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Unser Land vor unserer Zeit

TV-Vorschau Unser Land vor unserer Zeit

In der TV-Vorschau reist unser Autor durchs Programm der Woche und kommt dabei unter anderem ins mafiöse Italien, in die gierige Finanzwelt, ins düstere Skandinavien und in ein Europa 300 Millionen Jahre vor unserer Zeit. Fazit: Es gibt so einiges zu sehen!

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Böhmermann, geh du voran!

Im Dreiteiler "Planet Deutschland" geht es um das Europa vor 300 Millionen Jahren.

Quelle: polyband/hfr

Dass sich Dietrich Mateschitz vor sieben Jahren aus der Portkasse die PR-Plattform ServusTV gebastelt hat, war für einen Brauseimperator dieses Sendungsbewusstseins gar nicht so merkwürdig. Dass der Red-Bull-Chef darin abseits klebriger Heimattümelei sogar oft gelungenes Programm bot, war es schon etwa mehr. Dass er Anfang voriger Woche verkündete, den Kanal abzuschalten, erschien da trotz dauernder Verluste umso seltsamer. Bis der Grund aufflog: Wie die Salzburger Nachrichten schreiben, wollte der Dosenmüllmilliardär durch kollektive Kündigung einen geplanten Betriebsrat verhindern, was laut Medien-Magazin „Zapp“– und jetzt wird’s echt absurd – in einer Demo des Großteils der gut 200 Gekündigten für den besten alle Bosse gipfelte, der die Schließung daraufhin – Tataa! – zurücknahm.

So schnell wird ein gewissenloser Umweltzerstörer in zwei, drei Tagen vom gewissenloseren Arbeitnehmerfeind zum gewissenhaften Menschheitsfreund und türkische Verhältnisse erscheinen mit einem Mal auch im deutschsprachigen Raum gar nicht mehr abwegig. Gut dass Jan Böhmermann am Donnerstag wieder mit seinem Neo Magazin Royale auf Sendung geht, um derlei Irrsinn seine Stimme entgegenzusetzen. Zuvor aber hat sie ja bereits in der „Zeit“ wiedergefunden, wo sein Interview so für Furore sorgte, wie es zurzeit offenbar auch der Markenwechsel seines Vollwaschmittels täte.

Dabei ist das Gespräch noch nicht mal witzig, sondern bierernst und – pardon, lieber Jan – ein bisschen larmoyant. Denn irgendwem „ausgeliefert“ wurde der austeilungsfreudige Komödiant keinem Tyrannen, allenfalls dem deutschen Rechtsstaat, der nun darüber befindet, ob Böhmermann eine entspannte Geldstrafe für sein Schmähgedicht kriegt, was verglichen mit jenen Repressalien, die seine Kollegen in Erdoğans Reich erdulden müssen, ja nun wirklich überschaubar wäre. Aber so ist es eben mit der medialen Öffentlichkeit: Wer den Tiger der Aufmerksamkeitsindustrie nicht reitet, also ab und zu Senderschließungen androht oder den Rückzug aus dem Geschäft, gerät aus dem Lichtkegel der Wahrnehmung, wo es ziemlich einsam wird. Dicke Bretter bohren hilft, so lautet die Botschaft.

Das dachte sich auch Stefan Schmidt, als er „ Planet Deutschland “ drehte: Der Dreiteiler begutachtet den Mikrokosmos in der Mitte Europas erd-, statt menschheitsgeschichtlich. Dafür reist der Arte-Autor bis Mittwoch um 19.30 Uhr 300 Millionen Jahre zurück in der Zeit, als das Gebiet der Bundesrepublik noch am Äquator lag und Heimstatt tropischer Regenwälder voll großer Reptilien war. Mit angemessener Animationstechnik, tollen Zeitrafferstudien und etwas Reenactment schrumpft der Mensch zwei Teile lang zur kleinen Nummer des Historytainments, bevor er im Finale am Mittwoch wieder das Kommando übernimmt.

Ums Kommando geht es auch im besten Film dieser Tage: „ Der Bankraub “ (Montag, 20.15 Uhr, ZDF). Klingt nach Gangstern in Strumpfmaske, handelt aber von solchen im Maßanzug, deren Machtgier die Welt dank Finanzjongleuren wie Martin Kreye (Franz Dinda) in die Dauerkrise gerissen hat, der auch sein ehrlich malochender Vater Werner (Joachim Król) zum Opfer fällt. „Wall Street“ revisited im Ruhrpott, glänzend inszeniert von Urs Egger (Buch: Martin Rauhaus), zusätzlich erhellt von der Doku im Anschluss.

Um richtige Gangster geht es in der 2. Staffel „ Gomorrha “, die ab Dienstag auf Sky das Kunststück vollführt, den Griff der Mafia ums verlotterte Neapel noch trister, aber keinesfalls schlechter als zuvor darzustellen. Von so viel Endzeitrealismus entspannt man sich parallel dazu gut mit ein paar großen Kleinganoven im Ersten: „ Die Vorstadtweiber “ loten an der Seite ihrer windigen Männer abermals die Möglichkeiten halblegaler Bereicherung derer aus, denen das Schicksal ohnehin reichlich gibt, was wirklich nur mit etwas Wiener Schmäh erträglich wird.

Alles eben eine Frage des Tonfalls. Den kaum jemand so kreativ variiert wie „ An Ton Kaun “, ein Noise- und Videokünstler, dem 3sat am gleichen Tag um 23.50 Uhr im Rahmen der Oberhausener Kurzfilmtage ein fabelhaftes Porträt widmet, nachdem der Sender zuvor vier Stunden lang den 75. Geburtstag von Senta Berger gefeiert hat.

Arte versucht es ab Donnerstag mal wieder mit was Düsterem aus Skandinavien: „ Jordskott “. Wenn die Stockholmer Kommissarin Eva in ihrem Heimatdorf nach einem vermissten Kind sucht und dabei die eigene Vergangenheit wachruft, wird es allerdings weniger wallander-grausig als lynchig-absurd.

Also ein wenig wie die „ Wiederholung der Woche “ aus dem Hamburger Schauspielhaus, wo Fontanes „ Effie Briest “ Mitte der Siebziger „mit anderem Text und Melodie“ aufgeführt wurde, was in seinem Aberwitz (Samstag, 20.15 Uhr, 3sat) ebenso so zeitgemäß zeitlos ist wie die schwarzweiße Wiederholung. Allerdings würden sich Brennpunktlehrer heute wohl eher freuen, würden ihre Problemkids ähnliche Probleme machen wie Horst Buchholz und Karin Baal 1956 als „ Die Halbstarken “ (Mittwoch, 22.15 Uhr, Servus).

Deren Aufsässigkeit bestand ja vor allem darin, nicht so artig zu sein wie Gleichaltrige in Michael Hanekes „ Das weiße Band “, das der Regisseur 75 Minuten später zum Auftakt des Arte-Dreiteilers „Es war einmal …“ aus eigener Perspektive erklärt.

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