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Nervenkrieg in der Fahrgastzelle

Tatort-Blitzkritik Nr. 220 „Taxi nach Leipzig“ Nervenkrieg in der Fahrgastzelle

Der gleiche Titel wie bei Folge eins, diverse Altstars dabei – die Gefahr war groß, dass der 1000. „Tatort“ sich selber feiert und damit langweilt. Von wegen. „Taxi nach Leipzig“ ist ein brillanter Thriller, der die Reihe weiterentwickelt.

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Der Tukur-Tatort war "knapp vorbei"

Der Jubiläumskrimi ist ein unglaublich dichtes Kammerspiel, nein: Fahrgastzellenspiel, das gleich auf mehreren Ebenen „Tatort“-Neuland betritt. Der Titel „Taxi nach Leipzig“, unter dem schon 1970 Kommissar Trimmel ermittelt hat, wird wörtlich genommen. Ein Großteil der Handlung spielt sich im Taxi eines Psychopathen ab, in dessen Kopf und in den Gedanken der beiden entführten Kommissare, die hier in eine ganz neue Konstellation hineingeworfen werden.

„Ich befehle mir, nicht zu schwitzen“, schärft sich Klaus Borowski (Axel Milberg), sonst Kripo Kiel, im inneren Monolog ein, während er auf dem Rücksitz seine Fesseln zu lösen versucht. Wie Borowski den Entführer zwischenzeitlich überwältigt, indem er einen Stunden zuvor vom Kaffeebuffet gemopsten Keks aus der Hosentasche nestelt, zerkrümelt und als blendenden Staub dem Mann am Steuer in die Augen schleudert, gehört zu den schönsten Regieeinfällen der „Tatort“-Historie.

Auch Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) vom LKA Hannover legt ihr Innerstes offen, ihre Angst vor Dunkelheit und dem Alleinsein. Ihre sonst fast nervende Souveränität ist glaubhaft zerstört. Besonders ausführlich werden die Zuschauer in die Seele des Täters Rainard Klapproth (sehr überzeugend: Florian Bartholomäi) entführt. In einem Puzzle aus innerer Stimme und Wortgefechten im Auto erfahren wir Stück für Stück, was diesen Kerl innerlich zerreißt: Er hat als Elitesoldat eine afghanische Familie getötet, weil sein Chef ihn falsch informierte, ihm aber hinterher erst die Schuld daran gab und dann die Frau ausspannte. Die übliche Frage „Wer war's?“, die Kommissar Trimmel und die meisten seiner Nachfolger zu beantworten suchen, stellt sich nicht bei diesem Nervenkrieg, es geht um das Warum.

Auch das Ende ist ungewöhnlich. Der Psychopath bleibt am Leben und erreicht sogar sein Ziel: Er darf noch einmal seine Liebste sehen, die sich im Finale doch wieder ihm zuwendet und dann, tödlich getroffen, in seine Arme fällt. Das Verbrechen – neben der Entführung hat Klapproth ja auch einem Polizisten das Genick gebrochen – hat sich für ihn politisch unkorrekterweise also gelohnt.

Der Jubiläums-„Tatort“ von Alexander Adolph (Buch und Regie) erobert neues Krimi-Terrain und widersteht der Versuchung, ein Retro-Spektakel zu sein. Die Kurzauftritte von Karin Anselm (als Hanne Wiegand die erste „Tatort“-Kommissarin von 1981 bis 1988), Hans-Peter Hallwachs (der schon 1970 mitgespielt hat) und Günther Lamprecht (1970 dabei, von 1991 bis 1995 als Kommissar Frank Markowitz) waren nett, aber nicht nötig. Immerhin bietet die Kommissaren-Fortbildung eine hübsche Rahmenhandlung auf der Meta-Ebene, als der alte Markowitz die Kommissare feierlich nach Hause schickt: „Dafür, dass das Gute eben siegt.“

Von Lars Fetköter

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