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Zu Besuch in Büttenwarder

FANTOURISMUS Zu Besuch in Büttenwarder

Ob auf den Spuren von Adsche und Brakelmann aus der Fernsehserie „Neues aus Büttenwarder“ oder beim „Landarzt“ in der Schlei-Region: In den ländlichen Regionen blüht eine skurrile Tourismusform.

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Neues aus Büttenwarder, v.l.: Adsche (Peter Heinrich Brix) und Brakelmann (Jan Fedder)

Quelle: Ndr/nicolas Maack, Giuseppe Anello/ Fotolia

Wenn Adsche und Brakelmann aus der Fernsehserie „Neues aus Büttenwarder“ mit Trecker und Mofa durch die norddeutsche Tiefebene tuckern, klebt halb Deutschland vor dem Fernseher.

Dass das fiktive Dorf Büttenwarder eigentlich aus mehreren Drehorten im Stormarner Dreieck Trittau-Granderheide und Grönwohld besteht, wissen eingefleischte Fans schon lange. Sie pilgern nur zu gerne auf den Spuren ihrer Helden. Und sie sind nicht die einzigen, die für ihre Fernsehlieblinge einiges auf sich nehmen.

Schleswig-Holstein ist als Drehort für Filme und Serien seit Jahren sehr beliebt. Egal, ob der ZDF-Fernsehdoktor „Der Landarzt“ seine Patienten in der Schlei-Region therapiert, Dick und Dalli mit ihren Ponys über den „Immenhof“ reiten oder die „Küstenwache“ Patrouille auf der Ostsee vor Neustadt fährt: Schleswig-Holstein punktet.

Auch Hollywood ist bereits auf das Land zwischen den Meeren aufmerksam geworden. So drehte US- Regisseur Roman Polanski 2009 Szenen seines Films „Der Ghostwriter“ mit Pierce Brosnan und Ewan MacGregor in den Hauptrollen auf Sylt.

„Die Insel sieht aus wie die US-Insel Martha’s Vineyard, wo die Geschichte eigentlich spielt“, sagt Antje Bremer von der Film Commission Kiel. Sie hilft Filmteams seit 15 Jahren bei der Suche nach den richtigen Drehorten, organisiert Genehmigungen und arbeitet dabei eng mit den Touristikorganisationen vor Ort zusammen. Mit denen organisiert sie auch die „Küstenkinotour“, bei der ausgewählte Filme, die in Schleswig-Holstein gedreht wurden, an verschiedenen Orten gezeigt werden. Damit will man Drehorte im Norden noch besser vermarkten. Auch für dieses Jahr plant Bremer wieder Vorführungen, genaue Daten und Filme stehen aber noch nicht fest.

Antje Bremer und ihre Kollegen von der Film Commission betreuten im vergangenen Jahr Filmdrehs für Dokus, TV-Mehrteiler und Serien an insgesamt 552 Drehtagen, geförderte Filme wurden in Schleswig- Holstein an 172 Drehtagen realisiert. „Das klingt erst einmal viel, doch die Zahlen gehen zurück“, sagt die Filmfachfrau. Früher hatte alleine „Der Landarzt" über 100 Drehtage, die "Küstenwache“

sogar über 200, zählt Bremer auf. Doch auch dieses Jahr fällt für die eine oder andere Serien die Klappe. Das Team der Vorabend-Serie „Heiter bis tödlich – Morden im Norden“ dreht ab Anfang Juni bis Mitte August unter anderem in Lübeck, auch Teile des TV-Films „Solo für Weiss“ entstehen hier.

Voraussichtlich noch in diesem Monat stehen auch die Büttenwarder-Darsteller wieder vor der Kamera. 67 Folgen wurden seit 1997 über die beiden Freunde Arthur „Adsche“ Tönnsen (Peter Heinrich Brix) und Kurt Brakelmann (Jan Fedder), die in dem fiktiven Dorf Büttenwarder leben, gedreht. Für den NDR, wo die Serie seit Jahren läuft, sind die Geschichten rund um die beiden skurrilen Bauern ein Glücksfall. Rund eine Million Zuschauer sitzen pro Folge vor dem Fernseher und bescheren dem Sender so gute Quoten.

Doch viele Fans von Adsche und Brakelmann gehen noch einen Schritt weiter. Sie möchten selbst sehen, wo der Dorfkrug steht, in dem die beiden ihre „Lütt und Lütt“ kippen oder einen Blick auf Brakelmanns Hof werfen. Offizielle Zahlen, wie viele Fans bisher nach Stormarn gereist sind, gibt es nicht.

Auch Marc Euler, Sprecher der Tourismus-Agentur Schleswig-Holstein GmbH (Tash), kann über die Zahl nur spekulieren. Fan-Tourismus sei ein spannendes Thema, findet Euler, aber für die Tash nicht relevant. „Wir beobachten es, aber es ist nicht in unserer Strategie verankert“, sagt er.

Rabea Stahl ist da schon weiter. Die Tourismusmanagerin des Landkreises Stormarn hat die Serienfans im Blick. „Wir merken immer mehr, dass es ein wichtiges Thema ist“, sagt sie. Viele Touristen rufen direkt bei ihr an und fragen nach, wo Büttenwarder eigentlich genau liegt. „Es gibt sogar Busreisen, die die Drehorte gezielt ansteuern“, sagt Stahl. Die Marketingfachfrau aus Stormarn plant, in Zukunft noch stärker auf „Büttenwarder“ zu setzen. Was genau sie vorhat, will Stahl aber noch nicht verraten. „Wir müssen das noch stärker spielen. Die Serie hat für viele einfach Kultstatus.“

So gibt es auch auf dem Internetauftritt von Tourismus-Stormarn eine eigene Büttenwarder-Seite. Dort finden sich Infos über die Serie und der Hinweis auf eine Radtour zu den Drehorten von Adsche & Co.

Anbieterin ist Helga Struwe vom Radreiseveranstalter „Op’n Drahtesel“ aus Trittau. Seit vielen Jahren organisiert sie Radtouren zu interessanten Zielen in Stormarn. „Aber unsere Büttenwarder-Tour schlägt alles“, sagt sie. Seit vier Jahren hat sie die 35 bis 40 Kilometer lange Tour im Programm. Dabei war sie anfangs nicht überzeugt von der Idee. „Eine Freundin meinte, ich solle mal eine Tour zu den Drehorten anbieten. Ich habe lange überlegt“, erzählt Struwe.

Aber mittlerweile hat sie bereits geschätzte 1000 Fans auf die Spuren der Bauern-Saga geführt. „Ich hole die Leute nach Stormarn. Davon profitiert der Tourismus der ganzen Region“, ist sie sich sicher. Die meisten Teilnehmer kommen von außerhalb – aus Thüringen genauso wie aus Nordrhein-Westfalen oder Niedersachen – und verbringen gleich das ganze Wochenende in der Hamburger Metropolregion, um dann den Sonnabend auf dem Fahrradsattel zu verbringen. An zwei Sonnabenden im Monat ist sie mit den Gruppen unterwegs. Zwischen sechs und 20 Leute radeln dann von Anfang Mai bis Ende Oktober zu den sieben Drehorten, die Helga Struwe ausgesucht hat.

Firmen buchen die Tour als Betriebsausflug, manchmal bekommt jemand sie als Geburtstagsgeschenk und radelt dann mit der ganzen Familie. „Ich hatte sogar mal eine Truppe Männer, die das als Junggesellenabschied gebucht haben“, erzählt die passionierte Fahrradführerin. Werbung macht sie nicht, die meisten kommen durch Mund-zu- Mund-Propaganda. Die Büttenwarder-Fans seien alle gut informiert, hat Helga Struwe festgestellt. „Ich muss an den einzelnen Drehorten meist nur kurz die Folge erwähnen und welche Szene dort entstanden ist. Dann wissen die meisten schon, was passiert ist.“

Ähnliche Erfahrungen hat auch Mario Würz gemacht. Er betreibt das Immenhof-Museum in Bad Malente. Zusätzlich bietet er Filmtouren zu den Drehorten der Filmreihe an, die in den 1950er Jahren unter anderem auf dem Gut Rothensande nahe Malente entstanden sind. Die Geschichten um den Ponyhof von Oma Jantzen und ihren Enkelinnen Dick und Dalli fesseln seit Jahrzehnten junge und alte Filmfans vor den Bildschirm.

Auch Mario Würz ließ sich schon früh von den Filmen begeistern. Der Pferdefan sah 1984 als Teenager das erste Mal einen der Immenhof-Filme und fing sofort Feuer. Er sammelte alte Filmplakate, Requisiten, Aushänge und Fotos. Irgendwann wusste er nicht mehr wohin damit. „Irgend jemand sagte, mach doch ein Museum auf“, erzählt er.

Zehn Jahre ist das her. Von April bis Oktober hat er nun mittwochs und am Wochenende geöffnet. Im Schnitt kommen jährlich 1000 Besucher zu ihm und schwelgen in Erinnerung. Vom fünfjährigen Pferdefan bis zur 80-jährigen Nostalgikerin seien alle Altersgruppen vertreten. „Was einfach zieht, ist die heile Welt der 50er Jahre“, ist er sich sicher. Schöne Naturaufnahmen und die Pferde und Ponys sprechen ebenfalls viele an. Alle wollen so sein wie Dick und Dalli, meint Würz.

Von März bis Ende Oktober fährt er jeden Sonnabend mit kleinen Gruppen auf Filmtour, knapp 1000 Filmfans hat er schon herumgeführt. Sieben Drehorte steuert Würz dann an und erklärt anhand einer Fotomappe und einer DVD mit Filmszenen, wo was gedreht wurde. Dass die Teilnehmer das Gut Rothensande, das gerade zum Ferienpark Immenhof umgebaut wird, nicht betreten dürfen, stört die wenigsten.

Für Bad Malente und die Region sind die Filme ein echter Glückstreffer, findet Würz. „Ist besser als Lottospielen. Das Interesse hat auch nach 60 Jahren noch nicht abgenommen.“ •

 Majka Gerke

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