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„Zum Glück kommt Dr. Brodersen“

LANDÄRZTE „Zum Glück kommt Dr. Brodersen“

Dr. Broder Brodersen macht seinen Beruf aus Leidenschaft. Und aus Familientradition. Eine Reise mit dem Landarzt durch den Kreis Bad Segeberg.

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Regenjacke statt weißem Kittel, kleiner Koffer statt Behandlungszimmer: Dr. Broder Brodersen auf dem Weg zu einem Patienten auf dem flachen Land.

Manchmal ist ihr schwindelig. Und so richtig sicher fühlt sie sich auch noch nicht auf den Beinen. Annemargret Baltuttis braucht nach ihrem Herzinfarkt im Februar dieses Jahres regelmäßige ärztliche Betreuung. Zwar sind es von ihrem Heimatort Blunk im Kreis Segeberg nur etwa acht Kilometer bis zur Arztpraxis in Nehms, doch für die 65-Jährige ist das zuviel. „Es ist sehr schwer für mich, in die Praxis zu kommen. Das Auto lasse ich im Moment noch lieber stehen“, sagt Annemargret Baltuttis. „Wenn es mal gar nicht anders funktioniert, dann frage ich meinen Nachbarn, ob der mich kurz fahren könnte. Aber das geht natürlich auch nicht immer.“

Annemargret Baltuttis muss nicht jedes Mal ihren Nachbarn um Hilfe bitten, wenn sie zum Arzt muss. Denn der Arzt kommt zu ihr. Dr. Broder Brodersen trägt statt weißem Kittel eine dünne Regenjacke.

Seine Praxis sind die Wohnzimmer seiner Patienten. Brodersen ist Landarzt – aus Leidenschaft. „Ich wusste schon während meines Studiums, dass ich Landarzt werden will“, sagt der 43-Jährige. „Mein Vater war Landarzt, meine Großtante war auch Landärztin. Mir macht das richtig Spaß, ich kenne hier mittlerweile fast jedes Haus von innen.“

Der Mediziner fährt von seiner Gemeinschaftspraxis in Nehms mit seinem orangefarbenen Kleinwagen nach Blunk und klingelt an der Tür von Annemargret Baltuttis. „Guten Tag, Herr Doktor“, sagt sie mit einem Lächeln. Brodersen gibt ihr die Hand, lächelt zurück und tritt ins Wohnzimmer. „Sie kennen sich hier ja aus“, sagt Baltuttis und geht hinterher. Brodersen misst auf dem Sofa ihren Puls sowie Blutdruck und lässt sich die Werte der letzten Tage zeigen, die Annemargret Baltuttis selbst dokumentieren muss. „Sieht doch alles gut aus“, sagt er. „Und sonst?“

Morgen stehe ein Zahnarzttermin an, sagt sie. Aber da habe sie keine Angst, ihr Zahnarzt sei sehr gut, den könne sie empfehlen. Brodersen hört ihr zu. Dann unterhalten sie sich über weitere Erfahrungen bei Zahnärzten, über die Kinder des Doktors, die auch neulich zum Zahnarzt mussten. Nach etwa einer halben Stunde muss der Mediziner den Besuch beenden. „Zum Glück kommt Dr. Brodersen. Es gibt mir immer ein sicheres Gefühl, wenn er da war“, sagt Baltuttis und verabschiedet sich.

Und er kommt gerne. Seit 2009 ist Brodersen nun Landarzt in Nehms. Dass immer weniger Nachwuchsmediziner auf dem Land arbeiten wollen, kann er aber durchaus verstehen: „Na ja, wirtschaftlich gesehen geht es Fachärzten in größeren Städten natürlich besser. Die wenigsten Medizinstudenten wollen nach ihrer Ausbildung aufs Land ziehen,“ Brodersen selbst hat als Facharzt für Inneres schon sieben Jahre lang in Kliniken in Berlin und Segeberg gearbeitet.

So wie er machen es nicht viele Mediziner. Die Unterversorgung von Ärzten auf dem Land ist schon länger ein Problem: Es fehlt der Nachwuchs. Laut Kassenärztlicher Vereinigung (KV) sind von den rund 2000 Landärzten in Schleswig-Holstein etwa ein Drittel über 60 Jahre alt. Dahinter steckt auch eine grundsätzliche Scheu vor dem Beruf als Hausarzt. So finden laut dem „Berufsmonitoring 2014“ der KV, für den eine großflächige Befragung von Medizinstudenten durchgeführt wurde, nur 20 Prozent der Studenten, dass die Fachrichtung „Allgemeinmedizin/Hausärztliche Tätigkeit“ ein „eher hohes Ansehen“ hat. Nur die Dermatologie hat bei den Befragten ein noch geringeres Ansehen.

Dass er als Arzt auf dem Land weniger Geld verdient, war ihm egal. „Als Landarzt hast du lebenslange Beziehungen zu deinen Patienten und kannst die Entwicklung von mehreren Generationen beobachten.

Das ist für mich das Schöne an diesem Job.“ Auch fachlich sei das Landarzt-Dasein eine Herausforderung. „Die Patienten kommen mit allen möglichen Beschwerden zu uns. Natürlich vermitteln wir sie in schwierigen Fällen weiter zu Fachärzten. Aber man muss hier ein viel breiteres Spektrum der Medizin bedienen können, als die Fachärzte es müssen.“

Für seinen nächsten Hausbesuch nimmt Brodersen eine große Karteibox mit Patientenakten aus seinem Kofferraum. Es geht in ein Seniorenheim in Travenhorst. Dort wartet schon die Stationsleitung im Büro auf ihn. „Na, wie geht es meinen Schäfchen?“, fragt Brodersen. „Alles gut, wie immer“, antwortet die Schwester. Gemeinsam gehen sie etwa 15 Namen durch. Brodersen erkundigt sich über den Zustand der Bewohner. Dann geht er von Zimmer zu Zimmer und besucht seine Patienten. Im Gemeinschaftsbereich sitzen acht Bewohner.

Brodersen betritt den Raum mit einem lauten „Guten Tag, die Herrschaften“. Sie begrüßen ihn. „Sie strahlen ja heute richtig“, sagt er in Richtung einer älteren Dame, die bis über beide Ohren grinst. "Mir geht es ja auch gut heute", erwidert sie: „Ach, Herr Doktor“ – plötzlich verfinstert sich ihre Miene – „ich habe da doch so ein komisches Gefühl im Hals. Könnten Sie mal schauen?“. Brodersen lächelt, bittet sie kurz den Mund aufzumachen und „Aaah“ zu sagen. „Alles in Ordnung“, konstatiert er.

„Wirklich?“, fragt die Seniorin. „Na, dann bin ich ja beruhigt.“

Brodersen macht neben den Heimbesuchen besonders Visiten bei Akutfällen, aber auch Routinebesuche gehören zu seinem Job.

Heute steht noch ein etwas unangenehmer Termin auf seinem Plan: Bei einer Patientin ist der Ehemann verstorben und er muss jetzt einen Totenschein ausstellen. „Ich kannte ihn und sie kenne ich auch schon lange. Das sind keine schönen Termine“, sagt er. Der Mann war seit zehn Jahren dement, seine Frau hat sich aufopferungsvoll um ihn gekümmert. „Er ist im selben Zimmer gestorben, indem er geboren wurde. Viele seiner Verwandten waren da, eigentlich ist es ein Tod, wie man ihn sich wünscht: erwartet und erlösend.“ Brodersen ist lange bei der Frau zuhause, spricht mit ihr, hört ihr zu und erledigt die Formalitäten. „Obwohl der Tod zu erwarten war, war die Frau natürlich total fertig und traurig. Bei Hausbesuchen gehört ein bisschen Seelestreicheln immer dazu.“

In manchen Momenten ist der Job eines Landarztes sehr hart. „Es gibt ganz selten Fälle, da bin ich morgens noch zu Besuch bei einem Patienten und nachmittags stirbt er. Dabei war in der Füh nichts Ungewöhnliches zu erkennen.“ Plötzliche Tode seiner Patienten beschäftigen ihn lange, erzählt Brodersen: „Man geht sehr hart mit sich ins Gericht. Hat man etwas falsch gemacht? Hätte man nicht vielleicht ? Aber das bringt nichts, manchmal kann man einfach nichts tun.“

Etwa 15 Hausbesuche macht der Arzt wöchentlich in der Region um Nehms, Tensfeld, Blunk, Garbek und Schlamersdorf – ab und zu muss er auch weiter fahren. „An manchen Tagen lohnt sich es sich finanziell nicht für mich. Da kostet der Sprit schon mehr als ich bei den Besuchen einnehme“, sagt Brodersen. Aber die Hausbesuche seien auch gut für das Image der Praxis. „Die Patienten freuen sich, die Angehörigen haben dadurch ein sicheres Gefühl – und mir macht es Spaß!“

Als nächstes steht ein Routinebesuch bei Manfred Cibulski an. Der 60-Jährige hat einen Schlaganfall erlitten, seitdem ist er halbseitig gelähmt. Brodersen will ihm Rezepte bringen, den Blutdruck messen und fragen, ob alles okay ist.

Er klingelt an der Tür des alten Bauernhauses. Ein Hund bellt. „Typisch“, sagt Brodersen. „Das ist hier auf dem Land fast immer so.“ Nach einer Weile öffnet Cibulski die Tür. Er braucht ein bisschen, bis er es mühsam mit seinem Gehstock von der Küche bis zur Tür schafft. „Na, wie geiht di dat?", fragt Brodersen. „Könnt’ besser sein“, antwortet Cibulski trocken. Beide lachen. „Und die Tochter?“ „Ist in Holland“, antwortet Cibulski. „Kommt aber bald wieder.“

In der Küche misst Brodersen Cibulskis Blutdruck. Alles okay. Er fragt nach weiteren Problemen. Irgendetwas sei mit den orthopädischen Schuhen von Cibulski nicht in Ordnung, er habe Schmerzen am Fuß.

Brodersen kniet sich vor ihn und zieht ihm die Schuhe aus. „Die haben Sie aber auch ganz schön fest zugemacht“, bemerkt Brodersen. Er tastet Hacke und seine Zehen ab. Er drückt auf eine Stelle des Fußes: „Tut das weh?“ Cibulski verneint. „Machen Sie die Schuhe nicht so fest zu. Wenn es dann immer noch wehtun sollte, sagen Sie noch einmal Bescheid.“

Zur Tür bringen muss Cibulski den Doktor nicht. Er macht sich auf den Weg ins Bett für seinen Mittagsschlaf. „Bis zum nächsten Mal, Herr Doktor.“   •

Hannes Lintschnig

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