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Bad Schwartau „Anfangs bin ich auch betrunken zu den Meetings gegangen“
Lokales Bad Schwartau „Anfangs bin ich auch betrunken zu den Meetings gegangen“
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20:15 09.11.2013
Stockelsdorf

Jeder, der will, kann zu den Treffen kommen. Keiner muss seinen Namen nennen. Keiner muss sagen, woher er oder sie kommt. Wer zu den Treffen der Anonymen Alkoholiker kommt, muss überhaupt nichts sagen. Nicht mal „Guten Tag“. Und genauso gruß- und wortlos kann man auch wieder gehen. Wenn man will. „Da guckt auch keiner komisch, da sagt keiner was, da ist niemand, der einem Vorwürfe macht“, erzählt Dirk, „weil hier alle wissen, um was es geht, weil hier jeder weiß, was für ein Problem der andere hat, auch wenn der schweigt.“

Dirk spricht als Betroffener auf dem großen Jahrestreffen der Anonymen Alkoholiker (AA), das im Gemeindehaus in der Ahrensböker Straße in Stockelsdorf stattfand und von den AA-Gruppen Lübeck und Stockelsdorf organisiert wurde.

Rund 50 Männer, Frauen und Jugendliche sind der Einladung gefolgt. Nicht alle der Anwesenden sind alkoholkrank. Unter den Gästen gibt es etliche, die man als sogenannte Co-Abhängige bezeichnet, weil sie in einer Familie mit einem Alkoholiker leben und die Folgen des Alkoholismus ertragen müssen oder mussten. Auch darüber gibt es Erfahrungsberichte bei diesem Meeting. Denn Alkoholismus hat nicht nur eine Seite, sondern viele.

Auch eine Ärztin der Allgemeinmedizin, die überaus viel Erfahrung mit Alkoholkranken hat, kommt zu Wort. Sie sagt, dass über sieben Prozent der Erkrankungen von Patienten „im Zusammenhang mit Alkohol stehen“. Nicht nur Leberschäden, sondern auch Bluthochdruck, Schlafstörungen, chronische Müdigkeit oder Potenzprobleme. Ob man sich schon im gefährlichen Bereich befinde, das könne man, so die Ärztin, durch einen Selbsttest herausfinden: „14 Tage lang keinen einzigen Tropfen Alkohol trinken und sonst alles machen wie immer.“ Wer das kann, bei dem sei in Sachen Alkohol noch alles im grünen Bereich.

Aber wie leicht man in den roten Bereich rutschen kann, davon erzählt Dirk, ein schlanker, sportlich-durchtrainierter Mann um die 40 mit wachem Blick und klugem Kopf. Dirk ist nicht sein richtiger Name. Aber das ist egal.

Los ging das mit der Trinkerei bei Dirk schon im Teenageralter. An den Wochenenden und nach den Handballspielen wurde gesoffen — und zwar richtig. Schleichend uferte das aus, es kamen Feierabendbierchen hinzu. Irgendwann täglich. „Durch das Trinken ist mein ganzes Denken und Wertesystem durcheinandergeraten“, sagt Dirk, der nach mehreren ambulanten Therapien und stationären Entgiftungen inzwischen lange „trocken“ ist. Das Trockenbleiben klappt aber erst, seit er sich den AA angeschlossen hat. „Anfangs bin ich sogar öfter betrunken zu den Meetings gegangen“, so Dirk, „aber keiner hat mich da abgelehnt. Und man trifft sie da alle, aus allen gesellschaftlichen Schichten, vom Handwerker bis zum Oberstudienrat.“ Erst durch die regelmäßigen Treffen der AA habe Dirk es geschafft, dem Alkohol zu entsagen.

Phillip, ein anderer Dauergast bei den AA, weiß ähnliche Geschichten zu erzählen: „In der Pubertät war Alkohol die Eintrittskarte, um meine Hemmungen zu überwinden.“ Er erzählt davon, dass Alkoholiker oft Nomaden seien, die häufig den Wohnort und den Beruf wechseln und dass irgendwann zum Alkohol „die üblichen Weggefährten wie Depressionen dazukommen“.

Unter Depressionen leiden im Übrigen auch nicht selten die Angehörigen — ohne dass diese an der Flasche hängen — , weil vor lauter Kummer, Sorgen und Ausweglosigkeit die Seele leidet.

Die Fachmedizin jedenfalls freut sich, sagt die Ärztin, dass es eine Selbsthilfegruppe (SHG) wie die AA gibt. Die meisten der trockenen Alkoholiker seien in der SHG aktiv. „Die, die versuchen, ganz allein vom Alkohol wegzukommen“, weiß die Ärztin aus Erfahrung, „sind erheblich rückfallgefährdeter.“

Dirk und viele andere haben es geschafft. Der erste Schritt hinaus sei jedoch, sagt Phillip, dass man sich ehrlich eingesteht, dass man ein Alkoholproblem habe.

„Alkoholismus ist eine schwerwiegende Krankheit“, sagt Dirk und versichert: „Aber es gibt auch einen Weg da raus!“

Selbsthilfeorganisation hat ihren Ursprung in den USA
Die Anonymen Alkoholiker (AA) sind eine 1935 in den USA entstandene, in der Folge weltweit agierende Selbsthilfeorganisation zur Bekämpfung von Alkoholismus. Ihre Ideologie trägt spirituelle Züge, was unter anderem dazu geführt hat, dass AA auch als religiöse Gruppe oder Kult betrachtet wird. Die AA treffen sich regelmäßig, um ihre Erfahrungen und Erkenntnisse auszutauschen.

Durch den ständigen Kontakt mit den genesenden AA-Freunden, das Gefühl der Gemeinschaft und der Freundschaft kann der Zwang zum Trinken durchbrochen werden.


In Stockelsdorf findet jeden Dienstag, auch an Feiertagen, um 19.30 Uhr in der Villa Jebsen, Ahrensböker Straße 78, ein AA-Treffen statt.

Doreen Dankert

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