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Bad Schwartau Bürgerbeauftragte: „Es fehlt an Menschlichkeit im System“
Lokales Bad Schwartau Bürgerbeauftragte: „Es fehlt an Menschlichkeit im System“
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19:12 11.05.2016
Frühstückte mit: Bürgerbeauftragte Samiah El Samadoni (2.v.r.) neben Siegfried Müller, Vorsitzender des Seniorenbeirats (r.). Quelle: Irene Burow

Da ist ein farbiges Mädchen, das im Bus ein Schülerticket lösen will. „Neger bezahlen den Erwachsenenpreis“, lautete die schnoddrige Antwort des Busfahrers. „Man sollte meinen, dass es sowas heute nicht mehr gibt“, sagte Samiah El Samadoni gestern beim Stockelsdorfer Seniorenfrühstück. Doch die vielen Beschwerden, die die Bürgerbeauftragte für soziale Angelegenheiten des Landes erreichen, sprechen eine ganz andere Sprache.

„Was ich ihnen nach zwei Jahren berichten kann, ist, dass wir sehr viele verzweifelte Menschen in Schleswig-Holstein haben. Dass es so viele sind und die Gründe so vielfältig, war mir vorher nicht bewusst“, so El Samadoni. Viele Menschen wüssten nicht, welche Leistungen ihnen zustehen, welche Behörde überhaupt zuständig ist. Und selbst wenn, seien die behördlichen Hürden oft hoch, die Verfahren langwierig und intransparent, Entscheidungen nicht nachvollziehbar. „Selbst wenn die Verfahren korrekt sind, ist das Ergebnis oft katastrophal“, sagte sie. „Es fehlt an Menschlichkeit im System.“ Zum Beispiel wenn ein Ehepartner verstirbt und der Hinterbliebene innerhalb von sechs Monaten umziehen soll, weil die Wohnung den Behörden zu teuer ist. Oder wenn der Partner in der Wohnung einen Selbstmordversuch unternimmt, die Frau die Wohnung aufgrund der psychischen Belastung nicht mehr betreten kann – und dennoch Wohngeld zurückzahlen soll. „Was die Menschen für einen Leidensdruck auszuhalten haben, beschäftigt mich sehr“, sagte die Bürgerbeauftragte, die gleichzeitig die Antidiskriminierungsstelle leitet und den Aufbau der Beschwerdestelle für Kinder und Jugendliche vorantreibt.

Sie und ihr Team beraten kostenlos alle Menschen, die Schwierigkeiten oder gar Konflikte mit Behörden haben – und intervenieren. Sie helfen beim Verständnis von Verfahren, haken bei Behörden nach, fordern Akteneinsicht, recherchieren faire Lösungen. „Ich bin der Meinung, die Behörden müssten das selbst machen. Denn sie haben eine Informations- und Beratungspflicht. Aber oft ist dafür keine Zeit mehr“, so die 45-Jährige. „Ich baue auf Sie, dass die Menschen in und um Stockelsdorf in Zukunft wissen, dass es uns gibt“, sagte sie beim Seniorenfrühstück. „Ich mache immer wieder die Erfahrung, dass die Menschen gern vorher von der Beratungsmöglichkeit gewusst hätten.“ Und von dem Recht, sich zu beschweren. „Ich werde tatsächlich häufig von Seniorenbeiräten angesprochen, weil sie mit vielen Themen im sozialen Bereich zu tun haben“, sagte sie. Dazu gehören zum Beispiel die Bereiche der Pflege und Grundsicherung, Wohngeld oder Ärger mit Krankenkassen und der Rentenversicherung.

Dass sie ihr Engagement lebt, ist ihr anzumerken. „Ich habe Jura studiert, weil ich der Gerechtigkeit dienen wollte. Man stellt schnell fest, dass Recht haben und Recht bekommen verschiedene Dinge sind.“ Sie arbeitete unter anderem in einer großen Wirtschaftskanzlei, hatte mit Finanzhaien und Bankern zu tun. „Die Gier und Skrupellosigkeit hatte nichts mit meinem Verständnis von Menschlichkeit zu tun“, so Samiah El Samadoni. Also gab sie ihrem Leben eine neue Richtung, arbeitete in Ministerien und als Referentin beim Schleswig-Holsteinischen Landkreistag. Seit Mai 2014 ist sie Bürgerbeauftragte. „Das Beste an dem Amt ist – es hat mit Gerechtigkeit zu tun.“ Jetzt vertrete sie die Interessen der Menschen gegenüber Behörden, die immer einen Wissens- und Machtvorsprung hätten. Ihr sind sechs Referenten zur Seite gestellt, die pro Jahr rund 3400 Eingaben bearbeiten.

Knapp hundert Senioren folgten ihren Ausführungen, waren von der Referentin beeindruckt: „Sie haben mich fasziniert und sprachlos gemacht mit dem, was Sie beruflich und privat preisgegeben haben“, brachte es Bernd Thiele vom Seniorenbeirat auf den Punkt.

Der Busfahrer übrigens machte gar keinen Hehl aus seinen diskriminierenden Aussagen gegenüber dem Mädchen, das ein Schülerticket lösen wollte. Selbst gegenüber der Geschäftsführung des Fuhrunternehmens nicht. Er verlor seinen Job.

Kandidaten für Seniorenbeirat gesucht

Beim Seniorenfrühstück erinnerte der Vorsitzende des Seniorenbeirates, Siegfried Müller, daran, dass beim kommenden Frühstück im Juni eine wichtige Wahl auf dem Programm steht.

Till Niemeyer verlässt das Gremium. „Aus den Dorfschaften muss jemand nachgewählt werden“, so Müller.

Die Bewerbungsfrist endet am 6. Juni. Bewerbungen können bei der Gemeinde, Haupt- und Sozialamt, Ahrensböker Straße 7, eingereicht werden. Infos gibt es unter Tel.: 0451/490

1212 oder 0451/4901209. Alle Bürger, die am Wahltag das 60. Lebensjahr vollendet haben, können sich für dieses Ehrenamt zur Verfügung stellen.

Die Wahl erfolgt am Mittwoch, 8. Juni, ab 10 Uhr im Gemeindezentrum Stockelsdorf, Ahrensböker Straße 5.

Der Seniorenbeirat besteht seit Herbst 1996. Die Arbeit reicht von Sprechstunden, Mitwirkung in den politischen Gremien bis zur Planung von Seniorenfahrten.

Von Irene Burow

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