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Schlüpfrig wird's erst in der Nacht

TV-Vorschau Schlüpfrig wird's erst in der Nacht

In dieser Woche überrascht das ZDF mit einer Reihe erotischer Filme: Unter anderem sind die beiden "Nymphomaniac"-Teile von Lars von Trier zu sehen. Unser Kolumnist bewertet die vergangene und die kommende TV-Woche für Sie.

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Charlotte Gainsbourg als Joe in einer Szene von «Nymphomaniac». Gezeigt werden die beiden Teile am Dienstag, 5. Juli, 0.35 Uhr und Freitag, 8. Juli, 23.55 Uhr.

Quelle: Christian Geisnaes/Concorde Filmverleih/dpa

Auch eine Woche danach ist es weiterhin selten, dass irgendwer mit irgendwem über irgendwas kommuniziert, ohne dabei Trauer, Wut oder Freude über den Brexit zu äußern. Sondersendungen sondieren unermüdlich Früh- und Spätfolgen des EU-Austritts. Geschäftliche wie private Mails enden konstant mit „deprimierte Grüße aus der EU-Stadt XY“. Selbst der Boulevard erforscht fleißig, was Europa ohne die Briten künftig fehlt (Popmusik, Amtssprache, Frühstücksbohnen?). Daran konnte auch das EM-Achtelfinale wenig ändern, in dem bis aufs EU-freudige Schottland (das gar nicht erst nach Frankreich reisen durfte) überraschend ganz Großbritannien stand.

Es bleibt also dieser seltsame Phantomschmerz, als sei dem Kontinent ein unersetzlicher Körperteil amputiert worden. Ein Gefühl übrigens, das dem Kummer über Götz Georges Tod auf nationaler Ebene ähnelt. Irgendwie immer schon zugegen, reißt er nach 77 Jahren auf Erden ein Loch in die hiesige Filmlandschaft, das auch gefühlt 250 Wiederholungen seiner Filme von Schimanski über Schtonk bis ins theatralische Spätwerk kaum schließen können.

Dass ihm aus allen Kreisen bis in die höchste Politik hinein kondoliert wurde, hatte allerdings einen recht robusten Grund, der den deutschen Beamtenstolz 1981 laut fluchend vors Schienbein trat. Als Götz George damals den Typus TV-Kommissar mit einem Duisburger Modell revolutionierte, war er nämlich gerade ganz schön weg vom Fenster. Da kann es kein Zufall sein, dass kurz vorm Bekanntwerden seines Ablebens verkündet wurde, Wolfgang Petersens „Boot“ , das fast zeitgleich mit Schimi den deutschen Kinofilm weltmarkttauglich gemacht hatte, werde nun zur Serie. Ohne Petersen, Grönemeyer, Prochnow zwar, aber mit antikriegerischer Botschaft, die 2018 auf Sky exakt dort anknüpft, wo der Film einst endete – mit dem Untergang des Titelhelden aus Stahl.

Ob er wohl wieder auftaucht?

Aber unter der Oberfläche ist es ja ohnehin oft aufregender. Erotik zum Beispiel entsteht eher selten aus vulgärer Zurschaustellung primärer wie sekundärer Geschlechtsmerkmale in hektischer Interaktion; sie entfaltet erst dann ihre erregende Wirkung nachhaltig, wenn nicht alles gezeigt/gesagt/gemacht wird. In diesem Lichte macht die sommerliche ZDF-Reihe erotischer Filme wuschiger als alles, was auf einschlägigen Fistfuckforen wie Youporn zu sehen ist.

Heute um 22.15 Uhr steigt sie mit der Adaption von Charlotte Roches, nun ja, skandalösem Roman „Feuchtgebiete“ ein. Unter David Wnendts Regie schafft es der Film wie das Buch, die sexuelle Selbstbestimmung der experimentierfreudigen Helen (Carla Juri) von der aseptischen Perfektion gängiger Körperbeherrschung zu lösen und als Spielwiese ungefilterter Sehnsüchte darzustellen, ohne sie bloß voyeuristisch vorzuführen.

Weit expliziter geht es da tags drauf in Lars von Triers „Nymphomaniac“ zu, was die Sendezeit der – dann doch zusehends voyeuristischen Fortsetzung – am Freitag gegen Mitternacht rechtfertigt. Wenn die zügellose Joe (jung: Stacy Martin; älter: Charlotte Gainsbourg) nach ihrer rüden Entjungferung als Teenager ziellos die Grenzen der Normsexualität auslotet, ist schon mal mehr im Bild zu sehen als Sittenwächtern zur Hauptsendezeit lieb ist.

Was genau am Mittwoch und Donnerstag zu sehen sein wird, entscheidet zurzeit die EM. In der ARD jedenfalls könnte dem ersten Halbfinale übermorgen (Portugal gegen Wales) die Gaunerkomödie „Alles Schwindel“ mit Benno Fürmann und Ursula Strauss als Kunstdiebe zum Opfer fallen, im ZDF ein Pilcher-Mumpitz . Tags drauf (Deutschland gegen Frankreich) dann wäre es im Ersten Donna Leon und im Zweiten, hoppela, ein Pilcher-Mumpitz! Ach, könnte nicht doch immer Fußball sein? Zumal es Richtung Mitternacht ja auch ohne Quotenziele und Massenspektakel einiges zu sehen gibt.

Während die ARD der schwedischen Adaption von „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ nach dem Bestseller von Jonas Jonasson um einen Greis auf Selbsterkundungstrip noch die Primetime gönnt, kriegt der aktuelle DebütFilm im Ersten, „Die Brücke am Ibar“ , tags drauf die Sendezeit um 22.45 Uhr. Aber ernsthaft: Michaela Kezeles Liebesgeschichte zweier Feinde im Kosovo-Krieg mag cineastisch anspruchsvoll sein; für die Primetime ist das dann doch zu speziell.

Ganz im Gegensatz zum HBO-Achtteiler „The Night Of“ , ab Sonntag bei Sky abrufbar. Die Story um den Studenten Naz Khan (Riz Ahmad), der in New York zu Unrecht des Mordes bezichtigt wird, paart Krimi mit Justizdrama und somit zwei der populärsten Importstoffe aus dem angelsächsischen Raum.

Beide hat John Ford schon 1962 in seinem Spätwerk „Der Mann, der Liberty Valence erschoss“ mit den damals populären Themen Western und Thriller verknüpft, was die schwarzweiße „Wiederholung der Woche“ mit James Stewart als Senator mit dunkler Vergangenheit am Mittwoch (22.15 Uhr, ServusTV) zum zeitlosen Erlebnis macht. Ähnliches gilt für das Remake von „Atemlos“ , in dem Richard Gere und Valérie Kaprisky parallel auf 1Plus den Pariser Cool von Godards Klassiker 1983 auf amerikanischen Rock’n’Roll trimmen.

Weder cool noch Rock’n’Roll aber eine Weile sehr erfolgreich war die Neue Deutsche Welle. Warum NDW ausgerechnet in NRW ihren Anfang nahm, zeigt die WDR im dokumentarischen Wochentipp „99 Luftballons über Hagen“ heute um 22.40 Uhr.

Eine Kolumne von Jan Freitag. Mehr von unserem Autor lesen Sie unter www.freitagsmedien.com.

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