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Unter Neonazis

TV-Vorschau Unter Neonazis

Die kommende Woche wird langweilig, zumindest was das Fernsehprogramm betrifft. Ein seltenes Highlight ist da die Arte-Themenwoche "Der neue Rechtsruck", bei der auch der Lübecker Schauspieler Jonas Nay zu sehen ist. Unser Kolumnist sagt, wann sich das Einschalten lohnt.

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ARTE-Sendung am 08.04.2016 um 20.15 Uhr: Wir sind jung. Wir sind stark. Tabor (Jakob Bieber, li.), Stefan (Jonas Nay, 2.v.l.), Goldhahn (Paul Gäbler, 3.v.l.), Robbie (Joel Basman, vorne) und Jennie (Saskia Rosendahl, 5.v.l.) ziehen zu den Protesten vor dem Sonnenblumenhaus.

Quelle: ZDF/Yoshi Heimrath

Das Leben, der Frühling zeigt es grad aufs Neue, ist ein einziges Kommen und Gehen. So wie der Winter verschwindet, hat uns also auch der britische „ Independent “ verlassen, eine hochseriöse Zeitung, die nun nach 30 Jahren ins Netz abwandert, jenes Medium, das selbst Qualitätsblättern den Garaus macht.

Umso erfrischender ist es, dass mit den Frühblühern auch ein schnöde vernachlässigtes Pflänzchen im hochglänzenden Wald mehr oder weniger debiler Frauenmagazine sprießt: Die „ Allegra “. Gut, sie ist längst nicht mehr so gehaltvoll wie vor elf Jahren, als Springer sein freches Gör trotz solider Auflage von 160.000 Stück dem oberflächlichen Zeitgeist à la „Glamour“ opferte, aber immerhin: es wächst auch mal was nach.

Solange es darf.

Gäbe es in der Türkei eine Zeitschrift mit derart modernem Frauenbild – Staatspräsident Erdoğan würde ihre Redaktion besetzen und alle verhaften lassen. Sein Verständnis von Pressefreiheit besteht halt darin, der Presse die Freiheit zu gewähren, ihm und seiner Politik zu huldigen. Wer das nicht tut, muss aber gar nicht daheim publizieren, um des Sultans Knute zu spüren. Sein Versuch, eine harmlose Satire des NDR-Magazins „ extra3 “ dadurch zu verhindern, dass er den deutschen Botschafter einbestellte, ging voll nach hinten los: Mit fünf Millionen Abrufen erzielte der Beitrag nach der Intervention eine Rekordreichweite und bescherte dem Format die Woche drauf auch noch eine Rekordquote von 880.000 Zuschauern.

Der gespielte Witz war dagegen ungleich lustiger als die lachhafte Demutshaltung der Bundesregierung, die dem türkischen Staatspräsidenten über Tage hinweg nicht mit Kritik am vordemokratischen Gebaren behelligte und erst auf mediale Intervention hin einige das-geht-so-aber-nicht-Floskeln absonderte. Schließlich braucht Berlin den Despoten vom Bosporus für die Flüchtlingsabwehr an der Donau.

Ohne Humor jedoch hat es faschistoider Machtmissbrauch beim Publikum schwerer, Aufmerksamkeit zu erzielen. Deshalb wollten am Mittwoch auch nur halb so viele Menschen Christian Schwochos brillanten Auftakt des NSU-Dreiteilers „ Mitten im Leben “ sehen wie „ Aktenzeichen XY “ auf dem Nachbarkanal ZDF.

Bleibt zu hoffen, dass Teil 2 und 3 mehr Resonanz (womit explizit nicht die Hassposts während auf der ARD-Seite gemeint sind) erzielen. Heute spielt Almila Bagriacik die Tochter des ersten NSU-Opfers Enver Simsek mit so glaubhafter Empathie, dass der abermalige Mord an ihrem Vater durch die rassistische Ermittlungstaktik von Polizei und Verfassungsschutz doppelt schmerzt, um die es dann Mittwoch geht.

In welchem Umfeld das möglich war, zeigt die Themenwoche „ Der neue Rechtsruck “. Das dokumentarische Essay „ Broken Land “ über eine Handvoll Amerikaner, die von paranoidem Fremdenhass getrieben den Grenzzaun nach Mexiko bewachen, macht heute um 20.15 Uhr den Auftakt. Den Schlusspunkt bildet am Freitag Burhan Qurbanis fabelhafter Spielfilm „ Wir sind jung, wir sind stark “ mit Jonas Nay als Neonazi im Pogrom von Rostock-Lichtenhagen.

Das wäre wie alle drei NSU-Filme ein typischer Kandidat für den Grimmepreis : Ästhetisch radikal, dramaturgisch kompromisslos, soziokulturell bedeutsam, dazu exzellent gespielt, also unbedingt sehenswert. Schade, dass die Verleihung der wichtigsten Fernsehtrophäe im Land am Freitag um 22.35 Uhr bloß als Aufzeichnung bei 3sat läuft, während die ARD tags zuvor natürlich wie jedes Jahr die Primetime freiräumt, wenn Barbara Schöneberger den komplett kommerziellen, künstlerisch irrelevanten Musikpreis Echo für maximale Massenkompatibilität verleiht.

Aber so spielt halt das Programmierungsleben im Quotenland D, das zeitgleich die 300. Folge „ Alarm für Cobra 11 “ bei RTL erlebt, den ewigpräsenten TV-Koch Christian Rach heute auf gleichem Kanal zum 2083. Mal irgendwelche Restaurants testen lässt und morgen zur allerbesten Sendezeit lieber den 90. Geburtstag von Queen Elizabeth feiert, als irgendeiner Art von Senderauftrag gerecht zu werden.

Das einzig charmante Format dieser Woche findet daher bei ZDFneo statt, wo ab Sonnabend um 16.30 Uhr zehn Folgen lang Geschichte auf eher absonderliche Art erklärt wird, wenn Hannes Jaenicke durchaus humorvoll die mysteriösesten Verschwörungen, größten Junkies oder schlechtesten Deals präsentiert.

So muss also wieder mal der „ Tatort “ als Gütesiegel herhalten, in dem das neue HR-Team am Sonntag allerdings von Sabin Tambrea in den Schatten gestellt wird, der sich langsam zum feingliedristen Bösewicht des Films mausert.

Und sonst? Bleiben ja noch die „ Wiederholungen der Woche “. In schwarzweiß: Jack Arnolds bizarrer Spinnenhorror von 1955 „ Tarantula “ (Freitag, 0.05 Uhr, 3sat), in Farbe „Manta, Manta “ (Dienstag, 20.15 Uhr, RTL Nitro), wo 1991 ein gewisser Til Schweiger sein Spielfilmdebüt gab. Also lange, bevor er zur Ein-Mann-Armee vom Dienst wurde, die es auch mit einer Formation jener Fluggeräte aufnimmt, um die es im Doku-Tipp geht: „ Drohnen “ (Freitag, 22.10 Uhr, 3sat).

Mehr von Jan Freitag lesen Sie auf www.freitagsmedien.com

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