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Mörderische Populisten

Tatort-Blitzkritik Nr. 259: "Dunkle Zeit" (Hamburg) Mörderische Populisten

Der „Tatort: Dunkle Zeit“ leidet darunter, dass Regisseur Niki Stein mit einem Krimi die AfD entlarven will, findet unser Redakteur Michael Berger in seiner Blitzkritik.

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Eine Kritik von Michael Berger

„Es geht ein Gespenst um in Deutschland und in Europa – das Gespenst von Nationalismus, Rassismus und völkischer Ideologie, das in einer Zeit der Völkerwanderung gerade wieder salonfähig wird.“ So hat Christian Granderath, der beim NDR für die „Tatort“-Reihe zuständig ist, die jüngste Folge aus Hamburg anmoderiert und begründet, warum wieder einmal eine politische Gemengelage ihren Widerhall im Sonntagabendkrimi findet. Das ist einerseits ehrenwert, andererseits läuft die „Tatort“-Redaktion wegen des langen Vorlaufs der Produktion Gefahr, aktuelle Entwicklungen zu verpassen.

Mit der Figur der Nina Schramm, Spitzenkandidatin der rechtspopulistischen Partei Neue Patrioten, wollte Niki Stein, ein routinierter „Tatort“-Regisseur und -Autor, ein Abbild von Frauke Petry zeichnen, Vertreterin eines modernen Nationalismus. Nur leider ist Petry heute nicht mehr an Bord der AfD, der Partei, die Stein genau studiert hat, um seinen Neuen Patrioten eine glaubwürdige Fassade zu verschaffen. Das Vorbild hat sich in die ganz rechte Ecke verschoben.

Doch der Umstand, dass die Realität dem Film voraus ist, könnte man noch entschuldigen, der „Tatort“ will ja keine Dokumentation sein. Ärgerlicher ist, dass diese Nina Schramm von der Serien-Allzweckwaffe Anja Kling ohne gewinnende Ausstrahlung dargestellt wird. Eine charismatische Rednerin hat Kling nicht im Repertoire. Man hat den Verdacht, dass Regisseur Stein auf keinen Fall Sympathien für sein Geschöpf entstehen lassen wollte.

Und so darf Spitzenkandidatin Schramm weder ihren Gatten betrauern (dargestellt vom stets Haltung bewahrenden Udo Schenk) als dieser einem Bombenattentat zum Opfer fällt, noch kann sie vermitteln, dass sie selbst an ihre kruden Thesen vom betrogenen deutschen Volk glaubt. Sie agiert spröde und humorlos. Und Wotan Wilke Möhring, der als Hamburger Bundespolizist Thorsten Falke oft impulsiv die Krimihandlung befeuert, muss mit sozialarbeiterischen Sätzen dagegenhalten und den Lauteren geben. Das unterfordert diesen kantigen Schauspieler und ehemaligen Punk-Musiker. Besser bewährt sich in dieser Folge Franziska Weisz als Falkes Kollegin Julia Grosz. Sie wird sichtlich verunsichert von den Ausführungen der Populisten.

Das Ende in der Halle, wo Schramms große Abschlusskundgebung vor den Bundestagswahlen stattfinden soll (die Szenen wurden in der Lübecker Musik- und Kongresshalle gedreht), wartet dann mit der Entlarvung von Rechtsradikalen als wahre Verbrecher auf. Dass hinter den populistischen Maskenträger eigentlich stramme Ultrarechte stehen, die wortwörtliche über Leichen gehen, das erinnert an krude Verschwörungstheorien. Die Realität der innerparteilichen AfD-Kämpfe ist sicherlich viel banaler und weniger krimitauglich. Und Schrecken verbreitende Gespenster sind die Gaulands und Höckes sowieso nicht, sie machen sich eher als Biedermänner salonfähig.

Eine Kritik von Michael Berger

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