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 Gebärden zum Anbandeln und Aufklären

„Tatort“-Blitzkritik Nr. 192: „Totenstille“ (Saarbrücken)  Gebärden zum Anbandeln und Aufklären

Devid Striesow macht sich als Kommissar Jens Stellbrink bereits in einer der ersten Szenen der „Tatort“-Folge „Totenstille“ unbeliebt. Zumindest bei Polizeihauptmeisterin Mia Emmrich (Sandra Maren Schneider), die sich im Team um Stellbrink und Lisa Marx (Elisabeth Brück) erst noch bewähren muss.

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Saarbrücken.  Dass Striesow den gefühlsarmen, teamunfähigen Rädelsführer im Revier gibt, ist allerdings ganz nützlich - so verwechselt man diese Figur nicht mit dem dauergrinsenden Hape Kerkeling, den er zurzeit in der Buchverfilmung „Ich bin dann mal weg“ so aufreizend zur Schau stellt.

Striesow ist im Saarbrücker „Tatort“ natürlich wieder das Zentrum aller Szenen, auch wenn man zu Beginn hoffte, der Seitensprung des Familienvaters Georg im Hotel samt handgreiflichem Beischlaf mit Todesfolgen wäre doch eine schöne Basis für einen Krimi am Sonntagabend. Aber dann geht es vor allem um die Spezies der Gehörlosen und wie sie sich in der Welt der Hörenden durchsetzt. Und eben um Stellbrink/Striesow und wie er so linkisch wie schlitzohrig seinem Job nachgeht. „Jetzt tun die auch noch diskriminiert“, fällt Stellbrink zu den tauben Mitbürgern ein. Doch dann lernt er flink Zeichensprache und kann sogar die Gebärde für „Bullenschwein“ erkennen, was ihm nicht nur bei der Ermittlung in den Fällen a und b hilft, sondern auch beim Anbandeln mit der attraktiven Tanzlehrerin.

Die Lösung des Falles a (Sex-Tod der Ex-Frau von Georg im Hotel) und des Falles b (Mord an der Gehörlosen Ambra in freier Wildbahn) folgt dann einer alte „Tatort“-Masche: Auch wenn dunkle äußere Mächte im Spiel scheinen - die Familie ist das fruchtbarste Biotop für Mord und Totschlag; und der Täter ist immer derjenige, den die Film-Dramaturgie zunächst am wenigsten verdächtig erscheinen lässt. In diesem Fall: Bruder Marc. Kann uns ein beherzter Drehbuchautor  nicht einmal von diesen Stereotypen erlösen? Man fühlt sich als Zuschauer unterfordert.

Eine schöne Idee hat Regisseur Zoltan Spirandelli in seiner „Totenstille“ dann doch realisiert: Ambra-Darstellerin Jessica Jaksa ist im wirklichen Leben ebenso gehörlos wie ihre Filmpartner Benjamin Piwko (Ben) und Kassandra Wedel, die die rothaarige Tanzlehrerin verkörpert. Die Kommunikation der zwei Welten besorgte die wirkliche Gebärden-Dolmetscherin Mira-Esther Weischet, die im Film als Frau Kaiser auftritt. Am Drehbuch schrieb die gehörlose Bloggerin Julia Probst mit, die während diverser WM- und EM-Fußballspiele als Lippenleserin bekannt wurde, die Geheimes von den Lippen der Nationalspieler und des Bundestrainers Löw ablas und twitterte.

 

Michael Berger

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