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Kolumbien: "Die einzige Gefahr ist, bleiben zu wollen!"

Georg und Kolja reisen durch Südamerika Kolumbien: "Die einzige Gefahr ist, bleiben zu wollen!"

Kolumbien ist viel sicherer als der Ruf - das zumindest sind die Erfahrungen von den Schleswig-Holsteinern Georg und Kolja. Und warum sie auf Dieter Bohlen in Kolumbien trafen, erfahrt ihr in ihrem Bericht.

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In der Stadt Ipiales in Kolumbien wird man von einem übergroßen, bunten Adler begrüßt.

Quelle: privat

Nach Kolumbien stand als Nächstes nun der direkte Weg nach Süden, nach Ecuador an, genauer zum Grenzübergang bei Ipiales. Dort gibt es eine internationale Brücke, die über den "Rio Chiquito" (zu Deutsch: Kleiner Fluss) führt und die einzige Verbindung zwischen Ecuador und Kolumbien darstellt. Da die Straße nahe San Cipriano eine Sackgasse ist, kamen wir nicht umher, Cali auf diesem Weg noch einmal einen Besuch abzustatten.

Eine gute Gelegenheit von noch einer Beobachtung in Cali und Begebenheiten zu erzählen: Unsere Erzählungen aus Cali wäre nicht komplett ( siehe Blogartikel: Auf kleinen Hexen und tubend durch den Regenwald), wenn wir nicht über "La Ermita" berichten würden. "La Ermita" wird der Bus genannt, der zwischen dem Zentrum und dem Viertel "Valle del Lili" hin und her pendelt.

La Ermita

La Ermita

Quelle:



Ähnlich wie wir es aus Ecuador in Erinnerung haben, hat ein Kolumbianer ganz offensichtlich kaum damit zu rechnen, wegen Störung der öffentlichen Ordnung oder Belästigung angezeigt zu werden. Eine Zeugin Jehovas hat uns kürzlich in einem der Busse von "La Ermita" lauthals versucht, zu missionieren. Dies ging sogar so weit, dass sie uns etwas vorbetete und von uns verlangte, ihre Gebete zu wiederholen. Viel mehr taten uns jedoch die Nacken weh, da die Decken der Busse einfach nicht für unsere Körpergröße angedacht waren und wir unsere Köpfe ständig geknickt halten mussten. Die Menschen in Südamerika sind in der Regel merkbar kleiner als Europäer.

Ferner kommt es auf diesen winzigen, authentischen Plattformen vor, dass ärmliche Gestalten neben Penetranz auch unglaubliche rhetorische Talente beweisen, während sie dir ein Wundermittel gegen jegliche Parasiten verkaufen wollen, die neuerdings allen leckeren Früchte des Landes bewohnen. Not macht natürlich erfinderisch! Wenn man billige Busse wie "La Ermita" also verlässt, kann man auch ein bisschen traurig werden, da einem die breite Armut und Hilflosigkeit vieler Menschen in Entwicklungsländern nebenbei auf dem Teller präsentiert wird. Die einzige Ordnung im Chaos der Städte scheint zu sein, dass die arme Mehrheit an jeder Ecke einheitlich danach schreit, dass sich das Geld ein Stück weit von "oben nach unten" verteilt.

Nach Ipiales kommt man über Popayán und Pasto. Popayán ist die Hauptstadt des Departamento de Cauca, besitzt eine Universität und besticht durch seine Architektur von weißen Kolonialbauten und zeitgenössischen Straßenlaternen. Pasto ist berühmt für seinen Karneval "Carnaval de Negros y Blancos", der hauptsächlich vom 2. bis 6. Januar stattfindet. Wir waren zu diesem Zeitpunkt leider schon weitergezogen, aber eigentlich ist dieses geistige Unesco-Weltkulturerbe mal eine Reise wert.

Umzugswagen am 6. Januar 2016 in Pasto

Umzugswagen am 6. Januar 2016 in Pasto

Quelle:



Eine Frau trägt ein farbenfrohes Kostüm während der Hauptparade in Pasto.

Eine Frau trägt ein farbenfrohes Kostüm während der Hauptparade in Pasto.

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Ein weiterer Umzugswagen

Ein weiterer Umzugswagen

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Wenn man als Reisender über diesen Abschnitt dieses Landes berichtet, kann man aber auch auf den kolumbianischen Binnenkonflikt zurückkommen, da die Strecke zwischen Popayán und Pasto berüchtigt für Aktivitäten der Guerilla ist. Trotzdem weiß niemand, wo denn nun Ausländer entführt, Minen gelegt und Kokainplantagen auf geraubtem Landbesitz angelegt werden. Schon in Bogotá wurden immer andere Provinzen als "zonas de violencia" (zu Deutsch "Zonen der Gewalt") bezeichnet. Dort wo man gerade selber ist, scheint nie etwas los zu sein. Zum Glück! So kommt es auch, dass keiner der Kolumbianer, die wir getroffen haben, je Zeuge kriegerischer Aktivitäten geworden ist. Da die Leute millionenfach in die Städte geflüchtet sind, ist der Krieg hier praktisch unsichtbar. Er wird allein sichtbar durch die hohe Frequenz an Militärs, die die Straßen zwischen den bevölkerten Hotspots sichern.

Ein Soldat langweilt sich

Ein Soldat langweilt sich

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Als wir die verlassenen Berge in Richtung Ecuador durchfuhren und uns zum Teil minutenlang kein Auto entgegenkam, lagen bereits etliche Täler zwischen uns und der Hauptstadt Bogotá, dem Präsidenten und Ministerien, sodass sich all dies sehr weit weg anfühlte. Die Straße, von jungen Männern in Tarnanzügen flankiert, hatte Schlaglöcher, ab und zu keinen Seitenstreifen und erst recht keine Mautstation. Für uns wurde es zunehmend deutlicher, dass sich der Staat dort, wo die Sicherheitslage schlecht ist, nicht um Subventionen kümmert oder bemüht die Einwohner von der Landflucht abzubringen.

Militärs säumen die Straßen.

Militärs säumen die Straßen.

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Ein verunglückter Lastwagen

Ein verunglückter Lastwagen

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Aber hey! Trotz vieler Probleme, die uns in Kolumbien augenscheinlich wurden, bleibt uns ein buntes und fröhliches Bild vom Land in Erinnerung. Unser ganzer Aufenthalt dort war eine lebendige Spirale, in der wir sehr viel geredet, getanzt und gelacht haben. Es hat nie lange gedauert bis wir mit irgendeinem Fremden kreuz und quer plaudern konnten und unsere Fähigkeiten in Salsa, Merengue und Bachata haben sichtbar zugenommen.

"Que tal les ha parecido acá?" (Wie gefällt es euch hier?) war die häufigste Frage, die uns dabei entgegengeflogen ist. Die Menschen wissen um die Klischees, die viele über ihr Land in ihren Köpfen haben, Bescheid und wollen diese gerne verändern. "Bien Cheevere" (ziemlich cool) antwortet man dann meistens auf die Schnelle, da eine Reise durch Kolumbien in der Tat mehr Spaß macht, als dass sie gefährlich ist. Eine touristische Werbekampagne des Landes besagt zudem: "The only risk is wanting to stay!" (zu Deutsch: "Die einzige Gefahr ist, bleiben zu wollen!")

Dass wir diesmal leider gar nicht bleiben wollten, war tatsächlich nur eine Ausnahme: Denn wir haben in den Jahren 2012, 2013 ein Austauschjahr in Ecuador verbracht. Damals haben wir in Gastfamilien gelebt und Schulen besucht. Unsere lateinamerikanische Heimat befand sich also auf der anderen Seite der Grenze, die wir nun überqueren wollten. Unsere dortige Ankunft hat unseren Abschied von Kolumbien einfach mit Vorfreude überspielt.

In Ipiales wird man von einem übergroßen, buntem Adler begrüßt.

In Ipiales wird man von einem übergroßen, buntem Adler begrüßt.

Quelle:



Der Tag unseres Grenzübergangs brachte noch mehrere unterhaltsame Vorkommnisse mit sich. Unser Hostel in Pasto war klein und unscheinbar und wurde von einer Familie betrieben, die uns schon bei Ankunft ein wenig missmutig entgegenkam. Am Tag unserer Abfahrt nach Ipiales baten sie uns dann, den Polizeibeamten, sollten diese nachfragen, nicht zu erzählen, dass wir in diesem Hostal untergekommen waren. Der Grund: Man hätte eigentlich unsere Daten samt Passnummer, wie üblich, an das Migrationsbüro schicken müssen. Das war aber nicht geschehen. Wir wussten nicht wieso. Jedenfalls drohten der Besitzerin nach eigenen Angaben 8 000 000 Pesos (rund 2500 Euro) Strafe. 

Wir mussten ebenfalls schmunzeln, als wir am selben Tag in Ipiales einen unfreiwilligen und doch sehr witzigen Gruß aus der Heimat bekamen. Es gab Dieter Bohlen auf die Ohren, als sich unser Taxifahrer zwischen Ipiales und "El Santuario de Las Lajas" (Ecuador auf einem Berghang bereits in Sichtweite) von einem USB-Stick aus "Brother Louie" von Modern Talking anhörte. Modern Talking ist nach wie vor in Südamerika hoch im Kurs, ebenso wie "Tokio Hotel" und "Rammstein". Immer wieder lustig!

Auf unserem Weg nach Ecuador kamen wir auch an der katholischen Basilika "El Santuario de Las Lajas" vorbei, die in eine enge Schlucht über dem Fluss Río Guáitara eingebaut ist. Das ist DIE Touristenattraktion im äußersten Süden Kolumbiens. Der Altar im hinteren Teil des Gebäudes wurde direkt aus der Wand der Schlucht gehauen. Zahlreiche Pilger führt ganzjährig ihre Wallfahrt hierher.

El Santuario de Las Lajas

El Santuario de Las Lajas

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In der ecuadorianischen Grenzstadt Tulcán, die ungefähr auf der Höhe der Zugspitze in Deutschland liegt, haben wir dann unsere erste Nacht in Ecuador verbracht. Von dort aus waren es noch viele Kilometer bis in den Süden des Landes nach Cuenca, wo unser Schüleraustausch stattgefunden hatte. Für uns waren die nördlichen Provinzen Ecuadors auch jetzt noch Neuland.

Auf der internationalen Brücke Rumichaca

Auf der internationalen Brücke Rumichaca

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