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Ist das Fernsehen von heute von gestern?

Freitags Montag Ist das Fernsehen von heute von gestern?

Die privaten wie auch rechtlich-öffentlichen Sender scheinen ihre Probleme mit ihrem Programm zu haben, was ihre Zielgruppen angeht - davon jedenfalls ist unser Koluknist Jan Freitag überzeugt.

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Quelle: fotolia

Ab wann, das fragen sich nicht nur Menschen ab 30, ist man eigentlich alt – wenn einem das Instant-Entertainment auf Youtube oder Snapchat nachhaltiger die Freizeit vertreibt als lineares Fernsehen? Wenn man partout nicht witzig findet, was ARD und ZDF in ihrem angeblich „Jungen Angebot“ für die Zielgruppe 14 bis 29 anbietet? Wenn man sich anstelle von „funk“ das ersatzlos ersetzte ZDFkultur zurücksehnt, das unter Unterhaltung keine dreieinhalbminütigen Comedyclips, sondern die ganze Breite des Feuilletons versteht? Wer auf all dies mit „ja“ antwortet und den avisierten Altersschnitt der „funk“-Klientel dennoch um weniger als 20 Jahre verfehlt, fühlt sich womöglich ein klein wenig älter als gewünscht, aber gewiss nicht schlechter.

Schließlich findet er es womöglich sehenswerter als die irrwitzige Endorphin-Dusche Bohemien Browser Ballett oder den grenzdebilen Testosteron-See Kliemannsland, dass Sandra Maischberger bei ihrer 500. Sendung am Mittwoch mal wieder den hartrechten Tastaturtölpel Beatrix von Storch auf dem Sofa seziert hat und Thomas Roth (endlich) sein Übergangsmandat bei den „Tagesthemen“ an Ingo Zamperoni abgegeben; dass die Ermittlungen gegen Jan Böhmermann wegen Majestätsbeleidigung am türkischen Sultan eingestellt wurden und dessen (also Erdoğans) Geistesbruder Trump auch im zweiten Duell gegen Hilary Clinton unterliegen, aber trotzdem Chancen auf den Wahlsieg haben wird; ja sogar, dass Storchs Vorbild Roland Schill seit Donnerstag nackt über die RTL-Insel turnt, was ihr alter Kamerad Nikolaus Blome, der vom geläuterten Blut-und-Boden-Blatt „Bild“ zur aufstrebenden Blut-und-Boden-Partei AfD wechselt, hilft modernen Menschen mit Gewissen und Empathie, sich jünger zu fühlen als es die Senderangebote suggerieren.

Beinah jugendlich darf man sich hingegen fühlen, wenn heute Abend abermals der öffentlich-rechtliche Beweis angetreten wird, wieso Zuschauer unter 60 im Grunde an keinem Bildschirm mehr zuhause sind. Dann startet das ZDF-Epos „Familie“ – ein versiert gefilmter Zweiteiler um Sternekoch Lennart (Jürgen Vogel), den die Geburt seiner Tochter zwischen Freundin (Anna Maria Mühe), Geliebter (Natalia Belitski) und Mama (Iris Berben), der Arbeit, fiesen Russen und natürlich einem dunklen Geheimnis einer elitären Sippe schlingern lässt.

Regisseur Dror Zahavi schafft es zwar auch nach Rainer Bergs Buch, Realismus artifiziell, aber authentisch in pathosfreie Melodramatik umzuwandeln. Doch exakt so sieht Fernsehen von gestern fürs Publikum von vorgestern aus, dem nur zwei Verwandtschaftszusammenhänge zumutbar scheinen: Die Sonntagssonnenscheinfamilie und die Montagsgewitterwolkenfamilie. Beides beginnt zusehends zu nerven. Besonders, wenn man sich thematisch benachbartes Programm aus dem Ausland ansieht wie „Kleine Morde unter Nachbarn“. Staffel 2 der dänischen Serie um den Spitzenkoch Sune und seine zwei Schwestern, die einen toten Drogendealer im Vorgarten vergraben und vergebens hoffen, damit sei die Sache erledigt, läuft ab morgen (22.15 Uhr) bei Servus und zeigt, das die Mysterien deutscher Familienfiktion andernorts auch mal ohne die Frage nach standesgemäßer Heirat oder verheimlichter Herkunft auskommen können.

Obwohl – solche Sorgen hätten dort, wo das System Familie grad im Kern gefährdet ist, sicher gerne. Als Folge der Ein-Kind-Politik gepaart mit patriarchaler Machtstruktur, gibt es im Reich der Mitte derzeit 34 Millionen mehr Männer als Frauen. Katja Eichhorns Dokumentation „Chinas einsame Söhne“ zeigt am Mittwoch (21 Uhr, 3sat), welche Folgen das hat. Folgen eines Amoklaufs für Angehörige und Hinterbliebene behandelt der sehenswerte ARD-Mittwochsfilm „Die Stille danach“ mit einer gewohnt fabelhaften Ursula Strauss auf der Suche nach ihrer eigenen Schuld an der Tat des Sohnes. Und nachdem noch schnell das MDR-Porträt des Malers Max Beckmann (Donnerstag, 23.05 Uhr) empfohlen sei, können wir mit der „Wiederholung der Woche“ in Farbe am gleichen Tag im Grunde beim Thema bleiben.

Auch „Ghost – Nachricht von Sam“ (20.15 Uhr, Kabel 1) handelt von familiärem Verlust, arbeitet ihn mit Patrick Swayzee als Geist an der Seite seiner trauernden Freundin (Demi Moore) nur etwas, nun ja, süffiger auf. Dennoch ein Meilenstein des Schmalzkinos. Ein bisschen rabiater ist hingegen das Verwandtschaftsverhältnis des schwarzweißen Tipps „Der Engel, der ein Teufel war“ von 1956 (Montag, 20.15 Uhr, Arte), Julien Duviviers Film Noir mit Jean Gabin als Sternekoch im Visier einer Intrige seiner eigenen Tochter. Und um mal wieder vom Abstammungsdenken zu abstrahieren, handeln die „Dokus der Woche“ von etwas ganz anderem: In „Citizenfour“ porträtiert Laura Poitras heute (22.25 Uhr, 3sat) Edward Snowdon, was gut zu Alex Gibneys morgiger Betrachtung an gleicher Stelle zur gleichen Zeit des Wikileaks-Gründers Julian Assange „We Steal Secrets“ passt.

Von Jan Freitag

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