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Drehbücher wie von dauerbekifften Egoshootern

TV-Vorschau Drehbücher wie von dauerbekifften Egoshootern

Wer schreibt eigentlich diese Drehbücher? Die RTL-Serie "Alarm für Cobra 11" untertrifft das eigene Niveau in dieser Woche sogar noch einmal. Gut, dass unser Kolumnist Jan Freitag einige Tipps hat, bei denen sich das Einschalten wirklich lohnt!

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Die Bildkombo zeigt die Schauspieler Erdogan Atalay alias Semir Gerkan (l) und Vinzenz Kiefer aus der Serie "Alarm für Cobra 11".

Quelle: Jörg Carstensen/dpa

Jetzt sind also die Juristen am Zug: Das Landgericht Hamburg untersagt Jan Böhmermann per einstweiliger Verfügung die Weitergabe sexuell konnotierter Gedichtpassagen, erlaubt aber jene mit politischer Stoßrichtung. Damit tun die Richter exakt das, was dem Satirebegriff widerspricht: Inhalt und Kontext zu trennen. Kein Wunder, dass der Komiker das Urteil dankend ablehnt und dafür – danke, Jan! – zur Not bis vors Verfassungsgericht ziehen will.

Vor einer ähnlichen Instanz könnten auch Netflix oder Amazon landen, wenn die EU ihre Drohung von voriger Woche wahrmacht, Streamingdiensten eine Quote von 20 Prozent des Programms aufzuerlegen, das in Europa produziert wird. Jener Kontinent, mit dem es derzeit große Teile der Wohnbevölkerung nicht mehr so recht haben. Umso mehr klingt solch ein Ansinnen nach einem Kniefall vor eben jenen Rechtspopulisten aller Herren Mitgliedsländer, denen die abendländische Kultur so sehr am Herzen liegt, dass sie deren christliche Grundierung mit Dummheit überpinseln.

Den richtigen Umgang damit fand gerade die hinreißende Dunja Hayali . Einen besonders grässlichen all der Hasspost(s), die ihr das lodernde Netz vor die Füße kotzt, hat sie nun grammatikalisch korrigiert publik gemacht. Damit zeigt die Moderatorin mit irakischen Wurzeln in jeder Hirnzelle mehr Verstand als all die Zwerge zusammen, deren Schatten unter der tiefstehenden Sonne der Kultur gerade besonders lang sind.

Da bleibt nur noch, kurz in Demut an zwei Verstorbene der Vorwoche zu erinnern, die verschiedener kaum sein könnten: Emma-Marie Lange , die von Pittiplatsch bis Schnatterinchen fast das gesamte Puppenpersonal des DDR-Kinderfernsehens gestaltet hat. Und Erika Berger , die von Bondage bis Gang Bang fast den ganzen Inhalt des frühen Privatfernsehens prägte.

Und was die öffentlich-rechtlichen Platzhirsche alles davon gelernt haben! Dafür muss man gar nicht zur Mitternacht abgeschobene Dokumentarfilme, verbunden mit der grassierenden Verflachung des Restprogramms in den Blick nehmen; es reicht einer auf Freitag, wenn die ARD von der Gala zur Verleihung des Deutschen Filmpreises berichtet. Um 22.15 Uhr. Als Konserve. Nach der „Tagesschau“ läuft schließlich wie gewohnt was Leichtes („ Türkisch für Anfänger “). Für den wichtigsten deutschen Filmpreis bleibt da nur die Second Prime genannte Spanne im Anschluss an die zugkräftigere Hauptsendezeit, die fix geräumt wäre, würde dort der künstlerisch belanglose, aber privatfernsehgrelle „ Bambi “ verliehen, deren Verlag (Burda) das Reklameverbot ab acht dann stundenlang für sich und seine Werbekunden unterlaufen darf.

Wie gut, dass der Mittwoch für seriöse Filme jenseits vom Krimi reserviert bleibt (es sei denn, der Ball läuft). Weil diesmal spielfrei ist, zeigt die ARD dort das grandiose Drama „ Meine fremde Frau “ mit der noch grandioseren Ursula Strauss als Gattin und Mutter, die infolge eines Unfalls das Gedächtnis verliert, was ihre scheinbar heile Welt als ziemlich kaputt entlarvt. Selten wurde das Thema Amnesie unprätentiöser und dabei kreativer bearbeitet.

Das Gegenteil zeigt RTL tags drauf in „ Alarm für Cobra 11 “, wo der Klappentext wie folgt lautet: „Semir übernimmt undercover die Identität des türkischen Folterknechts Serdal, bei dem er sein Gedächtnis teilweise verliert. Semir glaubt danach, er stehe auf Seiten der Verbrecher.“ Manchmal glaubt man, RTL ließe seine Drehbücher im Kindergarten dauerbekiffter Egoshooter schreiben.

Im Rosengarten der Inspiration muss da der Arte-Film „ Unter dem Teppich “ (Freitag, 20.15 Uhr) entstanden sein: Eine feinsinnige, nie klischeehafte, dabei erfrischend entlarvende Komödie über kulturelle Gräben am Beispiel einer iranischen Familie, die ihren toten Vater trotz Embargo aus Frankreich in die Heimat überführen möchte. Witzig, klug, unterhaltsam, kritisch – Anti-RTL in jeder Sekunde.

Wie auch zwei Dokus am heutigen Montag, die – natürlich zur Geisterstunde – zeigen, was Sachfernsehen können sollte. Aufklären wie „ Was heißt hier barmherzig? “ über den Wert christlicher Nächstenliebe zum 100. Katholikentag um 0.45 Uhr im Ersten. Oder bezaubern wie Stephan Bergmanns reizendes ZDF-Porträt „ Die letzten Gigolos “ (23.55 Uhr) über zwei Kreuzfahrtgesellschafter der alten Schule.

Alte Schule ist auch die schwarzweiße „ Wiederholung der Woche “. Wolfgang Staudtes Kriegsaufbereitung „ Die Mörder sind unter uns“ (Montag, 20.15 Uhr, Arte), als die Trümmer noch rauchten, mit Hildegard Knef zwischen seelisch und körperlich verkrüppelten Männern im Rahmen des Defa-Schwerpunktes (21.35 Uhr: „ Jakob der Lügner “ von 1974).

Da ist der Farbtipp in jeder Hinsicht kolorierter: „ Wer früher stirbt, ist länger tot “ (Dienstag, 23.30 Uhr, ARD), Marcus H. Rosenmüllers Independent-Erfolg um einen Jungen im Kampf mit Dies- und Jenseits von 2006.

Und die Wochendoku zum Schluss: „ Planet der Spatzen “, ein 3sat-Film über Sperlinge, die heute um 20.15 Uhr belegen, dass Sperlinge echte Überlebenskünstler in nahezu jedem Winkel der Welt sind. Entzückend!

Mehr von Jan Freitag unter www.freitagsmedien.de

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