Volltextsuche über das Angebot:

9 ° / 7 ° Sprühregen

Navigation:
Weihnachten im Kinder- und Frauenheim

Imke arbeitet in einem indischen Heim Weihnachten im Kinder- und Frauenheim

Imke Schal arbeitet in Thanjavur in einem Kinder- und Frauenheim. Auch dort wurde Weihnachten gefeiert, viel getanzt, gesungen und sich verkleidet. Und auch sie musste zahlreiche Kunststücke und Tänze vorführen ...

Voriger Artikel
Imke entdeckt das farbenfrohe Indien
Nächster Artikel
Schließung, Hunger und Tod: Die harte Heimrealität

Die Jungs aus dem Heim verkleiden sich für Weihnachten.

Quelle: privat

Tagebucheintrag:

28 Grad, Regen, massenweise Arbeit, Plastiktannenbäume, weder "Last Christmas" noch Weihnachtsmärkte, Plätzchen oder Lebkuchen … kein Wunder, dass so gar keine Weihnachtsstimmung bei mir aufkommen will. Helena und ich sitzen in meinem Zimmer und basteln im Akkord Geschenke und Dekorationen, denn jeder soll zu Weihnachten eine Kleinigkeit bekommen und das Dekorieren der Heime für die Weihnachtsfeiern ist auch zum Großteil unsere Aufgabe. Im Hintergrund dudelt die Weihnachts-CD, die wir uns hier besorgt haben, um wenigstens etwas weihnachtliche Atmosphäre zu erzeugen.

Imke im Tanzoutfit

Imke im Tanzoutfit

Quelle:



Es ist mal wieder nach Mitternacht und morgen heißt es um 6 Uhr aufstehen, um den Kindergarten zu schmücken und die Kinder dann für die Feier herauszuputzen. Mit müden Beinen gehen wir noch einmal kurz unsere Tanzchoreographien für den morgigen Tag durch, geben aber noch einem Durchgang auf und lassen uns in unsere Betten fallen. Das Summen des Ventilators und das Hupen der Busse verschwimmt langsam und ehe ich mich versehe, schrillt neben mir der Wecker. Es ist schon wieder Zeit zum Aufstehen, doch mein erster Gedanke gilt dem Urlaub, der mittlerweile in greifbare Nähe gerückt ist und dringend notwendig ist, um meine Energiereserven wieder aufzufüllen.

Seit Anfang Dezember waren wir auf sechs Weihnachtsfeiern von christlichen Heimen, Schulen und einem Frauenbund. Davon mussten wir bei zwei Feiern selber auftreten, bei einem Gottesdienst vor versammelter Kirchengemeinde zu zweit "Stern über Bethlehem" mit Mikro singen und für einen Kirchenbasar deutsche Plätzchen backen. Dazu kommen über 100 Geschenke und die normale Arbeit. Langsam wurde uns klar, wie stressig Weihnachten als berufstätige Eltern sein muss.

Weihnachtsfeier im Mädchenheim Pattukottai

Weihnachtsfeier im Mädchenheim Pattukottai

Quelle:



Weihnachtsfeier im Mädchenheim Pattukottai

Weihnachtsfeier im Mädchenheim Pattukottai

Quelle:



Als wir den Kindergarten schmücken sollten, hieß es "simple decoration, not too much". Als wir fertig damit waren, alles so aufzuhängen, wie Anna es wollte, quoll der Raum vor Lametta fast über. Und auch die Krippe und der Steck-Tannenbaum waren reich und bunt geschmückt.

Plätzchen backen im Steinofen

Plätzchen backen im Steinofen

Quelle:



Auch das Plätzchenbacken lief etwas anders ab, als bei uns zu Hause, denn zu unserer Küchenausstattung gehört leider kein Backofen. Die sind in Indien generell eher selten. Also mussten wir zu einem Bäcker gehen und ihn bitten, unsere Plätzchen in seinem Ofen backen zu dürfen. Als wir die "Garagenladen"-Bachstube betraten, umgab uns der Geruch von frisch gebackenem Kuchen, was vielversprechender war als der Anblick des Geschäfts. Es war alles andere als sauber, aber das waren wir ja schon weitestgehend gewöhnt. Allerdings war der "Backofen" ein Steinofen, der anscheinend mit so ziemlich allem befeuert wurde, was man finden konnte. Neben Ästen und etwas Holzresten, nährten auch Müll und Plastiktüten die Flammen. Der Bäcker machte das allerdings mit seiner fröhlichen Art und seiner Erfahrung wieder wett und lud uns gleich auf einen Tee ein. Die Kekse sind zwar am Ende teilweise etwas zu dunkel geworden und haben nicht so wirklich geschmeckt wie zu Hause, aber schlecht haben sie auch nicht geschmeckt und es war auf jeden Fall eine interessante Erfahrung.

Tamilischer Kerzentanz der Kinder

Tamilischer Kerzentanz der Kinder

Quelle:



Für die Weihnachtsfeier hatten wir mit den Kindern einen traditionell tamilischen Kerzentanz einstudiert und einen weiteren Tanz ohne Utensilien. Helena und ich mussten auch zwei Tänze aufführen und bei einem mussten wir eine Vase mit einem Mini-Tannenbaum darauf auf dem Kopf balancieren, während wir zum Beispiel kniend mit dem Mund ein Taschentuch vom Boden aufheben sollten oder uns auf den Boden legen mussten und uns drehen. Da wir den Tanz erst fünf Tage vor der Feier das erste Mal getanzt hatten, waren wir extrem froh, dass wir die Vase mit einem Gummiband unter unserem Kinn befestigen durften, damit sie nicht herunterfällt. Als wir im Mädchenheim in Pattukottai waren, haben drei der älteren Mädchen auch einen solchen "Vasentanz" aufgeführt und das ohne ein Gummiband -  allerdings ist auch zweimal einem der Mädchen die Vase vom Kopf gefallen. Trotzdem war es echt beeindruckend.

Imke beim Vasentanz

Imke beim Vasentanz

Quelle:



Für unseren Tanz wurden wir auch traditionell zurechtgemacht. Wir hatten einen besonderen Sari an, dessen Saum auf Kniehöhe gebunden wurde, sodass wir eine Leggins darunter tragen mussten. Außerdem hatten wir eine Haarverlängerung, damit unser Flechtzopf wie bei den meisten Inderinnen unseres Alters auf Hüfthöhe endete. Außerdem wurde unser Zopf dann mit Blumen umwickelt, was ganz praktisch war, weil der Kontrast zwischen meinen dunkelblonden Haaren und dem schwarze Haarteil dann etwas weniger auffiel.

Da wir in Indien sind, durfte natürlich auch der "Gold"-Schmuck nicht vergessen werden und wir bekamen Armreifen, Ketten, Ohrringe und Fußkettchen mit kleinen Glocken daran umgelegt. Zum Glück durften wir uns selber schminken, denn bei der Feier im Frauenheim haben sich die Frauen roten Lippenstift auf Lippen und Augenlider gemacht und noch einen Kreis auf beide Wangen gemalt. Anschließend wurden goldene Glitzerpigmente großzügig über das Rot auf Wangen und Augen verteilt.

Krippenspielverkleidung im Frauenheim

Krippenspielverkleidung im Frauenheim

Quelle:



Bei jeder Feier gab es ein Krippenspiel und auffällig war auch, wie sehr schon kleine Kinder geschminkt wurden.

Krippenspiel des Frauenheims

Krippenspiel des Frauenheims

Quelle:



Außerdem sollten Helena und ich auf der Feier im Kinderheim und auf der im Frauenheim mit einer etwas gruseligen Plastikmaske und einem roten Überwurf ausgestattet Weihnachtsmänner spielen und Süßigkeiten verteilen. Also auch der Weihnachtsmann hat es bis nach Indien geschafft, auch wenn niemand hier wirklich an ihn zu glauben scheint - nicht einmal die Kinder.

Verkleiden für die Weihnachtsfeier

Verkleiden für die Weihnachtsfeier

Quelle:

 

Abgesehen von diesen Weihnachtsfeiern, den Paketen von zu Hause und ein paar wenigen Häusern, in denen ein leuchtender Stern hing, gab es hier nicht viel, das vermuten ließ, dass es Weihnachten war. Bei vier Prozent Christen in Thanjavur ist das wahrscheinlich auch kein Wunder. Nur ein paar Geschäfte wiesen minimale Weihnachtsdeko auf.

Die Jungs im Weihnachtsoutfit

Die Jungs im Weihnachtsoutfit

Quelle:



Klasse Weihnachtsstimmung kam somit nicht auf, aber trotzdem machte es unglaublich viel Freude, alle irgendwie einzuspannen, um weihnachtlich zu basteln und gemeinsam zu singen. Denn den Frauen und Kindern macht diese Zeit das Jahres auf jeden Fall am meisten Spaß, denn es kommen häufig Gäste zu Besuch und bringen Essensspenden oder Geschenke und auch das Dekorieren der Zimmer, die Tänze und die Proben für das Krippenspiel sorgten für Freude und eine willkommene Beschäftigung.

Voriger Artikel
Nächster Artikel