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Auf kleinen Hexen und tubend durch den Regenwald

Georg und Kolja reisen durch Südamerika Auf kleinen Hexen und tubend durch den Regenwald

Georg Fiedler aus Lübeck und Kolja Wächter aus Plön sind gerade per Couchsurfing in Südamerika unterwegs. In Kolumbien lernten sie in der Hauptstadt des Salsa Cali den Tanzstil Salsa Choke kennen und besuchten den kleinen Ort San Cipriano. Hier beeindruckte das Regenwaldambiente, durch welches sie "tubten" und sie fuhren auf kleinen Hexen.

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Transport auf Kolumbianisch: Georg und Kolja fuhren mit einer Brujita zu dem kleinen Ort San Cipriano in Kolumbien.

Quelle: privat

Nach zehn Tagen in Bogotá, Kolumbien, ging unsere Reise weiter Richtung Süden und unsere nächste Station war Cali, die offizielle Hauptstadt des Salsa. Die zehnstündige Busfahrt haben wir in zwei Teile aufgeteilt, mit einem Zwischenstopp in Armenia, einer kleinen Stadt im "Eje Cafetero", auch "Triángulo del Café" (zu Deutsch: kolumbianisches Kaffeedreieck) genannt.

Über den Dächern von Cali

Über den Dächern von Cali

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Bereits die erste Fahrt war ein echtes Abenteuer, denn unser Busfahrer ist mit hoher Geschwindigkeit durch die engen Serpentinenstraßen der Anden gefahren und hat dabei gerne zwei bis drei Lkws gleichzeitig überholt. So war es fast zu erwarten, dass der Bus nach einem missglückten Überholmanöver mit Motorschaden auf der Straße liegengeblieben ist und wir auf den nächsten Bus warten mussten, der genügend Kapazitäten für uns hatte. Dazu kam noch ein einstündiger Stau, wodurch wir erst mitten in der Nacht angekommen sind. Schlussendlich benötigten wir für den ersten Teil der Reise also genauso so viel Zeit, wie für die gesamte Reise bis nach Cali angedacht war. Aber so ist das in Südamerika und Ungeplantes ist ein ständiger Reisebegleiter.

Zwei-Millionen-Stadt Cali

Zwei-Millionen-Stadt Cali

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Cali ist mit rund zwei Millionen Einwohnern die drittgrößte Stadt Kolumbiens. Mit einer durchschnittlichen Temperatur von 30 Grad Celsius und hoher Luftfeuchtigkeit ist der Klimaunterschied zum kühlen Bogotá deutlich zu spüren. Hinzu kam, dass die Geräuschkulisse der Stadt einmalig war: Geweckt wird man von dem unablässigen Zirpen der Zikaden, dem Heulen von überempfindlichen Alarmanlagen und den fahrenden Händlern, die durch Megaphone Avocados, Empanadas (gefüllte Teigtaschen) oder Früchte feilbieten.

Händler: Unser "Hahn am Morgen"

Händler: Unser "Hahn am Morgen"

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In Cali wollten wir erstmals Couchsurfing ausprobieren. Couchsurfing ist eine Internet-Plattform, über die man kostenlos bei Leuten unterkommen kann, die, wie der Name schon sagt, einen Platz auf der Couch frei haben. An einer Busstation hat uns Patricia, die Mutter unseres ersten Hosts Paul abgeholt, den wir zuvor über das Internet kontaktiert hatten. Der Van, in den wir einsteigen sollten, hatte jedoch nur zwei Plätze. Georg durfte also im Laderaum auf einem Plastikstuhl Platz nehmen und sich am Fahrersitz festhalten.

Georg auf seinem Plastikstuhl

Georg auf seinem Plastikstuhl

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Im Haus angekommen, haben wir auch Paul und seinen Vater Fidel kennengelernt. Fidel ist ein lustiger Kerl, der nach der Einrichtung des MIO (staatliches Bustransportsystem) vor sechs Jahren seine Busgesellschaft verloren hatte und nun arbeitslos ist. Daher hat er viel Zeit gehabt, um uns in der Gegend herumzuführen und uns geduldig neue Worte des kolumbianischen Dialekts beizubringen, wie zum beispiel die Aussage "dar papaya" (Papaya geben), die jeder in Kolumbien kennt. Wenn man Papaya gibt, dann misstraut man seiner Umgebung.

Mit Pauls Familie am Rio Pance

Mit Pauls Familie am Rio Pance

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Außerdem erklärte uns Fidel, dass es hier auf den Straßen kein Gesetz gebe. Und das wird einem selber spätestens bewusst, wenn man von der Polizei angehalten wird und "nur" nach Drogen und Waffen durchsucht wird, es aber egal ist, wie viele Personen sich im Auto stapeln oder ob man ohne Sitzgurte, die in den meisten Autos ohnehin ausgebaut wurden, durch die Gegend fährt.

Ähnlich wie schon in Bogotá gelten nachts noch weniger Verkehrsregeln. Dann fahren vor allem die Taxifahrer ohne zu bremsen über rote Ampeln (laut eigener Aussage aus Angst vor Überfällen) und es ist egal, ob direkt an der Ampel eine Polizeikontrolle steht, solange diese nicht zur "Policia De Transito" (Verkehrspolizei) gehört. Außerhalb der Stadt ist es darüber hinaus üblich ein anderes Auto, welches sich gerade im Überholmanöver befindet, auch noch zu überholen.

Charles, der Gelatineverkäufer vom Rio Pance

Charles, der Gelatineverkäufer vom Rio Pance

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Pauls Familie hat uns sehr herzlich aufgenommen und uns auf einen Familienausflug zum nahegelegenen Rio Pance mitgenommen. Die Idylle, die an dem glasklaren Fluss herrscht, stellt einen starken Kontrast zu dem Durcheinander der Großstadt dar und wird daher von den Bewohnern von Cali gerne zur Entspannung an den Wochenenden genutzt.

Da Paul selbst zu seiner Südamerikareise aufbrach, mussten wir nach vier Tagen unsere erste Couch wieder verlassen. Pauls Reiseroute ähnelt unserer sehr. Auch er will Richtung Süden nach Ecuador und Peru, was ein Wiedersehen möglich macht. Insgesamt haben wir in Cali noch drei weitere "Gastgeber" kennengelernt und bekamen dadurch einen Einblick in die verschiedensten Viertel von Cali. Unser zweiter Host Dave wohnte in einem luxuriösen Apartmentkomplex am Berghang. Das war ein krasser Unterschied zu unserer vorherigen, schlichteren Unterkunft.

Sonnenaufgang von Daves Balkon aus

Sonnenaufgang von Daves Balkon aus

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Von links: Georg, Dave, Carlos und Kolja auf dem "Cerro De Las Tres Cruzes" über der Stadt

Von links: Georg, Dave, Carlos und Kolja auf dem "Cerro De Las Tres Cruzes" über der Stadt

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An einem "Gringoabend" (Gringos werden eigentlich in Südamerika Amerikaner genannt, aber mittlerweile werden auch Europäer so gerufen!) in einer Salsabar haben wir dann noch Camila kennengelernt, die für die Uni ein Filmprojekt über Couchsurfing machen wollte. Wir sind auch ein Teil dieses Projekts geworden, indem sie uns bei unserem Couchwechsel filmte und interviewte. Der Teaser dazu ist bereits veröffentlicht worden:

Mit unseren Couchsurfing-Freunden Camilia und Dave

Mit unseren Couchsurfing-Freunden Camilia und Dave

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In der Hauptstadt des Salsa gibt es natürlich zahlreiche Orte, in denen man an jedem Tag der Woche Salsa tanzen kann. Beim Salsa sind wir in Cali an unsere Grenzen gestoßen: Obwohl wir beide bereits Tanzerfahrung aus Ecuador mitgebracht hatten, war es unmöglich, nur ansatzweise mit den Locals mitzuhalten. Dies schien jedoch nicht nur uns so zu gehen, denn auch Reisende aus anderen Ländern Lateinamerikas waren mit dem hohen Niveau des Salsa in Cali oft überfordert. Glücklicherweise sind die Caleños stets bereit den Ausländern ein wenig zu helfen, wenn auch nicht mit unendlicher Geduld. So haben wir unsere Kenntnisse dank eines Tanzkurses, einiger Privatstunden durch unsere Couchsurfing-Hosts und vieler mühseliger Nächte doch noch verbessern können.

Eine besondere Variation des Salsa in Kolumbien ist die "Salsa Choke", eine moderne Form, die erst seit circa 10 Jahren existiert. Dabei lösen sich alle bestehenden Tanzpaare schlagartig auf und stellen sich in mehreren Reihen nebeneinander. Anschließend folgt die Gruppe einem spontan hervorgetretenem Animateur, der verschiedene Bewegungen mit allen Extremitäten vormacht. Tanzmuffel gibt es dabei nicht. Alle Anwesenden machen diese spontane Choreographie mit viel Elan mit, sodass es unheimlich viel Spaß macht.

Die Menschen in Südamerika sind immer hilfsbereit und geben gerne Auskunft darüber, wie wir unsere Zielorte erreichen können. Das einzige Problem ist, dass man hier lieber eine falsche Auskunft gibt, als zugeben zu müssen, dass man den Weg nicht weiß. Daher fragen wir jedes Mal mindestens drei Passanten, bevor wir uns für einen Weg entscheiden können. Da wir zudem ohne Reiseführer reisen, sind es stets die Empfehlungen der Locals, nach denen wir unsere Pläne richten. Nach hinreichenden Empfehlungen, haben wir uns entschieden San Cipriano, ein kleines Dorf, drei Busstunden von Cali entfernt, zu besuchen.

Downtown San Cipriano

Downtown San Cipriano

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San Cipriano ist ein bei Ausländern und Kolumbianern sehr beliebter Ort nahe der Pazifikküste. Das Dorf ist durch keine Straße zu erreichen. Der gesamte Transport läuft über eine Eisenbahnschiene ab, die selten von Güterzügen befahren wird und nahe an San Cipriano vorbeiführt. Von einem Nebenort wird man von den sogenannten "Brujitas" (kleine Hexen) mitgenommen. Eine Brujita besteht aus einer Holzplatte auf Rollen und wird von einem aufmontierten Motorrad angeschoben. Kommt einem eine andere "Brujita" entgegen, steigen die Passagiere ab und das Gefährt wird von den Schienen gehoben, um den Gegenverkehr passieren zu lassen. Wir mussten laut lachen, als unser Fahrer uns auf Nachfrage erklärte, dass auf der ein mal zwei Meter großen Brujita bis zu 20 Personen gleichzeitig transportiert werden können.

Eine Brujita bietet Platz für bis zu 20 Personen

Eine Brujita bietet Platz für bis zu 20 Personen

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Wenn sich zwei Brujitas begegnen ...

Wenn sich zwei Brujitas begegnen ...

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Die Hauptattraktion in San Cipriano ist der Wassersport "Tubing", den man ausgezeichnet auf dem am Dorf vorbeiführenden Fluss ausüben kann. Das Prinzip des Tubings ist sehr simpel. Man setzt sich in einen großen Traktorreifen und lässt sich von der Strömung flussabwärts ziehen.

Tubing in San Cipriano

Tubing in San Cipriano

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Aufgrund der Abgeschiedenheit von San Cipriano hat man hier die Möglichkeit, exotische Tiere zu beobachten. Sogar ein Riesenotter hat unseren Weg gekreuzt. Die hohe Temperatur und die häufig auftretenden Regenfälle haben einen großen Einfluss auf die Vegetation, sodass die Gegend starke Ähnlichkeit zum Amazonasregenwald aufweist. Es gibt Lianen, Treppen aus Baumwurzeln und eine beeindruckende Kaskade, die in einer abgelegenen Lagune mündet. Es fehlen der Umgebung einzig ein paar Affen, die sich durch die Baumkronen schwingen, um dem perfekten Regenwaldklischee zu entsprechen.

Der Fluss nahe San Cipriano

Der Fluss nahe San Cipriano

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Wenn man, wie wir, in San Cipriano den Fluss auf Reifen und die Kaskade zu Fuß erkundet hat, sind die Attraktionen des Dorfes erschöpft. Trotzdem sind wir noch eine Nacht geblieben, um die Stille und Abgeschiedenheit des Ortes ein Stück weit in uns aufzunehmen. Darüber hinaus wurden wir dort auf eine angenehme Weise nie richtig trocken. Denn entweder badeten wir im Fluss und beim Wasserfall oder es fiel ein warmer Regen auf uns hinab. Angenehm war dies für uns besonders deshalb, da die heißen Täler Kolumbiens, so auch das Valle del Cauca, in dem sich Cali befindet, gerade an einer Dürreperiode leiden. Dort hatten wir zum Duschen beispielsweise Wasser aus großen Eimern schöpfen müssen.

Blick von unserer Unterkunft

Blick von unserer Unterkunft

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Die Umgebung unseres kleinen Dorfes ist vor allem für die rund 400 Einwohner dort wenig abwechslungsreich. Wenn die Sonne untergegangen ist und der Wald dunkel bleibt, sind die Flimmerkästen das bei weitem Interessanteste. Die erschreckende Beobachtung, die wir dabei gemacht haben, war, dass auf allen Kanälen ausnahmslos das Gleiche lief. Das Programm war eine ständige Mischung aus einer kolumbianischen Version dessen, was wir als "Dschungelcamp" kennen, und Berichten aus La Havanna auf Kuba, wo sich die kolumbianische Regierung und die Anführer der FARC (Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens) um einen Friedensprozess bemühen.

Es ist ein bisschen unbehaglich wenn man den Menschen hier in ihrer Alternativlosigkeit beim Fernsehgucken zusieht und auf den Gedanken kommt, dass, sollte es hier nochmal so etwas wie Propaganda geben, diese mit Leichtigkeit zu 100 Prozent einschlagen könnte. Jedenfalls wissen wir nicht, inwiefern der Handschlag zwischen Präsident Santos und Guerillaführer Londoño wirklich ein historisches Ereignis ist, wie ihn der Fernsehsender anpreist.

Mehr zum Friedensschluss: Nach 50 Jahren Guerilla-Krieg: Frieden für Kolumbien in Sicht

Zwei Touristinnen, die aus Cartagena nach San Cipriano gekommen waren, haben uns an dem Abend noch versichert, dass sich erstmal gar nichts ändere. Die FARC sei schließlich nicht die einzige Guerillatruppe im Land und auch diese interessiere sich nur so halb dafür, was Londoño auf einer Insel in der Karibik treibe.

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