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Schließung, Hunger und Tod: Die harte Heimrealität

Imke arbeitet in einem indischen Heim Schließung, Hunger und Tod: Die harte Heimrealität

Imke Schal lebt gerade in einem indischen Kinder- und Frauenheim. Sie erzählt die bewegende Geschichte des hungrigen Straßenmädchens Jodhika, vom Umgang mit dem Tod in Indien und wie schwer es derzeit christliche NGOs in dem Land haben.

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Er liebt sie, er liebt sie nicht. . .

Imke mit "ihren" Kindern des Heims.

Quelle: privat

Tagebucheintrag:

Langsam lässt Helena ihr Handy sinken. Wir sitzen wie erstarrt auf der Treppe des Hostels. Es ist der zweite Anruf aus unserem Projekt innerhalb von drei Tagen. Am Montag wurde uns gesagt, dass eine der Frauen überraschend gestorben sei, dabei hatten wir sie zwei Tage zuvor noch gesehen und alles schien wie immer. Die Beerdigung habe noch am selben Tag stattgefunden, die Leiche sei nicht untersucht worden und man sei sich nicht ganz sicher, was die Todesursache gewesen sei.

Heute hieß es, dass eine weitere Frau aus unserem Frauenheim im Koma liege und für gehirntot erklärt worden sei. Sie komme jetzt zurück ins Heim und man werde warten, bis ihre Lungen und das Herz ebenfalls ihre Arbeit einstellen. Und auch im Kinderheim gebe es Probleme. Die Regierung habe erklärt, dass alle Kinder das Heim verlassen müssten und entweder auf staatliche Heime aufgeteilt oder zurück zu ihren Familien gehen müssten, sofern sie noch eine Familie haben. Wann das geschehen wird, wisse im Moment niemand so genau.

Tausend Gedanken rasen durch meinen Kopf und doch habe ich das Gefühl, alles bewegt sich langsamer als sonst. "Was ist, wenn das eine ansteckende Krankheit ist und noch mehr Frauen betroffen sind?", "Wie geht es den anderen Frauen?", "Was wird aus den Kindern?", "Werden wir noch die Chance haben, uns zu verabschieden?", "Sollten wir das Seminar abbrechen und zurück in unser Projekt fahren?"...

Weltwärts verpflichtet seine Freiwilligen zu der Teilnahme an drei Seminaren: dem Vorbereitungsseminar, bevor man in sein Einsatzland fliegt, dem Zwischenseminar, nach ungefähr der Hälfte des Freiwilligendienstes und dem Nachbereitungsseminar, als Abschluss des Freiwilligendienstes, wenn man wieder zurück in Deutschland ist. Als wir diese Neuigkeiten erfuhren, waren meine Mitfreiwillige Helena und ich gerade auf dem Zwischenseminar, zu dem zwei Koordinatoren aus Deutschland und insgesamt 16 Südindien-Freiwillige gekommen waren. Am liebsten wollten wir sofort zurück in unser Projekt, aber das durften wir leider nicht, weil die Seminare verpflichtend sind. Zum Glück war eine der Koordinatoren schon oft in Indien und kannte unser Projekt auch sehr gut. Sie hat uns dann zum Beispiel erzählt, dass pathologische Untersuchungen eher selten sind, weil sich stets die Frage stellt, wer diese bezahlen würde. Wegen der Hitze würde man außerdem eine Kühlung benötigen, um die Leichen "frisch" zu halten und damit sich keine Krankheiten ausbreiten. Deshalb finden Beerdigungen gerade bei ärmeren Familien oft noch am selben Tag statt.

Präsident Narendra Modi bei einer Pressekonferenz in Neu Delhi im Dezember 2015.

Präsident Narendra Modi bei einer Pressekonferenz in Neu Delhi im Dezember 2015.

Quelle:



Sie konnte uns auch erklären, was es mit der Ankündigung der Regierung auf sich hatte. Es gäbe schon seit einiger Zeit ein Gesetz, dass besagt, dass Kinder unter fünf Jahren in Regierungsheimen oder bei ihren Familienangehörigen aufwachsen sollten. Aber bisher habe unser Heim immer eine Sondergenehmigung bekommen. Das ist jetzt wohl vorbei. Ein weiteres Problem ist, dass die jetzige indische Regierung unter Präsident Narendra Modi eine fundamentalistisch-hinduistische ist. Viele christliche Einrichtungen haben es seitdem schwer und werden häufig von Beamten besucht oder müssen auf einmal Auflagen erfüllen, die vorher nicht erforderlich waren.

Seit einer Gesetzesänderung 2010 kann die Regierung außerdem die Bankkonten von Organisationen sperren, wenn diese dem "öffentlichen Interesse" schaden. Die Regierungspartei BJP hat Indiens Politik gegenüber Nichtregierungsorganisationen noch einmal verschärft und schon über 15 000 Nichtregierungsorgansiationen (NGOs) die Lizenz entzogen, Gelder aus dem Ausland zu empfangen. Dafür braucht man nämlich ein bestimmtes Konto, genannt FCRA. Ohne dieses sind jegliche Transaktionen aus dem Ausland nicht mehr möglich. Damit bedeutet die Sperrung dieses Kontos für viele NGOs das Ende ihrer Arbeit, da sie ohne finanzielle Unterstützung aus dem Ausland nicht überleben können.

Anne mit Kindern

Anne mit Kindern

Quelle:



Unter diesen Repressalien leiden aber keinesfalls nur unbekannte, kleinere Organisationen! Greenpeace India ist zum Beispiel ebenfalls davon betroffen und auch die TELC, für die wir arbeiten, hat ständig Angst, unangenehm aufzufallen und auf diese Liste gesetzt zu werden. Ob die vorrübergehende Schließung unseres Kinderheims auch damit zusammenhängt, wissen wir nicht.

Tagebucheintrag:

Regen in Thanjavur

Regen in Thanjavur

Quelle:



Es gießt in Strömen und ich bemühe mich, den seitlichen Vorhang der Rikscha so weit vorzuziehen, dass ich nicht allzu nass werde. Denn um von der offenen Seite der Rikscha abzurücken, ist nicht genügend Platz.

Eine Rikscha

Eine Rikscha

Quelle:



Wir halten an, da der Fahrer (auch unser Gärtner/"Mann für Alles") noch schnell in einem kleinen Restaurant frühstücken will. Und so bleiben Anna und ich allein mit dem Sarg in der Rikscha zurück, während der Regen unaufhörlich auf das Gummidach über uns prasselt. Es ist eng auf der Rückbank. Der Sarg reicht von der Frontscheibe bis hinten aus dem Gefährt hinaus und ist mit einem weißen Tuch, einem Kreuz und Blumen geschmückt. Obwohl er noch leer ist, steigt ein beklemmendes Gefühl in mir auf.

Mit dem Sarg in der Rikscha

Mit dem Sarg in der Rikscha

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Nach einer gefühlten Ewigkeit kommen die beiden Männer zurück und wir sitzen schweigend unsere Fahrt zum Frauenheim fort. Als wir ankommen, steht die Kühlbox, die wie eine Art Vitrine aus Plexiglas aussieht, auf der Veranda. Darin aufgebahrt liegt Regina. Auf eine traurige Art und Weise erinnert sie mich an Schneewittchen in ihrem gläsernen Sarg. Aber ich weiß, dass sie von keinem Prinzen mehr wachgeküsst werden wird. Der gläserne Deckel wird abgenommen und ich lege ihr vorsichtig eine Kette aus Blumen um den Hals. Auch die anderen schmücken ihren Körper mit Blumen bis es aussieht, als schlafe sie auf einem Meer aus Blüten.

Der Allerseelen-Friedhof

Der Allerseelen-Friedhof

Quelle:



Anschließend setzen wir uns um sie herum und singen. Es ist eine sehr kleine Runde. Nur ein Bruder ist erschienen und von den Frauen sind nicht alle da, manche kommen kurz und gehen dann wieder, andere bleiben ganz in ihrem Zimmer. Auch Tränen werden keine vergossen, denn der Tod hat in Bethesda schon häufig Einzug gehalten und viele haben sich bereits in den vergangenen Tagen verabschiedet.

Was ich selbst fühle, weiß ich nicht so genau, denn irgendwie ist da nur eine Leere - ein Unverständnis. Dabei habe ich oft mit Regina gesprochen. Sie hat mir stolz englische Lieder vorgesungen und mir aus ihrem Leben erzählt. Es ist kaum eine Woche her, da saß ich noch mit ihr auf dem Hof und habe gemalt. Erst als wir durch den vom Regen aufgeweichten Boden hinter den Sargträgern her zum ausgehobenen Grab gehen, weiß ich, dass es Zeit ist, Abschied zu nehmen.

Nachdem wir vom Seminar zurückkamen, hatten Helena und ich zum Glück noch die Gelegenheit, uns von Regina zu verabschieden, bevor ihr Herz noch am gleichen Abend aufgehört hat zu schlagen. Sie lag völlig reglos auf einem der Betten und hat nur noch schwer geatmet. Durch einen Schlauch in ihrer Nase hat sie etwas Milch eingeflößt bekommen. Ein paar der Frauen haben sich um sie gekümmert. Ärzte oder Krankenschwestern waren keine dort. Laut dem Krankenhaus hatte sich durch einen früheren Sturz ein Blutgerinnsel gebildet, das nun geplatzt war und zu Gehirnblutungen geführt hat. Als sie im Krankenhaus ankam, war sie bereits hirntot und die Ärzte sagten, sie könnten nichts mehr für sie tun.

Bei Christy, die vier Tage vorher verstorben war, weiß ich bis heute nicht genau, was die Todesursache war, da keinerlei Autopsie durchgeführt wurde. Regina wurde direkt neben ihr beerdigt, so konnten wir auch auf ihr Grab noch Blumen legen und uns verabschieden.

Im Frauenheim

Im Frauenheim

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 Schon zwei Tage später war im Frauenheim wieder Alltag eingekehrt und die beiden wurden kaum noch erwähnt. Es wurde wieder gelacht, gesungen, gemalt und natürlich voller Eifer das Weihnachtsfest vorbereitet.

Natürlich läuft das Trauern um einen Verstorbenen nicht überall in Indien so ab und in vielen Familien wird sehr lange und intensiv getrauert, wenn ein Familienmitglied stirbt. Oft sieht man auch Plakate als Gedenken an die Verstorbenen in der Stadt hängen oder eines unserer Heime bekommt zum Todestag eines geliebten Menschen eine Mahlzeit gespendet. An Allerseelen (2. November) haben viele Christen zum Beispiel auch die Gräber ihrer Lieben besucht und mit Blumen, Kerzen und Räucherstäbchen geschmückt. Bis in die späten Abendstunden wurde dann auf dem Friedhof im Schein der Kerzen gesungen und an die Verstorbenen gedacht. Es war wirklich ein wunderschöner Anblick, den ich so schnell nicht vergessen werde.

Familie vor dem Grab

Familie vor dem Grab

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Tagebucheintrag:

Kinderlachen, aufgeregte Stimmen, leuchtende Gesichter und strahlender Sonnenschein. Lächelnd sitze ich draußen auf dem kleinen Spielplatz des Kinderheims und beobachte das Treiben. Einige der Kinder rutschen gerade, andere fahren Karussel oder baumeln lachend vom Klettergerüst. Kavi, Jenni und Kalpana kommen abwechselnd mit Blättern zu mir, auf denen Sand und Grünzeug liegen, und bieten mir ihr selbst zubereitetes "Essen" an. Lakshmi führt gerade Kattika zur Rutsche und redet lächelnd auf sie ein. Kattika ist erst seit drei Tagen im Heim und noch ziemlich schüchtern.

Auf dem Spielplatz mit den Kindern

Auf dem Spielplatz mit den Kindern

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Aka, aka!” Immer wieder rufen mich die Kinder, um mir zu zeigen, was sie gerade machen oder mich zu bitten, ihnen zu helfen. Matevi klettert gerade auf meinen Schoß und schon kommt auch Barath, strahlt mich an und sagt "Imke-aka, hoppe hoppe?". Nach zwei Runden Hoppe-Reiter schicke ich die beiden wieder los zum Spielen. Wenn man ihnen so zuguckt, könnten sie auch Kinder auf jedem deutschen Spielplatz sein.



Ich habe wirklich das Gefühl, dass es den Kindern hier im Heim gut geht und auch, wenn es natürlich oft anstrengend ist mit so vielen kleinen Kindern, die alle etwas Verschiedenes möchten und teilweise auch echt einen Schelm im Nacken sitzen haben, gibt es immer wieder so viele schöne Momente und es macht wirklich ungemein viel Spaß. Zu beobachten, wie schnell die Kinder lernen und englische oder deutsche Lieder schon nach zwei bis drei Malen mitsingen können, wie sie begeistert das Pfeifen und Schnipsen üben oder wie sie auf Englisch alle Wochentage, die Zahlen bis zehn und an die zehn Obstsorten benennen können, ist immer wieder ein kleines Erfolgsgefühl. Auch das Ausmalen und Basteln klappt mittlerweile schon viel besser und ist nicht mehr so chaotisch wie am Anfang.

Eine der Heimschwestern mit den Kindern

Eine der Heimschwestern mit den Kindern

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 Allerdings habe ich jetzt auch einen ungehören Respekt gegenüber allen Kindergärtnerinnen, weil so viele Kinder gleichzeitig beaufsichtigt werden müssen und es manchmal echt unglaublich laut und anstrengend in einem Kindergarten sein kann.

Das Problem ist, dass die Kinder hier in Indien in solchen Überforderungsmomenten oft von den Erzieherinnen geschlagen werden. Das ist nicht nur in unserem Heim so, sondern ausnahmslos in allen anderen Einrichtungen, in denen ich hier Freiwillige kenne und wahrscheinlich auch in vielen anderen. Die Erzieherinnen sind aber deshalb keine böswilligen Menschen oder lieblos den Kindern gegenüber, sondern es ist einfach normal, Kinder durch Schläge zu bestrafen. Auch Eltern schlagen ihre Kinder hier noch regelmäßig. Was im Übrigen auch in Deutschland noch bis ins Jahr 2000 nicht gesetzeswidrig war.

Die Innenstadt von Thanjavur

Die Innenstadt von Thanjavur

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 Manchmal werden die Kinder hier allerdings nicht nur mit der Hand, sondern auch mit Metal- und Holzstangen geschlagen. Es wird jetzt nicht auf die Kinder eingedroschen oder ihnen ernsthafte physische Wunden zugefügt, aber ein paar der Kinder wurden schon einmal durch einen Schlag von den Füßen gerissen. In diesen Momenten habe ich mich schon oft hilflos gefühlt, weil ich es nicht ertragen kann, dass die Kinder geschlagen werden, ich aber auch schlecht dazwischen gehen kann.

Hier kommt dann nämlich wieder meine Rolle als Freiwillige ins Spiel. Würde ich die Erzieherin direkt konfrontieren, würde ich ihre Autorität direkt vor den Kindern untergraben und behaupten, dass ich als jugendliche Europäerin besser wisse, was gut für Kinder ist. Die Frauen haben teilweise ihr ganzes Leben in dem Heim gearbeitet. Auf unseren Seminaren wurde uns deshalb empfohlen zu einem späteren Zeitpunkt, wenn man alleine mit der Erzieherin ist, das Gesehene anzusprechen. Also in etwa so: "Ich habe vorhin gesehen, wie du XY geschlagen hast. Bei uns ist das nicht üblich und deswegen würde ich gerne verstehen, warum du das gemacht hast?" Allerdings habe ich auf eine ähnliche Frage damals die Antwort bekommen, dass er/sie das und das gemacht habe und die Kinder ohne Schläge nicht hören würden und dann ist sie zurück zur Arbeit gegangen. Das Schlagen hat dadurch nicht aufgehört, also habe ich einfach beschlossen, selber anders mit den Kinder umzugehen. Außerdem sage ich jedes Mal, wenn ich aufgefordert werde ein Kind zu schlagen, dass ich das nicht möchte. Das wurde auch bis jetzt immer mit einem Schulterzucken akzeptiert.

Straßenläden in Thanjavur

Straßenläden in Thanjavur

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Gerade am Anfang war es trotzdem ziemlich schwer für uns, den Respekt der Kinder zu bekommen, da sie genau wussten, dass sie von uns keine Strafe in Form von Schlägen zu befürchten brauchten und wir uns auch mit Worten nicht durchsetzen konnten, da uns die Sprachkenntnisse gefehlt haben. Mittlerweile hat sich das schon verbessert, weil wir zum Beispiel eingeführt haben, dass die Kinder sich entschuldigen müssen und dem anderen die Hand geben oder seine/ihre Tränen wegwischen. Manchmal, wenn es zu schlimm wird, setzen wir das jeweilige Kind in einen anderen Raum und es muss dann dort sitzen bleiben, während die anderen spielen. Das klappt meistens ganz gut, aber natürlich auch nicht immer. Aber "ungezogen" sind ja auch in Deutschland viele Kinder mal. Es gehört wahrscheinlich einfach zum Kindsein dazu, die Grenzen zu testen. Die Frage ist dann nur, wie man den Kindern die Grenzen aufzeigt.

Etwas Anderes, was mir immer wieder an den Kindern auffällt, ist wie selbstständig die Kinder teilweise schon sind und wie distanzlos und liebesbedürftig auf der anderen Seite. Fast alle kamen nämlich schon am ersten Tag auf uns zugestürmt und haben unsere Beine umklammert, sind auf unseren Schoß geklettert und haben uns an die Hand genommen. Oft gibt es auch Streitereien um unsere Aufmerksamkeit und darum, wer auf unserem Schoß sitzen darf oder im Kreis neben uns stehen darf, wenn wir mit ihnen singen.

Wäsche aufhängen in Thanjavur

Wäsche aufhängen in Thanjavur

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Hier hat man auch sofort den Unterschied zwischen den Daycare- und den Heimkindern gesehen. Die Daycare-Kinder kommen nur tagsüber in unser Heim und werden von ihren Eltern gebracht und abgeholt, wie in einem normalen Kindergarten also. Diese Kinder haben am Anfang erstmal ein wenig Zeit gebraucht, bis sie sich an uns gewöhnt hatten und auch mal zum Kuscheln oder Spielen zu einer von uns gekommen sind. Unsere Kindergartenleiterin hat auch immer wieder betont, wie wichtig es sei, dass wir den Heimkindern, besonders viel Liebe und Aufmerksamkeit schenken, da sie diese nicht durch ihre Eltern bekommen.

Einige der Kinder, die noch Familienangehörige haben, gehen zwar manchmal über die Ferien für ein paar Tage zurück nach Hause oder ein paar Wenige werden auch ab und zu von ihren Eltern im Heim besucht, aber das geschieht nicht allzu oft. Meistens bringen die Eltern dann ein paar kleine Geschenke oder Süßigkeiten mit, verbringen ein bis zwei Stunden mit ihrem Kind und gehen dann wieder. Diesen Moment finde ich immer besonders schlimm, weil die Kinder fast jedes Mal weinen und sich an ihren Eltern festklammern, damit sie nicht wieder gehen. Aber die Eltern der Kinder können nunmal aus verschiedenen Gründen nicht für ihre Kinder sorgen, auch wenn wir nicht bei jedem Kind den Grund kennen.

Einige Eltern haben aber zum Beispiel nicht genügend Geld, um sich angemessen um das Kind zu kümmern. Eine der Mütter hat seit dem Tod ihres Mannes eine Arbeitsstelle als Hausmädchen bei einer Familie und darf dort kein Kind bei sich wohnen haben. Wieder Andere kommen aus einer sogenannten "Broken Family", die hier leider nicht gerade selten sind. Die Familie ist also zerbrochen, weil die Eltern nicht mehr zusammenleben, zerstritten sind oder sie noch einmal geheiratet haben, und der/die neue Partner/in das Kind nicht bei sich aufnehmen möchte. Anna, unsere Kindergartenleiterin meinte, es liege an den arrangierten Ehen, dass es so viele zerbrochene Familien gebe.

Imke mit Kindern vom Heim

Imke mit Kindern vom Heim

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Tagebucheintrag:

" Ilai, podum!". Geschockt laufe ich auf das kleine Mädchen zu und fordere sie auf, die Blätter wieder auszuspucken, die sie soeben in ihren Mund gestopft hat. Ich meine, es ist nicht das erste Mal, dass sich Kinder etwas Sand in den Mund gesteckt oder auf einem Blatt gekaut haben, aber so etwas habe ich vorher noch nie gesehen. Als ob sie kurz vorm Verhungern wäre, stopft sie sich Blätter in den Mund, kaut, schluckt und greift nach einem Nachschlag. Sie ist noch nicht lange bei uns und ich habe sie nur ein paar Minuten aus den Augen gelassen. Auf meine Aufforderung hin aufzuhören, isst sie nur noch hastiger weiter. Als ich sie dann festhalte, um die Blätter aus ihrem Mund zu nehmen, schaut sie mich entsetzt an, beginnt zu weinen und streckt ihre winzige Hand erneut nach den am Boden liegenden Blättern aus. Ich nehme sie auf den Arm und gehe mit ihr in Richtung Küche, ihre Miene klart sofort auf. Sie strahlt mich mit diesem unglaublich einnehmenden Lächeln an, schlingt die dünnen Arme um meinen Hals und kuschelt sich zufrieden an mich. Ich habe das Gefühl, dass dieses kleine Mädchen genau weiß, was es bedeutet hungrig zu Bett zu gehen. Ich drücke sie noch ein wenig fester an mich.

Als Jodhika zu uns kam, wurde sie von der Polizei gebracht. Man hatte sie alleine am Straßenrand gefunden. Ab dem ersten Moment strahlte sie Helena und mich an, krabbelte auf Helenas Schoß und umschloss ihr Gesicht mit ihren kleinen Händen. Im Gegensatz zu den anderen Kindern war kein Gramm Babyspeck an ihrem zierlichen Körper zu erkennen und ihre Proportionen schienen nicht ganz zu stimmen. Auch ihr Gesicht sah ungewöhnlich aus. Als sie auf meinen Schoß kletterte und mit ihren Fingern über mein Gesicht fuhr, waren ihre Augenlider halb geschlossen, als ob sie mein Gesicht abtasten würde, aber es nicht sehen könnte.

Ich fragte Anna, wie alt Jodhika sei und sie sagte eigentlich drei oder vier Jahre alt, aber sie sei "mentally retarded" und nicht ihrer Altersstufe entsprechend entwickelt. Letzteres war offensichtlich. Jodhika sah eher aus wie eine Einjährige, sie war noch etwas wackelig auf den Beinen und rennen konnte sie überhaupt nicht. Wirklich sprechen konnte sie auch nicht, außer ein paar Wortn und Laute, aber man hatte das Gefühl, dass sie einen verstand, wenn man mit ihr sprach. Manchmal in unbeobachteten Momenten lag sie auf dem Rücken und hielt ihre Hände vor ihr Gesicht, dann warf sie sich von einer Seite auf die andere.

Das Kinderheim von außen

Das Kinderheim von außen

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 Ich hatte den Verdacht, dass sie FAS (Fetales Alkoholsyndrom) habe, was dadurch entsteht, dass die Mutter während der Schwangerschaft Alkohol trinkt. Aber so etwas ist schwer zu beweisen und richtige Diagnosen werden hier nur selten vorgelegt. Auch die Frauen im Heim sind nur als "geistig zurückgeblieben", "gehandicapt" oder "psychisch krank" in den Listen aufgeführt, ohne das weiter spezialisiert wird. Außer bei Herzpatienten oder Diabetikerinnen, kenne ich von den meisten kaum das volle Krankheitsbild, außer den Aspekten, die man bei der Zusammenarbeit mitbekommt oder man kann von den Symptomen, die einem erzählt werden, auf Depressionen, Aggressionsprobleme oder Ähnliches schließen.

Etwas Anderes, was an Jodhika bemerkenswert war, war, dass sie eigentlich nie weinte, egal, ob sie geschupst wurde, hinfiel oder ihr ein Spielzeug weggenommen wurde. Der einzige Moment in dem man sie kaum noch beruhigen konnte vor lauter Weinen, war wenn sie kein Essen mir auf ihrem Teller hatte oder ihre Kekse schon aufgegessen hatte, die anderen Kinder aber noch etwas Essbares in den Händen hielten. In diesen Momenten entwickelte sie plötzlich ein ungeheure Kraft für ihr Alter und versuchte irgendwie an das Essen zu kommen. Hielt man sie dann zurück, weinte sie bitterlich und wandt sich, um loszukommen.

Das war besonders am Anfang schwer, weil sie etwas weniger zu essen bekam, da sie sich häufig übergab und Durchfall hatte. Vor allem wurde sie jedes Mal, wenn sie etwas Essbares bekam ganz zittrig und aufgeregt und schlang es so schnell herunter, dass man ihr ihr Essen nur auf kleine Portionen verteilt geben konnte, damit sie nicht allzu früh vor den Anderen fertig war.

Ansonsten war Jodhika aber ein unglaublich liebes Kind, dass keinen Ärger machte und einen schon morgens, wenn man sie weckte, anstrahlte, als habe man ihr soeben das schönste Geschenk der Welt gemacht. Auch die anderen Kinder zeigten sich teilweise von einer ganzen neuen Seite, als Kattika und Jodhika bei uns ankamen (die beiden kamen ungefähr mit einer Woche Abstand zu uns). Unsere Heimkinder kümmerten sich zum Großteil wirklich liebevoll um die Beiden und bemühten sich von Beginn an, sie einzubinden. Immer wieder sah ich, wie Kattika oder Jodhika an die Hand genommen und ins Badezimmer oder zur Küche geführt wurden, wie ihnen zuerst der Becher hingestellt wurde oder wie eines der Kinder aufmunternd mit ihnen sprach und sie mit zum Spielen nahm.

Imke im Frauenheim

Imke im Frauenheim

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 Eines Tages kam Jodhikas Mutter überraschend vorbei. Sie habe von der Polizei erfahren, dass ihre Tochter hier sei, sagte sie. Darum Jodhika zu sehen, bat sie allerdings nicht, sondern fragte lediglich, ob sie hier Medizin bekäme. Als Anna bejahte, sagte sie nur "Gut!" und ging wieder. Es war das einzige Mal, dass ich Jodhikas Mutter sah. Jodhika und Kattikal blieben nur ein paar Wochen bei uns, dann wurden sie in andere Heime gebracht. Jodhika kam in ein Heim für Kinder mit besonderen Bedürfnissen.

Seitdem haben wir nichts mehr von ihnen gehört. Das ist eine der Sachen, die mich traurig macht. Denn wenn unsere Heimkinder gehen müssen, werden wir keine Möglichkeit mehr haben, zu erfahren, wie es ihnen in dem nächsten Heim oder wieder zu Hause bei ihren Familienmitgliedern ergehen wird.

Natürlich berührt es einen, wenn man Menschen kennenlernt, die Dinge erlebt haben, die man sich gar nicht vorstellen kann. Jodhi ist zum Beispiel nicht das einzige Kind in unserem Heim, dass auf der Straße gefunden wurde. Abu wurde mit einem Jahr von der Polizei aufgelesen, als er ganz alleine zwischen den Bussen am Busbahnhof entlangkrabbelte.

Auch bei den Frauen erfährt man immer wieder neue Schicksale. Und es ist immer wieder ein großer Vertrauensbeweis, wenn eine der Frauen uns erzählt, warum sie gehandicapt ist oder wie sie von ihrer Familie ausgesetzt oder verstoßen wurde. Vor allem habe ich dadurch aber auch gelernt, dass nicht alles so einfach ist, wie es scheint und es leicht ist, andere Menschen für ihr Verhalten zu verurteilen, wenn man nie dieselben Sorgen hatte wie sie. Es sind nicht immer nur lieblose, grausame Eltern, die ihre Kinder aussetzen oder an Kinderheime abgeben. Und man kann eine Mutter, die versucht mit Tabletten ihr ungeborenes Kind abzutreiben, dass deshalb mit schweren Behinderungen geboren wird, nicht an den Pranger stellen, wenn man ihre Nöte und Ängste nicht kennt.

Auch wenn Indien schon lange kein Entwicklungsland mehr ist und eine der demokratischsten Verfassungen der Welt hat, gibt es immer noch viele Baustellen in der Sozialhilfe und zu viele Gesetze, deren Einhaltung nicht genügend kontrolliert wird.

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