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Ein Feuerwerk fürs Wohnzimmer

TV-Vorschau Ein Feuerwerk fürs Wohnzimmer

Unser TV-Kolumnist Jan Freitag hat die Fernsehwoche im Blick und sagt, was in den nächsten Tagen sehenswert ist. Darunter sind Dokus über den Nahostkonflikt, Alexis Sorbas und das Paris-Konzert von Rammstein. "Ein legendäres Live-Konzert einer fürwahr diabolischen Band", findet Freitag.

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Rammstein, die Band um Sänger Till Lindemann , ist berüchtigt für ihre spektakulären Live-Shows.

Quelle: dpa-Archiv

Lübeck. Das neue Kino horizontaler Serienerzählung ist offenbar nicht nur ein Medium unbegrenzter Möglichkeiten, sondern auch der Angst. Weil zuletzt einige Folgen geleakt wurden, lässt HBO die achte und letzte Staffeln von „Game of Thrones“ gerade drehen, als handele es sich bei den Drehbüchern um die Rezepte gegen Krebs und Krieg in einem. Die Darsteller kriegen daher kein Skript, sondern ihren Text vor der Kamera erstmals ins Ohr geflüstert. Ist das nun Pragmatismus oder Paranoia?

In jedem Fall ist es Ausdruck eines neuen Argwohns, der längst alle Bereiche der multimedialen Gegenwart ergriffen hat und von Sender zu Empfänger und wieder zurück flattert, bis niemand niemandem mehr traut und alles in einem Vorwurfsknäuel verknotet ist. Dazu passt zum Beispiel die sonderbare Begebenheit aus Niedersachsen vorige Woche. Am Abend der Landtagswahl, so wurde vielfach verbreitet, habe der ZDF-Reporter Wulf Schmiese versucht, die abtrünnige Ex-Grüne Elke Twesten zu interviewen, was die CDU-Überläuferin allerdings wortlos verweigert haben soll. Eine ziemlich fehlerhafte Sicht der Dinge, wie der Original-Mitschnitt dieser Situation nahelegt, auf dem der Journalist im Gegenteil die Politikerin wortlos stehenlässt.

Gut, verglichen mit dem Tonfall, der Lügenpresse-Debatten sonst dominiert und gerade auch die überaus sinnvolle Anti-Sexismus-Kampagne #MeToo ergreift, klingt das harmlos. Es zeigt allerdings auch, wie angespannt die Situation zwischen Wahrheit und Dichtung, Propaganda und Fakten ist. Angespannter war sie jedenfalls vor genau 60 Jahren im Kalten Krieg auch nicht, als er von der Erde ins All expandierte und kurz echt heiß zu werden drohte. Die ARD gedenkt daher am Montag um 23.30 Uhr dem „Sputnik-Schock“ , als die Sowjetunion erstmals einen Satelliten in den Orbit geschickt hatte und den Westen damit gehörig unter Zugzwang.

Weit entfernt von allem, was der Wahrheitsfindung dient, war in der heißesten Phase des Nahostkonflikts vor fast 50 Jahren auch die Berichterstattung über den palästinensischen Widerstand. Um 0.20 Uhr kompiliert die bemerkenswerte Arte-Dokumentation „Off Frame aka Revolution bis zum Sieg“ heute Filmmaterial von 1968 bis 1982 zu einer äußerst erhellenden Collage dieses vielleicht vertracktesten Konflikts unserer Zeit.

Um dessen ebenso düstere Rückseite geht es gewissermaßen drei Tage später, am Freitag um 12.15 Uhr auf Arte, wenn die ungeheuer bedeutsame Reportage „Re: Weil du Jude bist“ den Fall einer Familie in Berlin nachzeichnet, deren Sohn Opfer antisemitischen Mobbings wurde und somit abermals zeigt: Im schier endlosen Kampf ums gelobte Land gibt es allerorten nur Opfer.

Mit dem Hinweis auf die konstituierende Sitzung des neuen Bundestags , die das Erste Dienstag um 10.50 Uhr überträgt, kommen wir jetzt aber endlich zu leichterer Unterhaltung. Wie den ARD-Film „Kein Herz für Inder“ , der einen weniger debilen Titel verdient hätte. Die Culture-Clash-Komödie um einen neunmalklugen Austauschschüler, den die Gastfamilie um Martin Brambach am Freitag (20.15 Uhr) wieder loswerden will, verbrät zwar jedes erdenkliche Klischee, tut es aber mit viel Feingefühl.

Ähnlich sehenswert ist „Der 7. Tag“ am Montag im ZDF um einen Fall von Amnesie mit tödlichem Ursprung, der dank Stefanie Stappenbeck und Marcus Mittermeier nicht nur toll alliteriert, sondern auch sehr präzise gespielt wird.

Das galt jahrzehntelang als penetranter Makel der monatlichen Verbrecherjagd „Aktenzeichen XY“ , die trotz oder wegen der laienhaften Nachstellung kapitaler Verbrechen dieser Tage 50 wird. Mittwoch nun folgt auf den diesjährigen XY-Preis eine Doku darüber, wie sich das Format seit seiner Premiere verändert hat – oder eben nicht.

Einen gänzlich anderen Fokus hat die Arte-Doku „Rock’n’Religion“ (Freitag, 23.25 Uhr). Es geht darin ums Spannungsfeld von Musik und Glauben im Pop – alles im Anschluss ans legendäre Live-Konzert einer fürwahr diabolischen Band: „Rammstein in Paris“ (21.45 Uhr) von 2011.

47 Jahre älter ist ein anderer Film, der Musikgeschichte geschrieben hat: Alexis Sorbas (Montag, 23.05 Uhr, MDR). Die Legende mit Anthony Quinn als hedonistischer Grieche, der dem verstockten Briten Basil (Alan Bates) zeigt, wie das Leben lebenswert wird, machte aus dem unbedeutenden Volkstanz „Sirtaki“ den Soundtrack einer ganzen Nation.

Womit wir mitten in den „Wiederholungen der Woche“ sind. Nach dieser schwarzweißen von 1964 gibt es am Donnerstag um 14 Uhr auf Arte den nachkolorierten „Dieb von Bagdad“ aus „1001 Nacht“, 1940 das Maximum dessen, was an Kostüm- und Trickdichte denkbar war.

Dem „Tatort“-Tipp dieser Woche „Mord in der Ersten Liga“ gelang vor sechs Jahren übrigens auch etwas vergleichsweise Innovatives: Bei den Ermittlungen von Maria Furtwängler im niedersächsischen Milieu der Fußball-Hooligans tritt ein schwuler Bundesliga-Profi auf (Freitag, 22 Uhr, ARD). Davon ist die Realität des deutschen Leib- und Magensports noch enorm viel weiter entfernt als das Fernsehen.

Eine Kolumne von Jan Freitag (mehr von ihm lesen Sie unter  www.freitagsmedien.com)

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