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Im Schatten des Weltmeisters

Freitags Montag Im Schatten des Weltmeisters

Auch wenn wir zuletzt drei International Emmy Awards bekommen haben, sehen sich die USA beim Thema Fernsehen weiter als Weltmeister an. Doch auch im Kleinen finden sich zahlreiche weitere Highlights. Unser Kolumnist Jan Freitag hat die Perlen der aktuellen Woche zusammengetragen.

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"Die vierte Gewalt": Klasse besetzt, toll gespielt, mit der aufstrebenden Franziska Weisz zwischen allen Stühlen – ansehen!

Quelle: Meyerbroeker/NDR/dpa

Die USA haben nicht erst seit Donald Trumps Wahlsieg den Hang, amerikanische Leistungen per se als weltmeisterlich zu deklarieren. Das ist ein wenig größenwahnsinnig, aber auch begründet. Die national Besten von Football bis Eishockey nennen sich angesichts der sportlichen Überlegenheit ihrer Ligen ja nicht zu Unrecht „World Champions“. Das sollte unbedingt im Hinterkopf behalten, wer jetzt schier ausrastet vor Stolz über drei „International Emmy Awards“ für deutsche Produktionen. Schließlich gibt es parallel noch die „Primetime Emmys“, bei denen fast ausschließlich englischsprachige Formate siegen, dieses Jahr: „American Crime Story“, die Politcomedy „Veep“ und (natürlich) „Game of Thrones“.

Dennoch ist es aller Ehren wert, dass mit Matthias Bittners Geheimdienstdoku „Krieg der Lügen“, Christiane Pauls Rolle als Richterin in „Unterm Radar“ und (natürlich) „Deutschland 83“ ein Drittel der Trophäen an deutsche Produktionen gingen und dazu noch: an solche des linearen Regelprogramms. Kann man schon ein bisschen stolz drauf sein. Ganz kurz. Und dann wieder zur Tagesordnung übergehen bitte.

In dem man sich zum Beispiel offen eingesteht, dass Unterhaltung und Sport langfristig das einzige sein werden, was hierzulande über die alten Kanäle noch an Neuem entsteht. Und deshalb ist es auch unbedingt der Rede wert, dass Netflix selbst mit einer Fortsetzung der längst verflossenen „Gilmore Girls“ super Zugriffe erzielt, während die ARD parallel vermeldet hat, dass mit Jessy Wellmer nächstes Jahr eine Frau den scheidenden Reinhold Beckmann als Moderatorin der Männer-Bastion „Sportschau“ ersetzt und eine sehenswerte WDR-Serie in der Nische verödet. Sie heißt nach einem Gewässer, das in Dortmunds kaputte Stahlindustrie gekippt wurde, „Phoenix-See“.

Wo Arbeiter wie Mike Neurath (Felix Vörtler) einst am Jobwunder kochten, genießen Manager wie Wirtschaftsanwalt Birger Hansmann (Stephan Kampwirth) nun ihren Shareholder-Kapitalismus. Statt das Gegensatzpaar arm/reich weiter auszuwalzen, entwickeln die ungleichen Nachbarn ab heute in Doppelfolgen jedoch ein Eigenleben fern tradierter Konfliktlinien. Sowohl der robuste Neurath als auch der elitäre Hansmann sind nämlich abstiegsgefährdet, was sie einander unvermeidbar näher bringt. Und so skizziert der Sechsteiler den modernen Klassenkampf als Familienmelodram in ernster, nie hoffnungsloser Atmosphäre.

So ähnlich funktioniert auch ein sehr gelungener Film, in der „Die vierte Gewalt“ sehr differenziert als Subjekt und Objekt, Akteur und Getriebene der Mediengesellschaft dargestellt wird. Als notorisch klammer Journalist hofft Benno Führmann darin, durch den möglichen Sturz einer Bundesministerin endlich die ersehnte Festanstellung beim Online-Magazin „Die Republik“ zu kriegen, verfängt sich dabei jedoch zusehends im Netzwerk gegenseitiger Interessen, die mal mehr mal weniger moralisch dem einen Ziel folgen: im Überlebenskampf durchzukommen. Klasse besetzt, toll gespielt, mit der aufstrebenden Franziska Weisz zwischen allen Stühlen – ansehen!

Abschalten! gilt hingegen für das, was am Dienstag als Event angekündigt wird: Die Sat1-Version von „Jack The Ripper“, deren Untertitel bereits andeutet, was für ein Blödsinn da auf uns zukommt: „Eine Frau jagt einen Mörder“. Sie wird von der notorisch cleanen Sonja Gerhardt verkörpert, die als deutsche Immigrantin im London des Jahres 1888 alles bieten muss, was Frauen auch 2016 schwer fällt: cool, klug, stark, gebildet, sexy, smart, erfolgreich zu sein und sich damit in einer Männergesellschaft durchzusetzen. Opulent inszeniert, dramaturgisch auf Amöbenniveau.

Mit weit weniger Geld, aber viel mehr Hingabe ist da die erste Serienproduktion von ZDFneo gemacht: In „Tempel“ spielt Ken Duken drei Doppelfolgen lang ab Dienstag (21.45 Uhr) einen Ex-Boxer, der sich durchs neue Leben schlagen muss und das auch – wie es nach den ersten Bildern scheint – mit großer Wucht tut. Schön zu sehen, dass Stars wie Thomas Thieme ihr Gewicht auch mal für schmales Geld, aber hohes Niveau in die Waagschale werfen. Schön aber auch, wenn das Fernsehen mal Leichtigkeit mit Anspruch zeigt, die sich einfach mal selbst genug ist. Die Arte-Reihe „Stadtoasen“ will ab heute bis Freitag um 19.30 Uhr nichts anderes als zeigen, mit wie wenig Aufwand man auf schwierigem Terrain etwas Schönes erstellt, etwa wilde Gärten in Großstädten, angefangen mit Detroit, am Mittwoch dann: Leipzig.

Ebenfalls dokumentarisch, aber schwerere Kost: „Der vertuschte Skandal“, womit die ARD (Montag, 22.45 Uhr) das miese Geschäft mit dem Hormonpräparat Duogynon schildert, das vor knapp 50 Jahren massenhaft für Missbildungen sorgte. Für Rap-Fans arbeitet Netflix ab Donnerstag die „HipHop Evolution“ auf. Musikalisch ist auch die schwarzweiße „Wiederholung der Woche“, der Gangsterfilm Noir „Geheimring 99“ (Mittwoch, 23.45 Uhr, HR) von 1955 mit viel Jazz und finsteren Gestalten. Eher trashig ist die japanische Version von „Hansel & Gretel“ am gleichen Abend (23.55 Uhr) auf Tele5, eine Art melancholische Splatterversion von Grimms Märchen. Und zum Schluss der Dokutipp: Sonnabend widmet sich ZDFinfo von 16.30 Uhr bis tief in die Nacht den NS-Netzwerken der Nachkriegsrepublik, darunter um neun die Doku „Das Erbe der Nazis“. Passt ganz gut in die Gegenwart…

Mehr von Jan Freitag lesen Sie unter www.freitagsmedien.com

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