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Mord als Kunst

Tatort-Blitzkritik Nr. 256: "Gott ist auch nur ein Mensch“ (Münster) Mord als Kunst

Einer der Drehbuchschreiber des neuen „Tatorts“, der in der Universitäts- und Kunst-Stadt Münster spielt, versicherte schon vor der Ausstrahlung, er habe „die Kunstwelt nicht karikieren“ wollen. Doch genau das hat Christoph Silber gemeinsam mit seinem Kollegen Thorsten Wettcke und dem Regisseur Lars Jessen getan.

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Münster. Die zeitgenössische Bildende Kunst erscheint in der Folge „Gott ist auch nur ein Mensch“ als ein Produkt von Irren, Verwirrten und Verblendeten. Kein Wunder, dass sich unter dem kunstaffinen Volk ein Serienkiller befindet.

Frank Thiel (Axel Prahl), der bodenständige Hauptkommissar mit der Fischerweste, darf dann auch erkennen: „Die haben alle ein Rad ab!“ Und sein ewiger Weggefährte und Gegenpart Professor Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) fällt aus purer Geltungssucht auf diese Szene der Hochstapler und Stümper herein und will Teil davon werden.

Der Anlass für den „Tatort“ aus dem Milieu der Installations- und Konzeptkünstler war das hochrenommierte „Skulptur.Projekt“, das alle zehn Jahre in Münster stattfindet und im vergangenen Sommer die westfälische Stadt wieder 100 Tage lang ins Blickfeld des internationalen Kunstbetriebs rückte. Im Krimi, die in dieser Zeit gedreht wurde, heißt die Veranstaltung „Internationale Skulpturen-Tage“. Die Personen, die sich hier mit ihren Kreationen präsentieren, gehören allerdings anders als beim realen „Skulptur.Projekt“ nicht der Kunstelite an. Sie geben sich vielmehr so dilettantisch und weltabgewandt, dass man sich nicht darüber wundert, dass sie alle vor dem diktatorischen Großkünstler kuschen, der sich G.O.D., also Gott, nennen lässt.

Unter diesen Leute wird ernsthaft diskutiert, ob die sorgsam drapiert und konserviert aufgefundenen Mordopfer großartige Kunstwerke darstellen könnten. Und das ohne jeden ironischen Unterton. Man fühlt sich an die Äußerung des Komponisten Karlheinz Stockhausen erinnert, der einst zu den Terroranschlägen von 11. September 2001 sagte: „Also, was da geschehen ist, ist natürlich (...) das größte Kunstwerk, was es je gegeben hat.“

Stockhausen hat damals ein lebensfernes Bewusstsein und Verachtung der Realität demonstriert, der Münsteraner „Tatort“ schreibt dem aktuellen Kunstbetrieb genau dies zu. Da hilft auch kein hämisches Geplänkel zwischen den Hauptfiguren Thiel und Boerne, das nahelegt, dass das alles ein großer Witz sein soll. Man kann die Geschichte nur als Denunziation des tatsächlich oft hermetischen Kunstschaffens begreifen. Zumal der Film Werke des „Skulptur.Projekts“ zu seiner Kulisse macht: In einem der „Giant Pool Balls“ des Popart-Veteranen Claes Oldenburg hat sich „Vadder“ Thiel (Claus D. Clausnitzer) mit einer jungen Frau zum Kiffen zurückgezogen.

Sohn Thiel immerhin steht zu seiner kulturellen Ignoranz. Auf die Frage, was für ihn Kunst sei, antwortet sein Darsteller Prahl: „Wenn der FC St. Pauli 0:4 im Rückstand liegt und dann noch 5:4 gewinnt.“

Die Karikatur des Kunst-Diskurses verdrängt die Auflösung der Mordfälle und ihrer Hintergünde, das sei der Vollständigkeit halber noch angemerkt.

Michael Berger

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