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Anatomie-Schau spaltet die Gemüter

Stockelsdorf Anatomie-Schau spaltet die Gemüter

Die konservierten Körper werden als unwürdig, aber auch lehrreich wahrgenommen.

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In dieser Vitrine wird die Körperregion Rachen und Kehlkopf thematisiert.

Stockelsdorf. Zwischen Ekel, Aufklärung und Ethik: Die Ausstellung „Körper – Die Lehre der Toten“ in Stockelsdorf ruft unterschiedliche Reaktionen hervor. „Bei solchen Ausstellungen wird aus meiner Sicht mit dem Gruseln Geschäft gemacht“, sagt Prof. Dr. Jürgen Westermann, Direktor des Instituts für Anatomie an der Universität zu Lübeck. Denn würden die Aussteller sagen, dass die Modelle aus Wachs oder Plastik bestehen – und das könne sehr echt aussehen – kämen keine Besucher.

LN-Bild

Die konservierten Körper werden als unwürdig, aber auch lehrreich wahrgenommen.

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Die Sammlung mit über 200 Exponaten, die in „Die Halle“ in der Daimlerstraße gezeigt wird, besteht aus konservierten menschlichen Körpern, Organen und Modellen erkrankter Körperteile. Sie soll anatomisches Wissen vermitteln. Große Informationstafeln befassen sich mit Körperteilen und Funktionsweisen wie „Rückenmark und Nervensystem“, „Gehirn“, „Lunge und Bronchien“ oder „Verdauung“. Aber auch mit Krankheiten wie Hautkrebs und Aids sowie der Frage: Wann ist ein Mensch tot?

Die Besucher lesen jedoch interessiert. Man bekomme einen Einblick in ein Thema, das sonst verborgen bleibt, sagt Monika Ehrke (66) aus Lübeck. „Es ist schon interessant, wie das alles so funktioniert“, ist Stephan Lübcke erstaunt. Besucherin Franziska Falk (18) hat sich mehr von der Ausstellung erhofft. „Führungen wären schön gewesen“, sagt sie. „Ich fühle mich sehr an Gunther von Hagens ,Körperwelten’ erinnert“, sagt Nadine Krey (34) aus Lübeck. „Davon habe ich bereits mehrere besucht. Aber im Vergleich dazu finde ich diese Ausstellung lehrreicher. Bei von Hagens stand eher die Kunst im Vordergrund.“

Die Ausstellungen des Leichen-Plastinators von Hagens waren höchst umstritten, vor allem die Kirche kritisierte die Zurschaustellung der Körper. „Hier werden Leichen als Exponate zur Schau gestellt.

Das widerspricht aus meiner Sicht dem Respekt vor den Verstorbenen“, sagt Hans-Joachim Weißschnur, Krankenhausseelsorger im Kirchenkreis Ostholstein und Propst Peter Barz erinnert: „Aus christlicher Sicht gilt es, die Würde des Menschen auch über den Tod hinaus zu achten und zu wahren.“

Auch an den Schulen in Bad Schwartau und Stockelsdorf wird die Ausstellung eher kritisch gesehen. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass dabei nur ein wissenschaftliches Interesse verfolgt wird“, sagt Hans-Joachim Werner, Schulleiter des Leibniz-Gymnasiums. Für den Pädagogen steht die Frage der Ethik im Raum. „Ich würde den Kollegen einen Besuch nicht verbieten. Aber bisher gibt es bei uns keine Pläne dazu.“Auch an der Elisabeth-Selbert-Gemeinschaftsschule und am Gymnasium am Mühlenberg sind keine Ausflüge geplant. „Sollten wir es aufgreifen, wird es aus verschiedenen Sichtweisen reflektiert, im Biologie- aber auch Religions- oder Philosophieunterricht“, sagt Amira Yassine, Schulleiterin am GaM. Eine Führung müsse zum Unterrichtsstoff passen, findet auch Michael Puls, Schulleiter der Gemeinschaftsschule Stockelsdorf. „Die Kollegen müssten sich die Ausstellung anschauen und einschätzen, ob das für unsere Schüler geeignet ist.“

Zum Verständnis brauche der Laie keine echten Körper, meint der Mediziner Prof. Dr. Jürgen Westermann. „Ich bin deshalb gegen solche kommerziellen Ausstellungen. Es geht dabei um die Würde des Menschen, und die geht über den Tod hinaus.“ In Schleswig-Holstein besage das Bestattungsgesetz, dass alle Menschen bestattet werden müssen. Es gebe nur eine Ausnahme: für die Anatomie.

„Medizinstudenten müssen auch an einem Menschen gelernt haben. Das ist für die Ausbildung wichtig.“

Pro Jahr erhält das Institut für Anatomie der Universität zu Lübeck rund 100 Körperspenden. Seinen Körper für die Wissenschaft zur Verfügung zu stellen, ist dabei keineswegs

kostenfrei. Die Gründe: Nach dem Tod werde die Leiche zunächst von einem Bestatter zur Universität gebracht. Dort werde der Körper haltbar gemacht. Dieser Prozess dauere etwa ein Jahr, erklärt Westermann. „Noch einmal rund ein Jahr lernen die Studenten mit dem Körper und präparieren ihn.“ Danach werden alle Teile des Körper verbrannt. „Das müssen wir wegen der eingesetzten Substanzen machen.“ Schließlich richten die Studenten eine Gedenkfeier und die Beerdigung aus. „Die Studenten sollen auch Empathie lernen“, sagt der Mediziner. „Das ist jedes Mal eine bewegende Feier. Mit dabei sind immer ein katholischer und evangelischer Geistlicher. Für die Angehörigen ist die Zeit, bis sie sich verabschieden können, schwer.“

Das große Interesse an den Toten erklärt sich Westermann so: „Der Umgang mit den Verstorbenen hat sich verändert. Früher sind die Menschen zuhause gestorben. Heute haben die meisten noch nie einen Toten gesehen.“ Aus diesem Grund könne er die Neugierde verstehen. „Wir bieten deshalb meist einmal im Jahr einen Tag der offenen Tür an.“ Interessierte können sich dabei die Anatomie von Experten erklären lassen – und das ohne Eintritt zu bezahlen. Über Termine informiert das Institut für Anatomie unter Telefon 0451/31017101.

Eine Bildergalerie zur Ausstellung gibt’s auf www.LN-online.de

Leihgaben

Die gezeigten Exponate sind Leihgaben eines amerikanischen Herstellers medizinischer Präparate für Universitäten und Krankenhäuser. Laut Veranstalter haben amerikanische Körperspender zu Lebzeiten darüber verfügt, dass ihr Körper nach dem Ableben der Ausbildung von Medizinern sowie der Aufklärung von Laien zur Verfügung stehen soll.

Die Schau ist bis zum 22. Januar täglich von

11 bis 18 Uhr geöffnet. Erwachsene zahlen 15 Euro.

Irene Burow und Kim Meyer

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