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Zwischen Ethik und Effizienz

Zwischen Ethik und Effizienz

Die Stimmung nach dem Regierungswechsel in Kiel zeigt: Zwischen „grünen“ Forderungen und marktwirtschaftlichen Bedingungen haben sich die Bauern in der Region schon lange erfolgreich positioniert.

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So gelingt die Fernbeziehung
Quelle: Fotos: Lantapix, Nd3000, Studio M, Valentin Valkov/ Fotolia, Grafiken: Kim Carolin Struve

Zwar wurde die Branche von Wetterkapriolen um eine bessere Ernte gebracht. Aber wenigstens ist sie vorerst aus der Milchpreiskrise heraus. Und dann macht sie auch der Regierungswechsel in Kiel nicht gerade unglücklich. Daniel Günther als Ministerpräsident – und Robert Habeck als Landwirtschaftsminister, zumindest in dieser Kombination bringt das weniger Landwirte auf die Barrikaden.

Tatsächlich aber spiegeln diese politischen Umstände auch ganz gut wider, wie es eigentlich um die Landwirtschaft steht. Immer mehr gerät sie zwischen die Ansprüche an Effizienz und Wirtschaftlichkeit einerseits – und Ethik andererseits. Der Druck auf die Branche von Seiten der Umwelt-, Natur- und Tierschützer hat zugenommen. Der Druck , der durch eine globalisierte Wirtschaft entsteht, aber ebenso.

Vor diesem Hintergrund ist der Schulterschluss, den der neue Ministerpräsident den Landwirten, wie zuletzt auf dem Bauerntag, anbot, ein nur allzu vernünftiger Ansatz. Landwirtschaft brauche Planungssicherheit – nicht immer neue Vorschriften, sagte Günther. Und sicherte den Bauern im Land zu, sie würden in den kommenden Jahren nicht zusätzlich belastet. Seine Koalition stehe für Verlässlichkeit. Günther sprach gar von einem „Acker“-Frieden. Reformen würden nicht zurückgefahren, es werde aber nicht draufgesattelt.

Natürlich prägt den „Jamaika“- Koalitionsvertrag im Agrarteil aber auch eine ganz deutlich grüne Handschrift. „Hohe Nährstoffüberschüsse, die Gewässer und Luft belasten und der Verlust an Artenverlust in der Kulturlandschaft durch zu intensive Nutzung“ werden kritisiert. Auch wird darin – wenig überraschend – dem Öko-Landbau eine „besondere Bedeutung“ attestiert.

Gleichwohl herrschte auf dem Bauerntag geradezu Harmonie, zumal Günther die Landwirte im Norden als vorbildlich würdigte, auch wenn Veränderungen erforderlich seien. Verbandspräsident Werner Schwarz lobte Habeck denn auch für „moderate“ Töne.

Man kann das als eine gute Startposition für die Herausforderungen der Zukunft interpretieren – von denen manche neu sind, aber viele sich nur etwas verändert haben.

Das gilt etwa für die Milchwirtschaft. Die Milchkrise hat viele Landwirte in der Region in die Knie gezwungen, manche in die völlige Existenzaufgabe. Zwar hat sich der Markt inzwischen stabilisiert. Aber die Folgen sind weiterhin deutlich spürbar. „Viele Berufskollegen konnten diese zwei Jahre nicht aus eigener Kraft schaffen, sie mussten sich beispielsweise Liquiditätsdarlehen holen“, sagt Kirsten Wosnitza vom Bundesverband deutscher Milchviehhalter in Schleswig-Holstein. Nun müssten sie eigentlich Rücklagen bilden – aber wie? Die 35 Cent, die der Liter Milch zuletzt im Schnitt erbracht hat, reichen nicht mal ansatzweise.

Und auch die Ackerbauern haben durchaus Grund zur Sorge: Zum zweiten Mal in Folge fiel die Ernte mau aus. Das Frühjahr zu kalt, der Sommer zu verregnet – viele Landwirte beklagen hohe Ernteeinbußen. Betroffen sind vor allem Raps, Weizen – aber auch Äpfel und Erdbeeren bereiten ihnen Probleme. Als Landwirt müsse man diese Saison „ein ziemlich dickes Fell“ haben, sagte etwa Jens-Walter Bohnenkamp vom Kreisbauernverband Segeberg: „Es war ein schwieriges Jahr.“

Weniger betroffen von Marktschwankungen und Wetter – dafür aber umso mehr von den sich wandelnden Verbraucherinteressen sind dagegen die Fleischproduzenten. Und sie haben – trotz weithin verbreiteten Unmuts gegen „grüne“ Ideen – schon lange reagiert. So erklärt etwa Dr. Walter Reulecke, Geschäftsführer des Fleischrinderzuchtverbands Schleswig-Holstein: „Wir haben mit konventioneller Bullenmast nichts zu tun. Die Rinder stehen auf Wiesen und sind die meiste Zeit des Tages draußen.“ Das habe seinen Preis: „Wir verlangen mehr Geld für unser Fleisch und verkaufen es direkt ab Hof.“ Aber auch die Verbraucher müssten sich – angesichts ihrer eigenen Forderungen – ändern:„Wir müssen weniger Fleisch essen und mehr dafür bezahlen. Anders geht es nicht.“

Um den Schwankungen eines weltweit offenen Marktes zu begegnen, haben viele Betriebe unterdessen schon lange alternative Einkommensquellen und neue Marketingstrategien entdeckt. Sie ziehen Spargel oder Erdbeeren – aber auch in unserer Region „exotischere“ Produkte wie Wein. Sie preisen ihren Hof als Standort für Touristik oder gar Pädagogik an. Und sie setzen dabei auf neue Instrumente, um ihre Produkte an den Kunden zu bringen – von den bereits sehr verbreiteten Hofläden bis hin etwa zu Solidarischer Landwirtschaft.

Gar nicht mehr als alternativ gilt vor dem Hintergrund all dieser Umwälzungen mittlerweile die Biobranche. Seit Jahren wächst die Zahl der Landwirte in Schleswig- Holstein, die von konventioneller Landwirtschaft auf ökologische umstellen. Die Nachfrage in der Gesellschaft nach Produkten, die ohne den Einsatz von Pestiziden, Gentechnik oder Antibiotika bei der Viehhaltung erzeugt wurden, steigt ebenfalls. „Bio“ ist offensichtlich weit mehr als ein Trend.

Es zeigt sich: Der Wandel ist lange da. Vielleicht mag es nur keiner so richtig zugeben.

Oliver Schulz

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