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Spiel mit Vorurteilen

Tatort-Blitzkritik Nr. 243: „Amour fou“ (Berlin), 5. Juni Spiel mit Vorurteilen

An einer Gemeinschaftsschule in Neukölln hat ein schwuler Lehrer einen schweren Stand. Mutig stellen sich Enno und sein Mann den Vorurteilen der überwiegend ausländischen Schüler. Und nicht nur das. Ennos Mann beginnt ein kluges Spiel mit eben diesen Vorurteilen, denen auch der Zuschauer immer wieder auf den Leim geht.

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Der fünfte Fall des Berliner Teams Rubin/Karow zeigt grandios, wie schnell man bereit ist, sich von Vorurteilen leiten zu lassen und wie leicht man dabei den Blick für andere Möglichkeiten verlieren  kann. Und so gibt es ein wunderbar überraschendes Ende, mit dem wirklich niemand gerechnet hat.

 Weiteres Highlight ist Jens Harzer, der Ennos Ehemann spielt und sich auch  als Jogi-Löw-Double gut machen würde. Er besticht durch Melancholie und Feingeist,  wirkt mit seiner Vorliebe für Münztelefone irgendwie aus der Zeit gefallen und pirscht sich auf eine seltsame anrührende Art  an Kommissar Karow heran.

Das sensible Drehbuch dieses ruhig erzählten Falls schrieb Tatort-Spezialist Christoph Darnstädt, Regie führte Grimme-Preisträgerin Vanessa Jopp. Eine Kombi, die dem Berliner Team gut tut.

Nicht nur die Beziehung der beiden Schwulen nimmt viel Raum ein, auch das Sexleben der beiden Kommissare ist immer wieder Thema. Nina Rubin (Meret Becker) braucht wilde Nächte jenseits ihres reaktivierten Familienlebens, Robert Karow (Mark Waschke) hat Sex mit Frauen und Männer, passt in keine Schublade und provoziert seine Kollegin mit Sprüchen wie: „Ich ficke alles, was nicht bei drei auf dem Baum ist. Naja, fast alles.“ Beide sind Getriebene, beide geben gern den einsamen Wolf – und trotzdem scheint aus den beiden ganz ganz langsam doch noch so etwas wie ein Team zu werden.

„Offenheit und Toleranz gegenüber Fremden – ich finde, dazu kann man gar nicht genug beitragen“, sagt Regisseurin Vanessa Jopp. In ihrer „Amour fou“ werden Zuschauer und Kommissare gleichermaßen immer wieder auf ihre Vorurteile zurückgeworfen und können somit gar nicht anders als ebendiese zu hinterfragen. Klug gemacht und schön erzählt – eine verrückte Liebe, die nachdenklich macht.  

Von Grit Petersen

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