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Bad Schwartau Das „wandelnde Pilzlexikon“ geht in den Ruhestand
Lokales Bad Schwartau Das „wandelnde Pilzlexikon“ geht in den Ruhestand
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18:10 16.10.2015
Der Knollenpilz ist giftig.
Bad Schwartau

Alles begann vor mehr als 70 Jahren aus einem recht schlichten Grund. „Wir hatten einfach Hunger“, sagt Joachim Riedel kurz und knapp, als er gefragt wird, woher sein Wissen über Pilze stammt. Keine Leidenschaft, keine Wissensgier, der mittlerweile 80-Jährige hat schlichtweg aus der Not eine Tugend gemacht. Zehn Jahre war er alt, als seine Eltern keine Lebensmittelkarten mehr hatten und deshalb mit ihm im Wald Pilze sammelten. „Dann hat mein Vater mich zu einer alten Frau geschickt, die mir erklärt hat, welche Pilze man essen kann. Sie hat alle aussortiert, außer ein paar Steinpilze“, erinnert sich Riedel, „aber so viel Gift gibt es doch gar nicht in der Natur, dachte ich mir.“ Kurzerhand beschloss Riedel, sich selbst zu informieren.

Später wurde daraus eine Wissenschaft. Und wohl auch eine Leidenschaft. Über 25 Jahre hat Joachim Riedel gemeinsam mit Stadtjäger Gert Kayser Kurse an der Volkshochschule angeboten. Zwei Stunden lang werden Pilze gesammelt, am Ende Bilanz in der kleinen Schutzhütte am Ehrenhain gezogen. Welcher Pilz ist essbar, welcher gar giftig und welcher sogar eine echte Delikatesse und nur selten zu finden.

Künftig wird es den Kurs wohl nicht mehr geben. „Das ist ein herber Verlust für uns“, bedauert Hinrich Becker, Leiter der Volkshochschule Bad Schwartau. „Doch für so eine Aufgabe braucht es Erfahrung und Wissen, wir dürfen nichts riskieren, damit niemand zu Schaden kommt.“ Ein adäquater Nachfolger nicht in Sicht.

Riedel selbst fühlt sich zu alt für die Aufgabe. Als er als „wandelndes Pilzlexikon“ vorgestellt wird, winkt er lächelnd ab. „Das war ich mal“, sagt er. Doch als er dann zwischen den zehn Pilzsammlern sitzt, die ihm ihre gefundenen Exemplare zeigen, blitzt es in seinen Augen. Das Alter scheint für einen Moment vergessen und Riedel bestimmt im Nu einen Pilz nach dem anderen. Er hält ein Exemplar über sich, als sitze er unter einem Sonnenschirm. „Das ist ein ,Parasol‘, also quasi gegen die Sonne“, sagt er mit einem Schmunzeln. Als er den Pilz wieder runter nimmt bricht der Stiel ab. „Macht nichts“, sagt er trocken zu dem Finder der Frucht, „der schmeckt sowieso holzig.“ Dann zeigt er auf einen Pilz, der auf einem Baumstamm liegt. „Der ist giftig, das erkennt man schon an der gelben Farbe“, sagt er und erntet gleich einen Spruch seiner Gruppe. „Ah, einer für die Schwiegermutter also?“, fragt jemand mit einem Lachen. „Nein“, antwortet Riedel ernst, „für die reicht er nicht. Dann müsste er grün sein.“

Über 3000 Pilze gibt es, Joachim Riedel kennt sie fast alle. Wenn ihm ein Name nicht so schnell einfällt, holt er sein altes Pilzlexikon aus der ledernen Aktentasche. Sicher ist sicher. „Zu Schaden gekommen ist jedenfalls noch nie jemand bei mir“, bestätigt er zur Beruhigung aller. Die Pilzsammler notieren derweil fleißig, was Riedel sagt. Denn das nächste Mal kann ihnen niemand helfen. Dann ist der Pilz-Experte im wohlverdienten Ruhestand. In den Wald wird er sicher trotzdem hin und wieder gehen und sich ein paar Pilze fürs Abendbrot sammeln.

Giftig oder essbar?

5000 bis 6000 verschiedene Arten von Pilzen gibt es in Deutschland. Nur 40 davon werden als Speisepilze bezeichnet.
Voraussetzung dafür ist, dass der Pilz leicht zu bestimmen ist, eine geringe Verwechslungsgefahr besteht und es sich um eine häufige Art mit schmackhaften Fruchtkörpern handelt.
Pilze wachsen das ganze Jahr über. Geschmacklich sind sie jedoch erst im Herbst ein richtiger Genuss.
Maronen, Pfifferlinge, Steinpilze, Rotkappen und der Parasol wachsen insbesondere in unseren heimischen Wäldern. Sie sind essbar, sollten aber trotzdem nur durchgegart verzehrt werden.
In Laubwäldern gibt es häufig auch den gefährlichsten aller Giftpilze, den Knollenblätterpilz (Foto). Als Sammler sollte man ungefähr 60 ernstzunehmende giftige Pilze erkennen. So zum Beispiel auch den Fliegenpilz oder den Gifthäubling.

Maike Wegner

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