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Dosenbier gegen Einsamkeit

Tatort-Blitzkritik Nr. 193: „Hundstage“ (Dortmund) Dosenbier gegen Einsamkeit

Die Tatorte aus Dortmund waren schon bisher stark – und sie werden immer noch besser. Wir haben uns mittlerweile daran gewöhnt, dass Kommissar Peter Faber oft ein echter Kotzbrocken im Umgang ist. In „Hundstage“ können wir deshalb den Blick stärker auf seinen Kampf mit sich selbst richten.

Dortmund. Faber brüllt sich mit dem Polizeipsychologen an wegen der Frage, warum er eigentlich Polizist geworden ist, er versucht vergeblich, einen Ertrinkenden zu retten, er kehrt später zurück ans Hafenbecken und schreit seine Wut laut in die Nacht. Jörg Hartmann spielt diesen gebrochenen Kommissar eindrucksvoll zwischen Selbstzweifeln und überbordendem Tatendrang.

Faber prügelt sich sogar mit seinem jungen Kollegen Daniel Kossik – „Frühes Neandertal“, wie Kollegin Martina Bönisch spöttisch bemerkt. Auch sie ist in dem aktuellen Fall befangen und von Schuldgefühlen geplagt. Der Tote, der aus dem Wasser gefischt wird, erinnert sie an einen 14 Jahre alten Vermisstenfall, den sie nicht lösen konnte und der sie jetzt wieder einholt. Auch Anna Schudt wird in ihrer Rolle immer stärker. Faber und Bönisch kommen sich in ihren Problemen und ihrer Einsamkeit beim Dosenbier in der Hitze der Nacht näher – und auch zwischen dem jungen Ermittlerpaar knistert es. Daniel hat die Trennung von Nora nicht verdaut und betäubt seine Traurigkeit mit Alkohol.

Diesmal passen das komplizierte Binnenverhältnis des Ermittlerteams und der vertrackte Fall sehr gut zusammen, das eine überlagert nicht das andere, dank des guten Drehbuchs von Christian Jeltsch, wirkungsvoll in Szene gesetzt von Stephan Wagner (Regie) und Thomas Benesch (Kamera). Die Suche nach dem Mörder und nach dem verschwundenen Jungen lässt uns nicht los. Viel zur Spannung bei trägt auch die von Maren Eggert toll gespielte Eva Dehlens, die immer leicht neben der Spur wirkt. Ebenso wie Anne Ratte-Polle als Judith Stieler, die damals den Jungen „geklaut“ hat als Ersatz für ihr früh verstorbenes Kind.

 Der Fall bringt alle an die emotionalen Grenzen, und die Hitze macht ihnen obendrein zu schaffen. Die Idee, den Spürhund an den trockenheißen „Hundstagen“ durch halb Dortmund mit der Kamera zu verfolgen, ist toll. Dieser Tatort ist spannend und atmosphärisch dicht erzählt. Wir freuen uns schon jetzt auf die nächste Dortmunder Folge.

Christian Risch

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