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Digitale Boulevardisierung

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Längst geht es in vielen Ecken der Fernsehlandschaft nicht mehr um Klasse. Um Masse aber offenbar auch nicht. Vielmehr geht es um Aufregung statt Substanz- Nur vereinzelt stechen Perlen hervor - wie zum Beispiel Jan Böhmermann oder die anstehenden Highlights bei Netflix.

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Kommenden Sonntag geht die Netflix-Serie "House of Cards" mit Kevin Spacey und Robin Wright endlich in die vierte Runde.

Quelle: MRC II Distribution Company L.P.

„Aufmerksamkeitsschlacht in globalem Maßstab“, „Kybernetik der Erregung“, „publizistische Infektion“ – wenn sich der Tübinger Kommunikationswissenschaftler Bernhard Pörksen wie vorige Woche in der „Zeit“ mal wieder die digitale Boulevardisierung mitsamt ihrer brachialen Medien-Entwertung vorknöpft, hagelt es garantiert Bonmots zum Merken und Weiterverwenden. Aufregung ersetzt Substanz, so lautet seine unablässig geäußerte (und gut belegte) These. Längst findet sie als Reaktion aufs Netz auch im Fernsehen dauernde Beweiskraft. Während der fabelhafte Herr Böhmermann zum Beispiel im ZDF am unteren Rand der Wahrnehmbarkeit durch die Nacht entertaint, erzielt der sinistre Herr Maschmeyer beim Vox-Schleichwerben in der „Höhle der Löwen“ absolute Rekordquoten.

Es ist ein Graus, der dadurch noch übertroffen wird, dass eine Idee aus dem Sauerland, doch endlich auch dort mal einen „Tatort“ -Kommissar zu installieren, nicht einfach wegignoriert wird, sondern mit Adolf Winkelmann sogleich einen namhaften Regisseur findet, der diesen Mumpitz durchziehen würde. Bei so viel Redundanz bleibt nur noch der dringend nötige Hinweis an das ZDF, seine Zuschauer und etwaige Ethikräte, das derzeitige „Traumschiff“ namens Amadea fahre wie ihre Vorgängerin „MS Deutschland“ im realen Seeleben unter der Flagge des karibischen Steuerparadieses Bahamas, damit den Angestellten juristisch wasserdicht Hungerlöhne gezahlt werden, die nach deutschem Recht verboten wären.

Jenes Recht übrigens, das in einem anderen Fall schäbiger Behandlung Schutzbedürftiger, sagen wir es mal vorsichtig, auch hierzulande nicht so ganz vollumfänglich korrekt angewandt wird. Bei der Bearbeitung gut einer halben Million offener Asylanträge nämlich. Bis Ende 2016 will sie Frank-Jürgen Weise, Vorstandsvorsitzender der Bundesagentur für Arbeit, erledigt sehen. Nur – wer genau macht das eigentlich? „Entscheider“ wie Jochen Otten, der in seiner Trierer BA-Zweigstelle Fälle wie den des somalischen Flüchtling Abdulahi Mohamed behandelt. „Entscheider“ heißt auch eine ARD-Dokumentation, die heute um 22.45 Uhr einen erhellenden Blick hinter die Kulissen der ideologisierten Migrationsdebatte wirft.

Wenn dieser juvenile Sachbearbeiter aus Deutschlands ältester Stadt Kundengespräche mit Aktenzeichen und Kürzel-Kaskaden selbst für Eingeborene unverständlich macht, wenn sein verstörtes Gegenüber als Objekt der Bürokratie dennoch irgendwie spürt, womöglich zum Subjekt des eigenen Lebens zu werden, wenn der BA-Chef mit Einstecktuch im Maßanzug zwischendurch die Notwendigkeit zügiger Erledigung anmahnt, wenn ein Rechtsanwalt währenddessen Untätigkeitsklagen gegen die Agentur anstrengt, wenn also endlich mal das ganze System hinter der „Flüchtlingskrise“ umfassend durchleuchtet wird, dann würde vielleicht auch der gemeine Pegida-Pöbler verstehen, dass es hier um Menschen geht, nicht um Nummern.

Zu dumm, dass der die ARD für „Lügenpresse“ hält und lieber den publizistischen Infektionen der Aufmerksamkeitsschlacht im Internet lauscht, das Bernhard Pörksen so trefflich beschreibt. In der allerdings wäre gewiss nie etwas so umfassend durchrecherchiert worden, wie, nur so ein Beispiel, der Jahrzehnte-, im Grunde aber Jahrtausende währende Missbrauch Schutzbefohlener in der katholischen Kirche. Am Freitag widmet Arte diesem systemimmanenten Skandal einer derart hierarchisch strukturierten Organisation den furiosen Debütfilm „Verfehlung“ . Regisseur Gerd Schneider erzählt darin um 20.15 Uhr die uralte Geschichte von Verantwortung, Glauben und Verrat – allerdings nicht nur in Gestalt von Priestern, die Kindern Unfassliches angetan, sondern mehr noch solcher, die sehenden Auges geschwiegen haben.

Bei so viel fiktionalem Realismus ist es dann fast entspannend, beim Ratespiel mitzumachen, wer denn in der neuen „Simpsons“ -Staffel ab Dienstag auf Pro7 Homer synchronisiert, nachdem seine alte deutsche Stimme Ende 2015 verstorben ist. Ein wenig näher an der Wirklichkeit sind dann wieder drei Fortsetzungen dieser Woche auf Netflix, denen zu folgen unbedingt ratsam erscheint. Am Freitag beginnt die zweite Staffel von „Narcos“ , gemeinsam mit der nächsten kulinarischen Reise zu den Magiern der Töpfe namens „Chef’s Tale“ , bevor am Sonntag „House of Cards“ (endlich) in die vierte Runde geht. Alles zwar kostenpflichtig, aber unbedingt sehenswert.

Mehr von Jan Freitag lesen Sie unter freitagsmedien.com

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