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Nach Unfall und Geldbetrug: Wie man als Backpacker wieder aufsteht

Madita reist durch die Welt Nach Unfall und Geldbetrug: Wie man als Backpacker wieder aufsteht

Auf den Reisen eines Backpackers gibt es Phasen, in denen er sich durchbeißen muss. Madita Strähle lebte vier Monate in Sydney, wurde dort um Geld betrogen und hatte einen Autounfall. Doch sie gab nicht auf. Am Ende war sie Teil der "Unemployed Gang", fand ein Zuhause und wird dem Lied "circle of life" für immer verbunden bleiben.

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Mit meiner "Unemployed Gang" auf dem Skytower in Sydney.

Quelle: privat

Madita reist durch die Welt. Die ersten Sonnenstrahlen des Tages scheinen durch die kleinen Fensterscheiben der Maschine von Tigerair. Es ist sechs Uhr morgens und ich lasse meinen Gurt einrasten. Nach dem üblichen Prozedere, dem Kribbeln im Bauch und den Druck auf den Ohren, schaue ich hinab auf die Stadt, die mir in den letzten vier Monaten ein Zuhause gegeben hat: Sydney.

Sonnenuntergang über Sydney

Sonnenuntergang über Sydney

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Eine Sache, die man beim Reisen lernt, ist, dass ein familiäres Umfeld und ein Freundeskreis nichts Selbstverständliches ist, sondern erst erarbeitet werden muss. Es braucht Zeit, Aufwand, Verständnis und Ehrgeiz, sich sein eigenes Network aufzubauen. Das gilt besonders für Orte, die als Großstadt gelten. Ich hatte zuvor noch nie in einer Großstadt gelebt und erinnere mich noch deutlich an meine Skepsis und die Angst davor, zu vereinsamen. Es ist verrückt, wie schwer es ist, Menschen kennenzulernen, obwohl tagtäglich tausende Menschen aneinander vorbeilaufen.

Mein neues Zuhause

Mein neues Zuhause

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Schritt eins war also, zunächst einmal ein paar Menschen kennenzulernen, um im herbstlichen Sydney die Tage nicht alleine zu verbringen. Nach einigen Wohnungsbesichtigungen war meine Wahl gefallen. Eine WG in 155 Cathedral Street im Stadtteil Woolloomooloo nannte ich ab sofort mein Zuhause. Es war ein kleines Reihenhaus, welches sich über zwei Etagen erstreckte und einen kleinen Hinterhof besaß. Ich wollte auf Nummer sichergehen, stets Gesellschaft zu haben, und 16 Mitbewohner waren dafür nicht die schlechteste Voraussetzung. Das Stadtleben konnte nun also beginnen und so machte ich mich auf Arbeitssuche. Fündig wurde ich in einem kleinen Eiscafé auf einer von Sydneys belebtesten Straßen.

Mein Bett

Mein Bett

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Eine weitere Sache, die man beim Reisen leider ebenfalls lernen und akzeptieren muss, ist, dass auch schwere Zeiten überwunden werden müssen, in denen man keine Unterstützung von langjährigen Freunden oder Familie vor Ort hat. In den nächsten paar Wochen mauserte ich mich immer mehr zum Pechvogel und der Gedanke ans Aufgeben und die Rückkehr in die Heimat machte den Gedanken von guten Erlebnissen, Reisefreiheit und Leichtigkeit Konkurrenz. Sicher ist man es gewohnt, den ein oder anderen Rückschlag alleine zu verkraften, doch wenn die Pechsträhne kein Ende nimmt, ist das Kämpfen für bessere Zeiten manchmal wirklich schwierig.

Nachdem ich rund einen Monat, sechs Tage die Woche, teilweise elf Stunden am Tag, in dem Café geschuftet hatte, stand ich eines Morgens vor verschlossenen Türen. Das Café war leer geräumt und alles was übrig war, war ein Schild an der Glastür mit der Aufschrift: for lease (zu vermieten). Nach einigen Recherchen fand ich heraus, dass das Geschäft bankrott gegangen war und sich meine ehemaligen Chefs aus dem Staub gemacht hatten - natürlich ohne mir meinen Lohn zu zahlen. Das war der erste Schlag.

Schöne Erlebnisse in trüben Stunden: Ich auf dem Wedding Cake Rock

Schöne Erlebnisse in trüben Stunden: Ich auf dem Wedding Cake Rock

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Der Herbst legte sich derweil über Sydney und Dauerregen und Trübnis verbesserten meine Stimmung nicht gerade. Ich spielte mit dem Gedanken, Sydney so schnell wie möglich wieder zu verlassen, doch ein Autounfall mit dem "Beast" sollte dies für drei Monate verhindern. Obwohl durch den Unfall lediglich ein Blechschaden entstanden war, wurde die ganze Angelegenheit nach und nach zu einer emotionalen Belastung und Herausforderung. Denn die andere Unfallpartei versuchte mir mit allerhand unschönen, teilweise beängstigenden Handlungen das Leben schwer zu machen. Ich will nicht ins Detail gehen, aber ich wurde bedroht, man versuchte mich zu erpressen und ich musste im Endeffekt einen Anwalt engagieren. Auch das machte meine finanzielle Situation nicht besser.

Aber diese Erlebnisse haben mich vieles gelehrt: Während einer Reise wird man ins kalte Wasser geworfen und auf die Probe gestellt. Herausforderungen alleine zu meistern und sich auch durch schlechte Zeiten zu kämpfen, ohne das Reisefieber zu verlieren, ist die Kunst. Wenn ich nun auf diese Zeit zurückblicke, wird mir bewusst, wie ich wieder auf den richtigen Weg fand und wodurch ich meine Lust am Abenteuer wiedergewonnen habe.

Unemployed Gang (Die Arbeitslosengang):  (v.l.) Hemanth aus Indien, Ann aus Frankreich, Jordan aus England, Adam aus Schweden, Timo aus Deutschland und ich. Vorne: Arthur aus den Niederlanden.

Unemployed Gang (Die Arbeitslosengang): (v.l.) Hemanth aus Indien, Ann aus Frankreich, Jordan aus England, Adam aus Schweden, Timo aus Deutschland und ich. Vorne: Arthur aus den Niederlanden.

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Die Unterstützung von meiner Familie und meinen Freunden aus Deutschland, mit denen ich in dieser Zeit überdurchschnittlich viel kommunizierte, half mir, mich wieder aufzurappeln und auf Jobsuche zu gehen. Ich wurde im "Searock Grill" fündig, einem Restaurant am Hafen, nur wenige Schritte vom Opernhaus entfernt. Jedes Mal war ich wieder völlig hin und weg, wenn ich voll beladen mit Tellern in den Außenbereich des Restaurants eilte und sich vor mir ein traumhafter Sonnenuntergang über der Harbour Bridge erstreckte. Obwohl ich generell kein großer Fan davon bin, in der Gastwirtschaft zu arbeiten, machte mir dieser Job wirklich Spaß. Das lag vor allem an meinen vielen, tollen Kollegen, die aus der ganzen Welt kamen und es wirklich leicht machten, mich einzugewöhnen.



Das Wichtigste jedoch, wenn ich es im Nachhinein betrachte, war das, was in 155 Cathedral Street passierte. Langsam aber stetig wurde ein zunächst fremdes Haus zu meinem Zuhause und fremde Menschen wurden nicht nur zu Freunden, sondern zu einer Familie. Ich liebte es, nach der Arbeit nach Hause zu kommen, weil ich wusste, einer meiner 16, zunächst ausschließlich männlichen Mitbewohner, würde immer auf der Couch sitzen. Ich hatte stets Gesellschaft und die vielen, verschiedenen Kulturen, die in unserem Wohnzimmer aufeinanderrasselten, gaben immer Gesprächsstoff her.

Eindrücke vom Vivid-Festival

Eindrücke vom Vivid-Festival

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An freien Tagen besuchten wir zusammen das Vivid-Festival, das bekannte Lichterfestival, was einmal im Jahr in Sydney stattfindet. Überall waren Attraktionen und Lichter-und-Lasershows zu finden und es kam einem vor, als wäre ganz Sydney nachts auf den Beinen, um das Opera-Haus in verschiedenen Farben schimmern zu sehen.

Das Opera House im Farbenspiel

Das Opera House im Farbenspiel

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Unemployed gang bei Nacht: Hemanth aus Indien, Ich, Max aus Frankreich, Johannes aus Deutschland und Javier aus Chile.

Unemployed gang bei Nacht: Hemanth aus Indien, Ich, Max aus Frankreich, Johannes aus Deutschland und Javier aus Chile.

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Das Schöne am Zusammenleben war, dass sich jeder gegenseitig akzeptierte und tolerierte, für das was er war und wo er herkam. Jeder war verschieden, dennoch gab es in der gesamten Zeit keinen einzigen Streit. Über die Zeit gründeten wir eine Gang, die sich die "Unemployed Gang" nannte. Denn es gab immer irgendwen, der das arbeitslose Leben zu Hause auf der Couch genoss. Die Unemployed Gang ging zusammen feiern, ins Kino, kochte zusammen, schaute sich Sehenswürdigkeiten an oder versammelte sich abends zum Sonnenuntergang gucken im botanischen Garten mit perfektem Blick auf das Opernhaus und die Harbour Bridge.

Unemployed Gang auf dem Skytower: (v.l.) Heiarii aus Tahiti, Javier aus Chile, Hemanth aus Indien, Oscar aus Spanien, Johannes aus Deutschland, Ich und Adam aus Schweden.

Unemployed Gang auf dem Skytower: (v.l.) Heiarii aus Tahiti, Javier aus Chile, Hemanth aus Indien, Oscar aus Spanien, Johannes aus Deutschland, Ich und Adam aus Schweden.

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Wir führten die Tradition ein, jeden Tag mindestens einmal die ersten fünf Minuten des Films "Der König der Löwen" zu sehen, in dem das Lied "Circle of Life" von Elton John gespielt wird. Über die Zeit wurde das zum richtigen Gänsehaut-Event. Licht aus, Stille und alle anwesenden Augenpaare starrten wie gebannt auf den Fernseher.

"König der Löwen" sahen wir regelmäßig

"König der Löwen" sahen wir regelmäßig

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Meine letzten paar Wochen in Sydney zählten wohl zu den schönsten Momenten meiner bisherigen Reise und als dann die Zeit gekommen war zu gehen, konnte ich es wahrhaftig nicht fassen. Bei jedem Kleidungsstück, welches ich in meinen Rucksack packte, liefen mir neue Tränen die Wangen runter. Und nachdem ich die Abschiedsnotizen las, die meine Mitbewohner in mein Reisetagebuch geschrieben hatten, wurde mir bewusst, wie sehr ich jeden Einzelnen vermissen würde. Doch es wartete um 7 Uhr morgens ein Flieger nach Cairns auf mich, um ein neues Abenteuer zu beginnen. Und so saßen meine Sydney-Familie und ich die ganze Nacht lang wach und als dann die Zeit gekommen war, aufzubrechen, brachten wir das letzte Mal unser "Lion King"-Ritual hinter uns und nahmen Abschied - nicht ohne uns zu schwören, uns schon bald wiederzusehen.

Das Flugzeug, in dem ich sitze, gewinnt schnell an Höhe und Sydney strahlt in der hellen Morgensonne. Von meinem Fenster aus erblicke ich die Skyline, das Opernhaus und die Harbour Bridge und ich spüre, wie sich ein Kloß in meinem Hals bildet. Ich bin dankbar für meine Zeit in Sydney - und ich werde mir bewusst, das Abschiede traurigerweise im Leben eines Backpackers nicht zu vermeiden sind. Aber es muss weitergehen und ich bin gespannt, was mir als nächstes begegnet - auf meiner Reise und in meinem ganz eigenen "Circle of Life".

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