Volltextsuche über das Angebot:

5 ° / 3 ° Regen

Navigation:
Eine Kommissarin im Ausnahmezustand

Tatort-Blitzkritik Nr. 254: Der Fall Holdt (Hannover) Eine Kommissarin im Ausnahmezustand

Meine Güte, ist das düster. Und dabei hatte alles so schön angefangen. Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) tanzt und knutscht sich verliebt durch die Nacht. Der Zuschauer lehnt sich entspannt zurück und denkt: Na bitte, geht doch. Die kühle Blonde kann auch ausgelassen, wunderbar, das wurde auch mal Zeit.

Voriger Artikel
Untote in der Spuk-Immobilie
Nächster Artikel
Verunsicherte Versicherer

Und dann das. Der Kommissarin wird ausgerechnet so etwas Harmloses wie die obligatorische Schlange vor dem Damenklo zum Verhängnis. Der Anfang einer unstoppbaren Abwärtsspirale, in deren Verlauf die sonst so coole Charlotte Lindholm zusehends die Kontrolle verliert und einen schwerwiegenden Fehler nach dem anderen macht.

Der erste Fehler ist, sich still zu verkriechen, nachdem sie zusammengeschlagen wurde (wieso um Himmels Willen ruft sie nicht ihren Freund an??) Den zweiten Fehler begeht dann allerdings Lindholms Chef, der ihre Krankmeldung einfach eiskalt ignoriert. Also erscheint eine innerlich und äußerlich angeschlagene Charlotte Lindholm im merkwürdig kühl wirkenden Haus der Familie Holdt mitten im verwunschenen und bedrohlichen Wald, der in diesem Tatort eine der Hauptrollen spielt.

Dort trifft die Kommissarin auf eine jüngere Version von sich selbst in Gestalt von Frauke Schäfer (gespielt von Susanne Bormann). Die beiden sind sich so ähnlich,  dass sie sogar die gleiche Bluse tragen. Doch während Lindholm eindeutig ins Bett statt an einen Tatort gehört, weiß Schäfer gar nicht, wohin vor lauter Energie. Die unerwartete Konkurrenz setzt Lindholm zusätzlich unter Druck - und das bekommt unter anderem ein Kriminaltechniker zu spüren, der von der Kommissarin nach allen Regeln der Kunst und in einer Art Endlosschleife heruntergeputzt wird.

Das ist ungerecht und besserwisserisch. Aber in erster Linie ist es völlig untypisch für Lindholm, denn es ist unprofessionell und emotional. Lindholm zeigt Gefühle. Das wir das noch erleben dürfen. Es macht sie nicht unbedingt zu einer besseren Ermittlerin, dass sie zulässt, dass Frank Holdt (großartig gespielt von Aljoscha Stadelmann) seinen erschossenen Hund umarmt , der für Frauke Schäfer nur ein Beweismittel ist. Als dann auch noch häusliche Gewalt Thema wird, ist es vollends vorbei mit Lindholms professioneller Distanz zum Fall, der nicht nur der Kommissarin an die Nieren geht. Die Szene, in der sich Vater und Sohn an der Suche nach Julia Holdt beteiligen, ist schwer bis gar nicht zu ertragen. Und die Kritikerin versucht sich damit zu trösten, dass die Polizei das im richtigen Leben doch wohl niemals zulassen würde, oder?

Aber es kommt ja alles noch viel schlimmer. Lindholm verzichten fast vollständig auf Schlaf und Körperhygiene, ist augenscheinlich am Ende ihrer Kräfte, wird aber dafür nur argwöhnisch beäugt. Endlich scheint es einen handfesten Beweis gegen Holdt zu geben, gegen den so vieles spricht. Und dann geht es vollends mit Lindholm durch.

Sie konfrontiert Holdt mit allen grausamen Details - und der nimmt sich wenig später in der Untersuchungshaft das Leben. Puuh. Bei so vielen Fehlern ist es eigentlich nur folgerichtig, dass dieser Fall ungeklärt bleibt. Doch die Kritikerin hätte furchtbar gern gewusst, ob Frank Holdt nun wirklich der Täter war. Und hat für den 26. Fall von Charlotte Lindholm einen großen Wunsch: Mehr Licht bitte!

Grit Petersen

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Alle „Tatort“-Teams im Überblick

Ein Überblick über die „Tatort“-Teams der ARD