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Geht's auch mit weniger Klamauk?

Tatort-Blitzkritik Nr. 206: „Ein Fuß kommt selten allein“ aus Münster, 8.5.2016 Geht's auch mit weniger Klamauk?

Der „Tatort: Ein Fuß kommt selten allein“ lässt alle Krimi-Logik vermissen, findet unser Redakteur.

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Eine Kritik von Michael Berger.

Jetzt sind sie zu kühn und damit unvorsichtig geworden: Weil der „Tatort“ aus Münster seit Menschengedenken unfehlbar hohe Einschaltquoten hat, scheinen Drehbuchautoren und Regisseure nicht mehr auf Logik, Wahrscheinlichkeit und Nachvollziehbarkeit ihrer Geschichten zu achten. Der jüngste, insgesamt 29. Münster-Krimi mit Axel Prahl als Kommissar Thiel und Jan Josef Liefers als Rechtsmediziner Boerne, hatte schon einen albernen Titel: „Ein Fuß kommt selten allein.“  Albern jedenfalls, wenn man den Grund für die Benennung erfährt: Ein Tänzer hat sich im Wald so schwer verletzt, dass der untere Teil seines rechten Beins an Ort und Stelle amputiert wurde.

Doch das erfuhr man erst zum Schluss (und hatte es schon geahnt).

Zurück zum Anfang: Ganz und gar konstruiert ist, dass sich Boerne gerade in jenem Moment zu einem Tanzkurs nötigen lässt, in dem sich der Verdacht erhärtet, dass im Tanzclub ein Mord passiert ist und der Verdächtige aus dem Kreis der Turniertänzer kommen muss. Eine Koinzidenz wie aus einem verstaubten Edgar-Wallace-Plot.

Dass gerade Thiels Vater Herbert die als Beweismittel entscheidenden Fußknochen findet, dass der Vereinspräsident und Orthopäde Steul überall seine Finger im Spiel hat, dass sich nach Jahren im Wald noch ein Stein findet, der einer jungen Frau den Schädel gespalten hat – das alles ist zu dick aufgetragen. Und dann natürlich das Personal: Vadder Herbert als Fliegenpilz-User, Boerne als obereitler Geck, Silke „Alberich“ Haller als kecker Gegenpart, Staatsanwältin Klemm als tangotanzende Domina mit Bassstimme (immerhin: Ihre Darstellerin Mechthild Großmann war einmal ein Star in der Truppe von Pina Bausch) – die Stereotypen des Münster-Teams verfestigen sich immer mehr ins Absurd-Skurrile. Fehlt nur noch, dass der WDR Oliver Kalkofe die Regie überlässt. Die Drehbuchautoren Stefan Cantz und Jan Hinter, die „Ein Fuß...“ zusammengezimmert haben, sind übrigens die Urväter des Paares Boerne/Thiel. Sie haben 2002 im ersten Münster-“Tatort“ „Der dunkle Fleck“ die Grundlage geschaffen für die weitere Entwicklung des Proleten-Kommissars, Anhänger des FC St. Pauli, und des Schnösel-Professors, Anhänger von Richard Wagner und edlen Tropfen.

Ein schöner Dialog kam in ihrem jüngsten Elaborat dann doch noch vor, den sich die Filmemacher zu Herzen nehmen sollten. Als Thiel reklamiert, dass Boerne seine DNA-Proben anpreist, als befinde er sich auf dem Hamburger Fischmarkt, fragt der Kommissar trocken: „Geht's auch mit etwas weniger Klamauk?“ Darauf Boerne: „Dann müssen Sie sich einen anderen Rechtsmediziner suchen.“ Wie wäre es mit anderen Drehbuchautoren?

Michael Berger

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