagt Lange. Da muss dann nur noch der Arbeitgeber mitspielen.

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Hannes Lintschnig

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