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Zur Frühschicht an die Elbe

GROSSMARKT HAMBURG Zur Frühschicht an die Elbe

Der Hamburger Großmarkt erwacht zum Leben, wenn anderswo die Nachtruhe beginnt. Es geht geschäftig zu. Aber keineswegs ruppig.

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Der Hamburger Großmarkt erwacht zum Leben, wenn anderswo die Nachtruhe beginnt. Es geht geschäftig zu. Aber keineswegs ruppig.

0.10 Uhr, Donnerstagmorgen, Großmarkt Hamburg, Südseite. Es riecht nach Wasser und Diesel, der kalte Wind fegt über das Becken des Oberhafens. Das Thermometer zeigt etwas über Null Grad.

Strahler fluten den Parkplatz mit weißem Licht. Lkws stehen mit dem offenen Heck vor den wasserseitigen Zugängen zu der Halle. Gabelstapler in Blau und Orange parken unter dem markanten, geschwungenen Dach.

Eigentlich ist es die beste Zeit, um ins Bett zu gehen. Aber hier beginnt jetzt der Arbeitstag.

Michael Sanftlebens Laster rollt auf den Parkplatz, darauf der grüne Schriftzug der Firma Rasmussen aus Lübeck. Der Fahrer springt aus der Kabine und eilt in das Gebäude.

Drinnen ist es merklich wärmer. Das Rauschen der Belüftung mischt sich mit dem Surren der Elektrokarren. Bisweilen ist ein lautes Knallen zu hören, wenn eine Palette fällt.

Links und rechts des breiten Ganges sind die Lagerflächen für die Geschäfte in meterhohen vergitterten Boxen untergebracht. Sanftleben passiert einen Kartoffel-Anbieter und ein Geschäft für Zwiebeln. In einem vergitterten Bereich ist ein Gartenhäuschen zu sehen, durch das Fenster eine Mikrowelle. Stapler sausen vorbei, so beladen, dass die Fahrzeuge auch von der Seite hinter Kistenstapeln kaum zu sehen ist. Ein Mann surft auf einem Hubwagen. Es geht geschäftig zu, aber geschmeidig.

Aber ohnehin ist es noch relativ ruhig so kurz nach Mitternacht. Zu dieser Zeit kommt der Betrieb erst langsam in Gang.

Sanftleben trägt eine knallrote Jacke und eine türkisfarbene Jeans. Er steuert auf den Bereich der Firma Hintze zu. Ein grün gestrichener Tresen vor einem Container. Auf der Ablage Lieferscheine und ein Telefon. Ein aufgeschnittener Kohlrabi und eine Zuckerschote sind daneben drapiert. Und aus unerfindlichen Gründen eine Kinderschokolade. Im offenen Büroraum im Hintergrund ist gerade der Kaffee durch die Maschine gelaufen. Mitarbeiter eilen herum. Kommissionieren Ware. Gehen im Büro Registerkarte durch. Telefonieren. Und holen Kaffee.

„Moin.“

„Moin.“

Ein Mitarbeiter drückt Michael Sanftleben den Lieferschein in die Hand. Der Rasmussen-Fahrer bekommt einen Becher auf den Tresen geschoben. Viel zu besprechen gibt es jetzt nicht. Die Bestellung ist bereits am Nachmittag angenommen worden.

Sanftleben nippt an seinem Kaffee. Der Mitarbeiter der Firma Hintze wendet sich an den Besucher. Er erklärt das Sortiment: vor allem regionale Eigenprodukte, außerdem Produkte aus der Pfalz, im Winter auch aus Südeuropa. Seine Kollege macht einen zotigen Scherz über Landwirte.

Das Telefon klingelt.

„Eisbergsalat? Nee, keine Chance — Hungersnot.“ Er grinst ironisch: „Es gibt eigentlich nichts, was wir nicht haben. Zu jeder Jahreszeit. Vielleicht mit Ausnahme von Glasial.“

Der Besucher macht ein fragendes Gesicht — und muss sich ein Gähnen unterdrücken.

„Eis kraut nennt man das auch, das ist was Spezielles für die Gastronomie.“

Eine Mitarbeiterin neben ihm wendet sich an den müden Besucher.

„Entschuldigung, möchten Sie auch einen Kaffee?“

Dann rollt die Ware an. Portulak, Spitzkohl, Petersilienwurzeln, Minze und Basilikum hat der Stapler geladen. Unter dem geschwungenen Dach vor dem Eingang wird aufgeladen. Schnell. Effizient. Und ohne viel Gerede.

„Ich habe noch eine gute Handvoll weiterer Händler auf dem Zettel“, sagt Sanftleben. Verschiedene Sorten von Obst und Gemüse wird er noch aufladen. „Wenn es alles zügig läuft, bin ich um 2 Uhr fertig.“ Dann schließt er die Tür des Lasters, um auf die andere Seite des Großmarktes zu rollen.

Die Firma Rasmussen hat sich vom klassischen Importfrucht- und Gemüsegroßhandel für den Einzelhandel zum Full-Service-Anbieter im Qualitätssegment entwickelt. Der Großteil der Kunden kommt heute aus Gastronomie, Feinkost, Großhandel sowie dem Kantinen- Catering. Aber nach wie vor beliefert das Unternehmen auch den Einzelhandel.

Und für dieses Angebot greift es auf die fast unfassbare Auswahl auf dem Großmarkt zurück.

1962   eröffnet, gibt es hier heute quasi alles, was die Erde an Früchten hervorbringt. Und das zu jeder Jahreszeit. Der Käufer findet heimische Produkte ebenso wie Exoten. Er bekommt Spargel, Salat und Kohl von norddeutschen Feldern — aber auch Orangen aus Spanien oder Kakis aus Übersee. Hinzu kommen sonstige Bedarfsartikel wie Gewürze, Genussmittel, Tabakwaren aber auch Molkereiprodukte, Backwaren, Feinkost, Tee Alkoholfreie Getränke und Gastronomiebedarf aller Art und vieles mehr.

Wenn der Besucher, geführt von Birgit Bartels, beim Großmarkt zuständig für Öffentlichkeitsarbeit, und wie sie gekleidet in eine gelbe Warnweste, durch die Hallen geht, findet er Produkte, die er noch nie gesehen hat. Selbst wenn er gastronomisch einigermaßen interessiert ist. Bei der Firma Gellersen bestaunt er thailändische Bananenblätter und Minigemüse — Mais und Zucchini, Karotten und Fenchel. Aber auch frische Kakaofrüchte. Und eben eingeflogene Maracujas.

Dabei lernt er auch etwas für den Hausgebrauch: „Man denkt im Allgemeinen, Maracujas sind nicht gut, wenn sie diese Stellen haben“, sagt Bartels und nimmt vorsichtig eine leicht angeschlagen aussehende Frucht aus einen Karton bei der Firma Gellersen. „Aber das ist falsch.“ Sie lächelt über das freundliche Gesicht. „Gerade dann sind sie erst reif.“

Bei Gellersen gibt es neben zahllosen Sorten von Exoten auch Trockenfrüchte. Und natürlich Kaffee.

„Ein Schuss Milch?“, fragt der Mitarbeiter. Der Besucher nickt und nimmt sich dazu einen Keks vom Pappteller.

Es ist 0.50 Uhr, so langsam entfaltet das Koffein seine Wirkung. Und der Großmarkt seine Geschäftigkeit. Der Betrieb wird schneller.

Birgit Bartels schreitet voran, vorbei an Ständen, in denen es alle möglichen Sorten regionaler Äpfel gibt, vorbei an weiteren Händlern unterschiedlichster Exoten, an Stapeln von Salat und Johannisbeeren, Säcken voller Gemüsezwiebeln und Kartoffeln. Männer in Overalls stehen mit Zetteln vor Kisten voller Spitz- oder Rosenkohl und kommissionieren die Ware. Mitarbeiter mit Kräuterbündeln huschen vorbei. Eine Marktaufsicht macht aufmerksam die Runde.

Bisweilen wird es eng, und der Besucher muss zur Seite springen, weil Stapler von hinten und vorne gleichzeitig herbeieilen. Aber richtig gefährlich wird es nie. Die Warnwesten haben ihren Zweck. Und die Staplerfahrer eine erstaunliche Aufmerksamkeit.

Von A bis K sind die Gänge im Großmarkt in ostwestlicher Richtung gekennzeichnet. In den vergitterten Segmenten finden sich neuere Stände, die einen ausgesprochen orientalischen Stil haben — ein Bild von einer türkischen Landschaft in einem Goldrahmen, eine Shisha hinter dem Tresen, darauf ein Glas Tee — und alteingesessene Stände, die gar nicht danach aussehen.

„Ich bin hier, seit es den Großmarkt gibt,“sagt ein kräftiger Mann namens Günther, der mit Schal, Mütze und Vollbart hinter einem Tresen sitzt. Früher hat er regionale Produkte verkauft. „Aber da gabs ja auch mal höchstens eine Ananas zu Weihnachten.“ Heute hat er sein Sortiment komplett auf den Import umgestellt.

Vielfalt zeichnet auch das kulinarische Angebot für die hier arbeitenden Menschen aus. Um 1.15 Uhr sind die roten Coca-Cola-Stehtresen im Salzbrenner-Imbiss noch unbesetzt. In der Vitrine liegen belegte Brötchen. An der Tafel werden neben Kaffee auch Behrendsen Appel und ein in Süddeutschland produzierter Likör mit einem anstößigen Namen angeboten.

Betrieb herrscht dagegen beim Döner-Mann ein paar Gänge weiter. „Imbiss“ blinkt rot und kitschig von einem Schild über dem Eingang. Die Sitzplätze sind gut belegt, zwei Bedienstete stehen zwischen Drehspieß und Salatauslage am Tresen. Der wohlgenährte Wirt tritt in die Tür. „Hier ist Tag und Nacht was los“, sagt er. „Wann der Hunger kommt — das weiß man doch nicht.“Er fährt sich zufrieden über den Bauch. „Einen Döner für dich? Oder wenigstens einen Kaffee?“

Der Besucher winkt ab. Großmarkt-Mitarbeiterin Bartels führt ihn eine straßenbreite Kehre hinunter. Zur Nord- und Südseite ist das Gebäude halbhoch unterkellert. In diesem Geschoss stehen die Elektrokarren zum Aufladen — vor allem natürlich, wenn keine Betriebszeit ist. Steckdosen und alte Sicherungskästen hängen an den Wänden.

Im mittleren Bereich ist der Großmarkt voll unterkellert. Die Gänge hier tragen die Namen von landwirtschaftlichen Anbaugebieten aus dem Umland: Wilhelmsburger-, Marschländer-, Bardowieker-Gang. Lkw können direkt hinein fahren. Es gibt sogar Tunneltore zur direkten Beladung von Schiffen auf der Wasserseite. „Aber benutzt worden sind die nie“, sagt Bartels.

Es ist 1.45 Uhr, als der Besucher wieder auftaucht. Vor der Südseite des Großmarktes steht Rasmussen- Mitarbeiter Michael Sanftleben und wartet, dass sein Lkw weiter beladen wird.

Ob er diesen nächtlichen Job mag?

„Die Zeiten sind ungewöhnlich. Aber die Arbeit ist gut.“

„Und jetzt ist doch auch gleich Schluss?“

Sanftleben schüttelt den Kopf und lächelt. In Lübeck werde noch umgeladen für die Kunden. Dann muss er noch weiter. „Nach Bad Oldesloe. Nach Bad Segeberg.

„Und wann sind Sie zu Hause?“

„Gegen sieben.“ Er schlürft seinen Kaffee aus dem Pappbecher.   •

DER GROSSMARKT IN ZAHLEN

Drehkreuz für Frische

Marktgelände

• Gesamtfläche: 27,3 ha

• Umschlagsanlagen: 55167 m²

• davon vermietet an Marktfirmen: 26807 m²

• davon im Eigentum von

 Privatfirmen: 28 360 m²

• Be- und Entladeflächen für

 Einkäufer: 88538 m²

• Firmenparkplätze: 17 459 m²

Obst- und Gemüsehalle

• Länge: 220 m, Breite: 183 m,

 größte Höhe: 21 m

• Erdgeschoss: 40 000 m²

• Zwischengeschoss: 17000 m²

• Untergeschoss: 40 000 m²

• Büroräume: 2500 m²

Blumenhalle

• Länge: 180 m, Breite: 57 m,

 größte Höhe: 14 m

• Erdgeschoss: 10 260 m²

• Untergeschoss: 8000 m²

• Bürotrakt: ca. 400 m²

Warenumschlag

• Gesamtumschlag (Halle/Außenanlagen): 1,5 Millionen t

• Warenwert: 2,0 Milliarden Euro

• Warenwert Blumengroßmarkt: 75 Millionen Euro

Von Oliver Schulz

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