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Bad Schwartau Ein Jahr weniger Haft für Spielhallenräuber
Lokales Bad Schwartau Ein Jahr weniger Haft für Spielhallenräuber
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23:53 08.11.2013
Quelle: Wolfgang Maxwitat

Vor einem halben Jahr saßen Gunnar Z. (23) und Mario K. (20, beide Namen geändert) noch gemeinsam auf der Anklagebank. Damals wurde das Duo aus Bad Schwartau wegen eines bewaffneten Raubüberfalls auf eine Spielothek im Glockengang zu langen Gefängnisstrafen verurteilt. K. zu vier Jahren Jugendstrafe und Z. zu fünfeinhalb Jahren Gefängnis. Jetzt gab es ein Wiedersehen der beiden Kumpels im Saal 155 des Lübecker Landgerichts. Allerdings in unterschiedlichen Rollen. K. war als Zeuge geladen und Z. saß abermals auf der Anklagebank. Grund: Der Bundesgerichtshof (BGH) hat das Urteil gegen Z. aufgehoben, weil die VII. Große Strafkammer den Aspekt der verminderten Steuerungsfähigkeit aufgrund seines Alkoholisierungsgrades nicht ausreichend berücksichtigt habe. Die IIa. Große Strafkammer folgte jetzt den Anregungen des BGH und milderte das Strafmaß für Z. um ein Jahr auf viereinhalb Jahre.

Mario K., der seit der Verurteilung in der Jugendhaftanstalt in Neumünster einsitzt, hatte sichtlich Freude an seinem Ausflug ins Landgericht. Mit weißer Jeans, gemustertem Oberhemd und in Handschellen betrat er lächelnd den Saal. „Schön, dich zu sehen, Alter! Freu‘ mich wirklich“, sagte der 20-Jährige und hob zur Begrüßung in bester Boxer-Manier seine geballten Fäuste in Richtung Z..

Auch der 23-Jährige freute sich über das Treffen sichtlich. Doch das Wiedersehen der beiden Freunde, die schon beachtliche kriminelle Karrieren hinter sich haben, ließ die Stimmung bei den anderen Prozessbeteiligten schnell kippen. Auf die Frage des Gerichts, ob Z. viel Alkohol vertrage, antwortete K. frech: „Alle vertragen unterschiedlich. Es gibt welche, die kacken nach einem Bier ab, andere kacken erst nach 20 Bieren ab.“ Damit aber nicht genug. „Was stellen Sie mir hier überhaupt für Fragen“, ranzte er den Vorsitzenden Richter Christian Singelmann an, dem daraufhin der Kragen platzte. „Das ist hier kein Show-Auftritt“, ermahnte Singelmann. Staatsanwalt Christian Braunwarth erinnerte K. zudem an seine Aussagepflicht. Die Worte der Männer in den schwarzen Roben zeigten dann auch Wirkung. Wenngleich die weitere Vernehmung nicht wirklich hilfreich war bei der Feststellung, ob die Steuerungsfähigkeit von Z. bei der Tat vermindert war.

Hilfreich war da eher die Aussage der Spielhallenaufsicht. „Ob die alkoholisiert waren oder andere Drogen genommen haben, kann ich nicht sagen. Ich hatte aber den Eindruck, dass die beiden nicht ganz clean waren“, berichtete die 45-Jährige. So habe Z. eineinhalb Stunden vor dem Überfall eine brennende Zigarette in der Spielothek fallen lassen. Darauf angesprochen, habe Z. dann erklärt, dass es nicht seine Zigarette gewesen sei, obwohl um ihn herum keine andere Kunden da gewesen seien. Richter Singelmann: „Das war schon eine ziemlich dümmliche Antwort.“

Dieser Punkt und auch das fehlerhafte Zuschneiden von Sehschlitzen in zwei Mützen wurde aus Sicht des BGH bei dem Urteil in erster Instanz nicht ausreichend berücksichtigt, obwohl diese möglicherweise Anzeichen für eine Beeinträchtigung der Schuldfähigkeit durch Alkohol sein könnten. Gutachterin Dr. Mariana Wahdany, die bereits in erster Instanz trotz eines erheblichen Alkoholisierungsgrades der Angeklagten von möglicherweise maximal 2,8 Promille zur Tatzeit die Steuerungsfähigkeit als nicht erheblich vermindert einschätzte, blieb auch jetzt dabei.Es habe keine konkreten Ausfallerscheinungen bei der Durchführung des Überfalls gegeben. „Die Tat wurde zielgerichtet vorbereitet und begangen“, so die Ärztin. Auch der Verschnitt der Mützen sei kein Indiz dafür, dass die Steuerungsfähigkeit erheblich vermindert gewesen sei. Entsprechend erklärte Staatsanwalt Braunwarth in seinem Schlussvortrag: „Das Urteil in der ersten Instanz ist der Tat und Schuld angemessen.“

Verteidiger Frank-Eckhard Brand, der mit seiner Revision beim BGH erfolgreich war, sah das naturgemäß anders. „Das Zerschneiden der Mützen. Einen Überfall zu begehen und durchzuführen, wenn noch andere Leute in der Spielothek sind, und die Aufsicht die beiden persönlich wiedererkannt hat, spricht eindeutig dafür, dass man verminderte Steuerungsfähigkeit nicht ausschließen kann.“

Mit Blick auf die BGH-Vorgaben erklärte Richter Singelmann dann auch: „Diese Argumente können wir nicht kleinreden und deshalb auch eine verminderte Schuldfähigkeit nicht ausschließen.“

Der Fall: Mit Messer bedroht und knapp 400 Euro erbeutet
Am Nachmittag des 6. Dezember vorigen Jahres treffen sich die seit Jahren befreundeten Mario K. und Gunnar Z. in dessen Wohnung in der Rensefelder Straße. Sie trinken Bier und Schnaps, gehen in eine Kneipe, dann zum Zocken in die Spielothek im Glockengang und dann wieder in die nahegelegene Wohnung. Dort fassen beide den Entschluss, die kurz zuvor besuchte Spielothek zu überfallen. Um nicht gleich erkannt zu werden, ziehen sie andere Kleidung an, vermummen sich notdürftig, nachdem das Zerschneiden von Mützen nicht geklappt hat, mit Kapuzen und Schals und bewaffnen sich mit langen Küchenmessern. Zurück in der Spielothek, die von einer 45-Jährigen beaufsichtigt wird, sprechen sie ein paar Brocken Russisch, um so den Verdacht auf eine andere Tätergruppe zu lenken. Sie bedrohen die ihnen flüchtig bekannte Frau mit den Messern und flüchten anschließend mit einer Beute von knapp 400 Euro zurück in die Wohnung. Gegen Mittag am nächsten Tag steht die Polizei vor der Tür. Die Spielhallenaufsicht hat das Duo in einer Lichtbilderkartei der Polizei wiedererkannt.

Sebastian Prey

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