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Paradies und Albtraum

Madita Strähle, Abiturientin aus Lübeck, reist um die Welt. Paradies und Albtraum

Sie hat einiges auf ihren Reisen erlebt und gesehen, Thailand aber wird Madita mit gemischten Gefühlen in Erinnerung bleiben. Einerseits gab es schöne Tage, andererseits hat der Massentourismus sie nachdenklich werden lassen. Hier dazu ihre Gedanken.

Kultur und Religion versus Massentourismus.

Quelle: Madita Strähle

Verlegen nicke ich dem älteren Herren im Hawaiihemd zu, der es sich auf dem Platz am Gang schon richtig bequem gemacht hat. „Entschuldigung, ich müsste da leider mal durch.“
Wehleidig stöhnt der Alte auf, schält sich aber dann aus seiner Flugzeug-Fleece-Decke und wuchtet seinen massigen Körper aus dem Sitz, so dass ich mich an ihm vorbei auf meinen Platz zwängen konnte. Sitzplatztechnisch hatte ich mal wieder völlig ins Schwarze getroffen. Mittelplatz, mittlere Reihe, zwischen einem achtjährigen Prinzesschen und meinem nach schweiß-müffelnden Nachbarn auf der linken Seite, der mich unablässig beäugt und dringlichstes ein Gespräch suchend. Eine halbe Stunde nach Start der Maschine und drei Whiskeys später, traut er sich dann.  
„Na, warste auch im Paradies?“, fragte er mit starkem nordischem Akzent, wobei er sein rechtes Auge zu so etwas wie einem Zwinkern verzog. Der Geruch von Alkohol quillt mir entgegen und irgendein Unterton in dieser Frage lässt den Mann ausgesprochen unsympathisch wirken. Ich bin mir nicht sicher, wie ich diese Frage auslegen soll, deswegen zucke ich nur die Schultern und frage: „Wie?“
„Naja, Thailand!“ Seine blauen, glasigen Augen mustern mich empört. „Ich sage ja immer, in Thailand, da werden noch Träume wahr.“
„Ach ist das so?“, frage ich zurück, schon leicht desinteressiert, da ich merke in welche Richtung sich das Gespräch entwickelt.
Thailand, das Land in dem Träume noch wahr werden.
Thailand, das Land des Lächelns.
Thailand, Land der Abenteuer. Traumhafte Strände und verwunschene Urwälder.
Thailand, das Land der Sonne und der Luxusresorts.
Das Land der Schnäppchen und der ausgiebigen Massagen.
Thailand, das Land, in dem wir alle unsere Sorgen vergessen und uns einfach alles leisten, wonach uns begehrt.

Die Realität, die ich gesehen habe, war eine andere.
Ich betrat eine der wenigen Bars, wo kein Schild mit dem Aufdruck „No Thaifood“ im Fenster hing. Diese zu finden hatte sich schwerer gestaltet hatte als gedacht, aufgrund der Befolgung meiner persönlichen Regel: kein Restaurant zu betreten, in das man quasi hineingequatscht wird.
Die riesige, mit Restaurants und Souvenirshop bestückte Hauptgeschäftsstraße in Krabi, bot dem Thailandurlauber alles er begehrt: Von italienischen über griechische Spezialitäten bis hin zu deutscher Currywurst und Schnitzel. Alles – außer thailändischer Küche.
Souvenirs zum Schnäppchenpreis. Ein nettes Strandkleid für vier Euro, naja, das lässt sich doch noch auf zwei Euro runter feilschen und wenn der Verkäufer nicht mitgeht, gehe ich einfach zwei Läden weiter, wo dieselben Kleider auf der Stange hängen.

Ich setzte ich mich an einen kleinen Tisch am Fenster bestellte bei der missmutigen Bedienung einen Kaffee, die aufgrund meiner Erscheinung den Plausch mit ihrer Freundin unterbrechen musste und mich dies sehr wohl spüren ließ.
Die schlechte Laune der Bedienung sprang sofort über. Sollte ich mich schuldig fühlen hier einen Kaffee zu bestellen? Schließlich war ich doch zahlender Gast und sie sollte doch froh über mein Erscheinen sein. Hätte ich mich doch lieber in eines dieser kommerziellen Restaurants quatschen lassen sollen? Nachdem die zierliche Bedienung mir den Kaffee wortlos auf den Tisch knallte, komme ich ins Grübeln.

Verächtlich rümpfte ich die Nase. Das Land des Lächelns. Das Lächeln bekam man wohl nur zu sehen, wenn man vorher ein paar Baht einwarf. Warum war ich die einzige Fremde, die nicht die Zeit ihres Lebens zu haben schien?
Träge beobachtete ich das rege Treiben auf der Straße. Vorbei zogen Gruppen von angetrunkenen Jugendlichen: Jungs, alle mit den gleichen selbstdesignten, ärmellosen Tops auf denen Sprüche gedruckt standen wie „Was in Thailand passiert, bleibt in Thailand.“ Gelegentlich heizten einige waghalsige Touristen auf geliehenen Motorädern über die Straße. Ein Mann mittleren Alters war unmittelbar vor meinem Fenster stehen geblieben und kaufte einem der thailändischen Straßenverkäufer eine Flasche Wasser ab. Ungläubig starrte der kleine Thailänder in die prallgefüllte Geldbörse des weißen Mannes, der diese in aller Seelenruhe wieder verstaute.
Verärgert schüttelte ich meinen Kopf. Musste das sein?
Ich war müde, aber nicht nur weil ich die letzten Nächte wegen feiernder Backpackermeuten keinen wirklichen Schlaf bekomme hatte, nein. Zum ersten Mal, seit Beginn meines gesamten Abenteuers, war ich reisemüde.
Ich hatte keine Lust, an verdreckten Stränden, Seite an Seite mit Cocktail-nippenden Touristen zu liegen. Ich fand keine Motivation, durch die Straßen zu schlendern, wo mich Verkäufer an jeder Ecke in ihre Geschäfte locken wollten. Ich war es Leid, ständig darauf achten zu müssen, dass ich nicht mit üblen Tricks für mein Geld hingehalten wurde.
Nur zu gut erinnerte ich mich an die Zeit in Bangkok, in der ich im Taxi sitzend so tun musste, als würde ich auf einer Karte mitverfolgen, wohin das Taxi fuhr, nur, damit der Fahrer nicht immer zu im Kreis fuhr. Nicht zu vergessen die angepriesene Bangkok Sight-Seeing Tour, in der mir ein Tuk-Tuk- Fahrer versprach, mich zu allen wichtigen Sehenswürdigkeiten in Bangkok zu bringen. Tatsächlich wurde ich den ganzen Tag von Souvenirladen zu Souvenirladen gefahren, in denen ich mich dazu gezwungen fühlte, etwas zu kaufen. Es gab sogar Leute, die ließen sich dort gegen ihren Willen ein Kleidungsstück maßschneidern.

Wieder blickte ich nach draußen:  Zwei Mädchen mit blondierten Haaren und riesigen Sonnenbrillen auf der Nase standen - lediglich in Bikini bekleidet – auf der anderen Straßenseite. Als sie Richtung Strand aufbrachen, fiel mein Blick auf das dahinter an der Mauer angebrachte Schild, auf dem ein Frauenkörper im Bikini rot durchgestrichen war. Darunter in Großbuchstaben: „Please respect the culture.“

Thailand, wohl eher das Land meiner Albträume?
Ich fragte mich, woran mein Pessimismus gegenüber Thailand wirklich lag. Schließlich habe ich in Australien doch auch am Strand gelegen, war einkaufen oder in Clubs feiern. Vielleicht war es einfach an der Zeit nach Hause zu fliegen.
Durch hysterisches Geschrei wurde ich aus meinen Gedanken gerissen. Von meinem Kaffee aufblickend, sah ich, wie die muffelige Bedienung eine dritte Thailänderin, die soeben die Bar betreten hatte, im Freudentaumel umarmte. Wie ausgetauscht standen sie nun zu dritt am Tresen und quatschten fröhlich auf einander ein.
Langsam begann ich zu begreifen. Die Unfreundlichkeit der Bedienung galt nicht mir als Individuum, sondern mir als westlichem Tourist.
Die anfängliche Skepsis gegenüber Thailand, machte allmählich einer Art von Fremdscham Platz.
Meine Frustration resultierte offensichtlich daraus, dass es mir nicht gelang, an thailändischer Kultur teilzuhaben. In den Ländern, die ich zuvor bereist hatte, wurde ich mit einheimischer Kultur und Begegnungen verwöhnt,  es war ihnen wichtig, wie Besucher über ihr Land dachten. Einheimische waren daran interessiert, dass ich als Tourist ihr Land kennen und schätzen lernte.
Doch hier in Thailand hatte ich den Eindruck, dass die Einheimischen alles taten, um ihre Kultur vor den Touristenmassen zu verbergen. Und noch schlimmer: Sie hatten ihrerseits offensichtlich ein festgefahrenes Bild eines  touristischen Stereotypen – unter das auch ich fiel. Doch das Traurige dabei war: Ich konnte es den Thailändern nicht übel nehmen, denn wir, die Menschen aus dem europäischen Raum, sind wesentlich verantwortlich für dieser Entwicklung.

Thailand, das Land, in dem Träume noch wahr werden.
Thailand, das Land, in dem wir alle unsere Sorgen vergessen und uns einfach alles leisten, wonach uns begehrt.
Geld bedeutet Macht. Und Macht ist etwas, wonach der Mensch strebt.
Genau hier liegt das Problem des Massentourismus in Thailand. Thailand ist populär, weil die Touristen sich hier mächtig fühlen. Man sieht Urlauber, die sich ein Leben in Saus und Braus, welches sie hier führen, zu Hause niemals leisten können. Das muss ein beflügelndes Gefühl sein. So beflügelnd, dass man anfängt, hart arbeitende Einwohner von oben herab zu behandeln und sich Freundlichkeit erkauft?
Über die Jahre ist in Thailand eine Touristenkultur entstanden. Die Kultur, die die Touristen sehen wollen und die sie sich erkaufen. Nach dem Prinzip: Angebot – Nachfrage, Thailand liefert ab.
Mir persönlich fällt es schwer sich vorzustellen, dass teils minderjährige Mädchen sich aus eigenem Willen in einer sogenannten Ping-Pong-Show präsentieren oder sexuelle Dienste an Männer verkaufen, die ihre Großväter sein können. Doch, wenn es dies das einzige ist, was den Bath in der Familienkasse klingeln lässt, hat eine hungrige Familie da eine Wahl?
Viel näher liegt doch der Gedanke, wo bleibt unsere westliche Moral? Wir sind doch Gäste in einem fremden Land, also was gibt uns das Recht, abseits unserer Werte und Normen uns völlig gehen zu lassen? Wer gestattet mir  in einem fremden Land, moralisch inkorrekte und teilweise sogar illegale Handlungen zu verrichten, mit der Rechtfertigung dafür zu bezahlen?
Kann ich es verantworten, dass für meinen einwöchigen Luxusurlaub tonnenweise Müll ins Abwasser gepumpt wird, wertvoller Naturraum weiteren neuen Hotelanlagen geopfert wird?
Wenn wir es sind, die das Geld haben, sollten wir dann nicht auch diejenigen sein, die ihre Augen öffnen und dieses Geld und die einhergehende Macht nicht missbrauchen?
Kommt man als Fremder in ein Land, hat man den Nachteil des Unwissens. Der Tourismus lebt von einer gewissen Spur Naivität. Überall auf der Welt wird diese Naivität ausgenutzt, mal mehr mal weniger und so lange sowohl Anbieter und Nutzer des touristischen Angebots dabei in ihrem häuslichen Werte und Normensystem verkehren, ist auch nichts dagegen einzuwenden Tourist zu sein. 
Tourismus ist einer der wichtigsten Wirtschaftszweige Thailands. Es wäre sicherlich falsch, Thailand als Urlaubsland den Rücken zu kehren.
Auch ich hatte schöne Tage in Thailand. Vor allem im nördlicheren Teil, wo ich durch wunderschöne Tempelanlagen streifte, atemberaubendes Bergpanorama genoss, Bekanntschaft mit wilden Elefanten machen durfte und interessante Menschen kennen lernte. Beispielsweise kam ich in Chiang Mai in einem thailändisch-italienischen Gasthaus unter. Die Gastgeber er- italenisch, sie- thailändisch, wirkten auf mich wie ein Paradebeispiel für das harmonische Zusammenwachsen und Funktonieren zweier Kulturen. Im Restaurant des Gasthauses standen übrigens Spagetti und Pizza auf derselben Karte wie PadThai.
Ich möchte mit diesem kritischen Artikel niemanden vorschnell verurteilen oder mit dem Finger auf bestimmte Menschen zeigen. Ich bin mir sicher, dass es Männer gibt, die sich wirklich in Thailand verlieben. Mädchen, die auch noch etwas anderes unternehmen wollen, als günstige Schnäppchen zu schlagen. Und Jugendliche, die nicht betrunken auf Scootern den Verkehr gefährden.
Dieser Artikel soll lediglich als sinnvoller Apell gelten,  seine Urlaubsplanung und Absichten vor Abflug moralisch noch einmal zu durchleuchten und die Folgen des eigenen Handelns zu kalkulieren.

Mir klingeln die Ohren. Den gesamten Flug über hat mein Sitznachbar mir die Ohren vollgequatscht. Wie schwer er es doch habe als LKW Fahrer und wie sehr er dann so eine dreimonatige Auszeit in Thailand verdient hätte. Dass er eine Frau kennengelernt hätte und jetzt sicher bald nach Thailand ziehen würde, denn in Thailand sei ja eh alles besser. Es folgen hunderte Bilder von ihm in Badehose am Strand und mit seiner jungen thailändischen Bekanntschaft.
Nach der Landung schieben sich die Passagiere allmählich der Reihe nach gen Ausgang. Dort steht die gesamte thailändische Besatzung und verabschiedet die Reisenden. Als mein Sitznachbar vorbei schreitet, flötet die zierliche Stewardess zwischen ihrem eingemeißelten Lächeln: ‚Thank you, Sir. Hope you enjoyed your stay in Thailand.“ Verschmitzt grinst er zurück und antwortet: „Immer wieder ein Vergnügen.“
Er schlendert aus dem Flugzeug und nun passiere auch ich die lächelnde Stewardess.
Als ich ihr in die Augen schaue, sehe ich nichts außer Ausdruckslosigkeit.
‚Thank you M’am. Hope you enjoyed your stay in Thailand.“, leiert sie herunter und zeigt ihre makellos weißen Zähne.
Ich lächele zurück. Es ist ein nachdenkliches, trauriges Lächeln. „Danke.“, sage ich, „doch wirklich kennengelernt habe ich Thailand leider kaum.“

Ao Nang von oben.

Ao Nang von oben.

Quelle:
Einkaufsstraße in Ao Nang, einer Stadt im Süden - in der Nähe von Krabi.

Einkaufsstraße in Ao Nang, einer Stadt im Süden - in der Nähe von Krabi.

Quelle:
Tempelkünstler in Bangkok.

Tempelkünstler in Bangkok.

Quelle:
Elefanten in Chiang Mai.

Elefanten in Chiang Mai.

Quelle:
Freundlicher Empfang bei den Elefanten.

Freundlicher Empfang bei den Elefanten

Quelle:
Bauarbeiten in Bangkok.

Bauarbeiten in Bangkok.

Quelle:
Die Bilder, Statuen und Plakate des thailändischen Königs sieht man überall.

Die Bilder, Statuen und Plakate des thailändischen Königs sieht man überall.

Quelle:
Elefantentempel Chiang Mai.

Elefantentempel Chiang Mai.

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