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Mehr als ein Krimi

Tatort-Blitzkritik Nr. 188: "Wer bin ich?" Mehr als ein Krimi

Überraschende Wendungen, ein exquisites Schauspieler-Ensemble und ein Hauptdarsteller, der in einer Doppelrolle glänzt. "Wer bin ich?", der neue Fall von Kommissar Murot, ist vor allem eines - ein Mordsspaß.

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Dabei ist die Grundidee so simpel wie alt. Fast jeder Regisseur, der etwas auf sich hält, kann in seinem Lebenswerk auf einen "Film im Film" verweisen. Fellini oder Wilder haben Meisterwerke geschaffen, Fassbinder oder Allen sich daran abgearbeitet. Jetzt entdeckt also auch der Tatort das "Reflexive Kino". Bastian Günther (Regie und Drehbuch) orientiert sich eher an Godard und Truffaut, den beiden Meistern der Nouvelle Vague, und hat sichtlich Freude daran, seine eigenen Figuren durch die verschiedenen Wirklichkeitsebenen zu dirigieren.

Als da wären: ein herrlich verschlagener Ex-Kommisar Martin Wuttke (als er selbst), ein äußerst amüsantes Frankfurter Ermittler-Duo (Margarita Broich und Wolfram Koch als sie selbst), das vor allem damit beschäftigt ist, sich gegenseitig zu übertrumpfen; und nicht zu vergessen natürlich Justus von Dohnányi, der seinen "hungrigen" Regisseur Konrad wunderbar verschroben gibt. Da muss der doppelte Ulrich Tukur/Felix Murot schon die komplette Bandbreite seines Könnens abrufen, um mitzuhalten - er meistert diese Aufgabe grandios. Das ist jetzt kein großes Kino, aber sehr gute Fernsehunterhaltung.

Ganz nebenbei lässt das Filmen im Film - sehr entspannt - die Möglichkeit zur Selbstreflexion. So müssen sich die Teilzeit-Kriminologen als Fimfuzzis, Hobby-Psychologen oder Heiopeis (besonders schlimm!) beschimpfen oder die Frage gefallen lassen, ob sie bei ihren Recherchen eigentlich irgendetwas lernen. Tukur wird auf einen egoistischen, singenden, Klavier spielenden und schwatzhaften Witze-Erzähler reduziert, der ausschließlich in Nazi-Rollen glänzt - auf den aber auch gänzlich verzichtet werden könnte.

Die gesamte Crew verwechselt fröhlich Vor- und Nachnamen und ist auch sonst an Oberflächlichkeit kaum zu überbieten.Und wenn das Ganze dann mal zu klamaukig gerät, gibt es gleich eine schroffe Regie-Anweisung: "Wir sind doch nicht in Münster!" Das ist urkomisch, auch wenn die Innenschau des Tatort-Betriebs etwas selbstverliebt wirkt, und die Handlung des ursprünglichen Falls doch sehr in den Hintergrund gedrängt wird.

Dafür gelingt das Ende genial: Die Hauptrolle macht sich selbstständig, bricht kurzerhand die verschiedenen Filmebenen auf. Murot will mehr sein als ein Name, eine Idee, will leben, frieren, Kopfschmerzen haben oder Pistazieneis essen.

Wir dürfen gespannt sein, ob und wie der Hessische Rundfunk seinen zum (echten) Leben erweckten Kommissar Felix Murot wieder einfängt. Mit dem Vorwurf der fahrlässigen Tötung oder unterlassener Hilfeleistung ermittelt es sich allerdings nicht mehr so unbeschwert. Vielleicht macht ihn ja der (echte) Schauspieler Ulrich Tukur dingfest. . . Christopher Steckkönig

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