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Lieb' Vaterland, magst ruhig sein

Tatort-Blitzkritik Nr. 227: „Wacht am Rhein“ (Köln) Lieb' Vaterland, magst ruhig sein

Dass sich der Sonntags-"Tatort" um Menschen am Rande der Gesellschaft kümmert, ist eine ehrenwerte Sache. Wenn dies aber zu penetrant geschieht, dann kann das Anliegen auch ins Gegenteil verkehrt werden.

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Köln. So gibt es so gut wie keine neue Folge mehr, in der die Dramaturgie nicht mit dem Schicksal von Flüchtlingen operiert. Damit allerdings werden häufig allzu billige Stereotypen verbreitet.

Den jungen Männer aus Nordafrika, Syrien oder Afghanistan werden im Köln-Krimi "Wacht am Rhein", die Spießbürger von nebenan entgegengestellt -- auch das ein "Tatort"-Klischee --, und man wird mit der sensationellen These belehrt, dass es gute Flüchtlinge und böse gibt, zumindest kleinkriminelle. Und dass es gutwillige Einheimische gibt und zu Untaten fähige.

Die Bürgerwehr, die sich nach dem Nationalisten-Lied aus dem 19. Jahrhundert "Wacht am Rhein" nennt ("Es braust ein Ruf wie Donnerhall, / Wie Schwertgeklirr und Wogenprall"), stellt den jungen Migranten, die in ihrem Viertel dealen, eine Falle. Das mag angehen. Aber dass der biedere Zoohändler sich vom vierschrötigen Ober-Wächter eine scharfe Waffe aushändigen lässt, den erwarteten Einbrecher in seinem Landen erschießen will (und stattdessen seinen Sohn trifft), das ist eine wenig glaubwürdige Pointe. Solche Menschen sind nicht zum Mord fähig, auch wenn sie zu Wutbürgern mutiert sind.

Dennoch, eine Hypothese des Films ist bedenkenswert: Alle in dieser Geschichte, egal ob brave oder weniger brave Bürger, ob anpassungswillige oder aufsässige Migranten, fühlen sich als Opfer und leiten daraus ein individuelles Recht zur Gewaltanwendung ab.

Lieb' Vaterland, magst ruhig sein: Die Kommissare Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Schenk (Dietmar Bär) aber lassen sich von keiner Seite beirren. So wünschen wir uns die Polizei: ohne "Nafri"-Blendung. Ihr Köln aber wünscht man sich nicht. Die stolze Stadt am Rhein muss im "Tatort" ihre schönen Seiten stets verstecken, sie sieht aus wie Gelsenkirchen. Wenn in der Mitte des Films der reale Klaus Doldinger auftaucht -- nach mehr als 1000 "Tatort"-Folgen, die alle mit seiner Titelmelodie eingeläutet wurden --, dann nicht in einem angemessenen Jazz-Club, sondern mit dem Saxofon in der Hand als Straßenmusiker in einem hässlichen Hinterhof. Immerhin ein schöner Gag.

Von Michael Berger

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