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Früher war mehr Fernsehen

Freitags Montag Früher war mehr Fernsehen

Wenn das lineare Fernsehen im Jahr fünf n.G(ottschalk). mal an einer achtstelligen Zuschauerzahl kratzt, wird in der Regel entweder Fußball gezeigt oder „Tatort“, aber nur selten etwas von soziokultureller Relevanz.

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Da sind fast sieben Millionen Menschen überaus bemerkenswert, die am Mittwoch das ARD-Drama „Terror – Ihr Urteil“ um den fiktionalen, aber realitätsgetreuen Prozess gegen einen Bundeswehrpiloten gesehen, der ein entführtes Passagierflugzeug abgeschossen hat. Noch bemerkenswerter war aber eine andere Zahl: 86,9 Prozent. Die nämlich haben bei der Abstimmung übers variable Filmende für Freispruch statt schuldig gestimmt, also gegen das Grundgesetz, was zu heftiger Kritik der Art von „Populisten-Porno“ führte.

Dies wiederum ist ein Urteil, das angesichts der Güte des Films nebst der angestoßenen Debatte eher aufs ZDF zuträfe. Dort wird gerade Teil 2 des ebenso seifigen wie revisionistischen Nachkriegsmelodrams „Tannbach“ gedreht. Das pathetische Kommunistenbashing bei gleichzeitiger Milde fürs Tätervolk ist so offen populistisch, dass ein anderes Stück starbesetztes Historytainment, dessen Fortsetzung bald in Arbeit geht, pädagogisch fast wertvoll erscheint, obwohl es von RTL ist. Besser: war. „Deutschland 86“ wird nach enttäuschenden 1,63 Millionen Zuschauern im Finale der 83er-Version von Amazon produziert.

Was ökonomisch klug ist, wirft allerdings ein schäbiges Bild aufs alte TV, das konkurrenzfähiges Programm zusehends an Streamingdienste delegiert. Dazu passt, dass Netflix seit voriger Woche seine erste rein deutsche Eigenproduktion namens „Dark“ dreht. Die Story um vier Familien, deren Schicksal durch ein verschwundenes Kind verwoben wird, klingt zwar nach dem üblichen Serienquark, macht einen Satz von Shane Smith im „Zeit“-Interview aber umso bedrohlicher für die Platzhirsche. Innerhalb der nächsten zwölf Monate werde sein Guerilla-Magazin „Vice“ einen „eigenen Fernsehsender in Deutschland haben“. Da kann sich das „junge Angebot von ARD und ZDF“ noch so funky „Content-Netzwerk“ nennen – wer unter 60 ist, ist öffentlich-rechtlich längst verloren.

Daran wird Franka Potente nichts ändern. Gut 20 Jahre nach ihrem Kinodebüt und drei weitere seit ihrem globalen Durchbruch mit „Lola rennt“, hielt es die ARD für cool, den westfälischen Weltstar im nächsten Urlaubskrimi am Donnerstag zu platzieren, der hiesige Schauspieler diesmal zu Isländern macht. Doch „Der Tote im Westfjord“ ist zum Auftakt die gleiche Klischeedusche wie alles, was in Urbino und Venedig, Cornwall oder Schweden hochdeutsch spricht. Dramaturgisch, stilistisch, atmosphärisch unterschreitet das selbst Antikware wie „Miss Marple“ so klar, dass jedes Wort zu Inhalt und Ausführung sinnlos wäre. Nur zwei Fragen: warum macht es bei Rückblenden auf die dunkle Vergangenheit der Hauptfigur immer kurz „wusch“? Und warum gibt sich der talentierte Felix Klare für diesen Bullshit hin?

Vielleicht könnte man ihn zur Beantwortung ja zu Oliver Polak schicken, dem Pro7 ab heute Abend fünf Montage um 23.15 Uhr eine typisch private Talkshow schenkt. In „Applaus und Raus!“ darf der Berliner Brachialcomedian seine Überraschungsgäste bei Nichtgefallen per Buzzer aus dem Studio werfen. Das droht so plump und berechenbar zu werden, dass man einen Grund mehr hat, im Ersten zu bleiben, wo Ingo Zamperoni heute einen der größten Irrtümer der Nachrichtengeschichte bereinigt: Die „Tagesthemen“ erst von Thomas Roth moderieren zu lassen, statt das vakante Amt von Tom Buhrow vor drei Jahren gleich an den hinreißende nonchalanten Vollblutreporter mit italienischen Wurzeln zu geben.

Aber auch das war eben nur ein weiteres Aufbäumen jener Whiteheads, die das öffentlich-rechtliche Fernsehen bis heute beherrschen. Formate wie die Doku-Reihe „ab 18!“, mit der 3sat ab heute Abend (22.30 Uhr) wieder das Leben potenzieller Stammzuschauer beleuchtet, sind und bleiben da nur angenehme Ausnahmen unter Ausschluss der Zielgruppe. Mit dem Löwenanteil der Gebührenmilliarden wird stattdessen weiter die alte Klientelpolitik betrieben. Etwa zum Wohle des FC Bayern München, dessen Konto am Mittwoch mit der sportlich irrelevanten Übertragung des Pokal-Heimspiels gegen Augsburg weiter gemästet wird, während interessantere Partien als Konserve laufen. Es ist ein echter Klassenkampf, den die ARD mit dieser Elitenpolitik von oben betreibt.

Vergleiche zum Spanischen Bürgerkrieg verbieten sich zwar dennoch, dienen hier aber als Hinweis auf Patrick Rotmanns spielfilmlange Doku am Dienstag (20.15 Uhr), mit der Arte „Vom Kämpfen und Sterben der Internationalen Brigaden“ dieses ersten Gefechts gegen den europäischen Faschismus erzählt. Kurz danach dann, 1949, entstand die schwarzweiße „Wiederholung der Woche“ (Mittwoch, 22.30 Uhr, Servus): „Der dritte Mann“ mit Joseph Cotten auf der Suche nach Harry Lime im Wiener Untergrund, begleitet von Anton Karas‘ zeitloser Zither.

Schon in Farbe, aber wunderbar nostalgisch ist die Rückkehr des ersten Einsatzes von Manfred Krug als „Tatort“-Kommissar von 1984 (Freitag, 20.15 Uhr, ARDOne), damals noch ohne seinen Sangesbruder Brockmöller. Parallel dazu handelt der Dokumentartipp im WDR ebenfalls vom Verbrechen: „Chicago am Rhein“ porträtiert das Köln der 60er bis 80er-Jahre, als die Stadt Deutschlands kriminelle Hochburg schlechthin war. Nicht schön, aber unterhaltsam.

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