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Helden im Staatsdienst

Tatort-Blitzkritik Nr. 196: "Im gelobten Land“ aus Stuttgart Helden im Staatsdienst

„Tatort“-Kommissare zeichnen sich allesamt dadurch aus, dass sie dem gängigen Bild des drögen, auf seine Pension hinarbeitenden Beamten nicht entsprechen. Das konnte man in der Stuttgarter Episode mit dem Titel „Im gelobten Land“ wieder sehr schön beobachten.

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Stuttgart.  Da gibt es erstens den hochmotivierten, emotional beteiligten Kommissar, der auch noch die richtige linksliberale  Einstellung zum Weltgeschehen mitbringt. Und da gibt es zweitens den Kollegen, der mit Leib und Leben in seinem Beruf aufgeht. Der Unterschied besteht in Nuancen, doch er ist wichtig für die Handlung. Der Leib-und-Leben-Beamte Thorsten Lannert (Richy Müller) nämlich stürzt sich in die Höhle des Löwen, in ein Flüchtlingsheim, wo man Pest, Cholera, Drogen, Menschenhandel und Schlimmeres vermuten darf; der Engagierte, Sebastian Bootz (Felix Klare), der mit einem Rest Realitätssinn ausgestattet ist, kann ihn dann dort, verletzt und verstört, herausholen. Gemeinsam mit dem SEK.

„Tatort“-Kommissare sind auf jeden Fall Helden. Das könnten Beamte nie sein. So lange wie Lannert dem Balkan-Verbrecher Milan Kostic (Sascha A.  Geršak) Kanone an Kanone gegenübersteht, ohne dass ein Schuss fällt, so lange kann kein Staatsdiener stillhalten.  Er muss zwischendurch auf die Toilette. Von der Nervenstärke eines Lannert ganz zu schweigen. Er kann in dieser Situation mit dem Kontrahenten, der Lannerts Leben bedroht und der auch noch die Geisel Lela (Florence Kasumba) quält, ganz nebenbei die Themen Flüchtlingsleid und Polizistenehre  erörtert.

Spaß beiseite: Die Geschichte, die Regisseur Züli Aladag und sein Drehbuchautor Christian Jeltsch erzählen, erscheint ein Reflex zu sein auf das tragische Geschehen an der österreichisch-ungarischen Grenze  vom August letzten Jahres. Die Polizei entdeckte damals in einem Kühllaster die Leichen von 71 Flüchtlingen – sie waren erstickt. Mit einer ähnlichen Entdeckung beginnt der „Tatort“. Jeltsch versichert, dass sein Exposee  schon vor dem Bekanntwerden des  Falls  entstanden sei. „Mit dem Vorfall in Österreich wurde die Fiktion dann auf schreckliche Weise von der Realität bestätigt.“  Dass der Film die Strukturen der Schleusungen nach Mitteleuropa kenntlich macht, das ist ein  Verdienst der Macher. Politische Statements braucht es da keine mehr.

Michael Berger

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Alle „Tatort“-Teams im Überblick

Ein Überblick über die „Tatort“-Teams der ARD