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Bad Schwartau Ex-Neonazi macht Präventionsunterricht an Schulen
Lokales Bad Schwartau Ex-Neonazi macht Präventionsunterricht an Schulen
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08:21 14.03.2019
Ex-Neonazis Philip Schlaffer gestaltet auf Einladung des Kiwanis Clubs Bad Schwartau Präventionsunterricht an der Gemeinschaftsschule Stockelsdorf. Quelle: Doreen Dankert
Stockelsdorf

„Was könnte dazu führen, dass was schief läuft, dass es zu einem Bruch im Leben kommt? Wie könnten die familiären Verhältnisse aussehen, wenn man auf die schiefe Bahn gerät?“ Das sind Fragen, die Philip Schlaffer den Schülern der Klasse 8 e der Gemeinschaftsschule in Stockelsdorf stellt, als er dort vor Kurzem auf Einladung des Kiwanis Club Bad Schwartau präventiv unterrichtet.

In insgesamt fünf Klassen hat Philip Schlaffer gesprochen. Und für das, was die Teenager in seinen Stunden verstehen sollen, gibt es wohl kaum einen besseren Lehrer als Philip Schlaffer. Denn er weiß – nicht nur theoretisch – genau, wovon er spricht: „Ich bin schon in jungen Jahren auf die schiefe Bahn geraten“, sagt der 40-Jährige, der in Stockelsdorf aufgewachsen ist und inzwischen wieder dort lebt.

Vor den Schülern spricht er ganz offen über die dunklen Kapitel seiner Vergangenheit:seine Zeit als Neonazi, Rockerclub-Chef, über Messerstechereien, illegale Geschäfte, Körperverletzung (auch an einem früheren Mitschüler an der Gemeinschaftsschule Stockelsdorf) und über insgesamt drei Jahre im Gefängnis. Dann, vor ein paar Jahren, „nach einer weiteren großen menschlichen Enttäuschung“ kam das harte Aufwachen, die Kehrtwende mit psychologischer und seelsorgerischer Hilfe.

Schlaffer wurde als Schüler zum Mobbing-Opfer

Philip Schlaffer lobt die Schüler in seinem Unterricht: „Ihr kennt euch wirklich gut aus“, sagt er mit Bezug auf ihre Antworten auf die Eingangsfrage zu den Umständen, die ein Abdriften auf die schiefe Bahn begünstigen: Ein schlechtes Verhältnis zu den Eltern, Scheidung, körperliche, verbale und psychische Gewalt oder auch sexueller Missbrauch. „Es kann ganz viel passieren im Leben, dass ein Bruch passiert“, erklärt Schlaffer, der offen zugibt: „Ich habe meine Eltern als Feindbild gehabt.“ Dabei, so erklärt er es den Schülern, habe es die oben aufgezählten Gründe für diesen Bruch in der Familie nicht gegeben.

„Grundsätzlich war zu Hause alles in Ordnung.“ Vater Akademiker, Mutter technische Zeichnerin, eine wenige Jahre ältere Schwester, sehr gute Noten in der Grundschule, Sport beim ATSV, keine Auffälligkeiten, Empfehlung für’s Gymnasium – ein ganz normales Leben also in der heilen Welt von Stockelsdorf. Bis er zehn Jahre alt war und die Eltern – ohne die Kinder zu fragen oder mit ihnen wirklich darüber zu sprechen – plötzlich entschieden hätten, nach New Castle in England zu ziehen.

Am ersten Schultag im fremden Land sei noch alles gut gewesen, sagt Schlaffer. Am zweiten Tag – nachdem die Mitschüler zu Hause von dem deutschen Jungen berichtet hatten – sei er als „Nazi“ beschimpft, bespuckt, bepöbelt, geschlagen und gemobbt worden. „Dann fingen sehr, sehr schwierige Zeiten für mich an mit viel Einsamkeit und Rebellion“, erzählt Schlaffer, der in der Rückschau verstanden hat, dass diese Erfahrung der Türöffner zum dunklen Teil seiner Vergangenheit wurde.

„Jeder kann gemobbt werden“, erklärt Schlaffer, der betont, dass das verheerende Auswirkungen bis hin zum Suizid haben kann. „Aber wer vorm Spiegel steht und sagt, er ist perfekt, der hat ein viel größeres Problem“, sagt Schlaffer über die Mobber. Er zieht eine Verbindung zu einer ernsthaften emotionalen Störung unter dem Schlagwort Narzissmus das, so erklärt er den Schülern, mit dem Begriff „Nazi“ nichts zu tun hat.

Zusammenhang zwischen Wissen und Manipulierbarkeit

Was Nazi genau bedeutet, darüber klärt der Ex-Neonazi die Schüler in seinem Unterricht auch auf. Die Abkürzung steht für Nationalsozialismus als Staatsform mit Regierenden, „die sich größer und besser fühlen als andere“, so Schlaffer.

An dieser Stelle gibt Schlaffer den Schülern den Ratschlag, „gut informierte Bürger zu sein.“ Er empfiehlt, sich jeden Tag zehn Minuten über Politik in einer Zeitung oder Nachrichten-App zu informieren. „Denn wenn ihr nicht Bescheid wisst, dann seid ihr leicht zu manipulieren.“

Referent wurde von Kiwanis im Vorfeld geprüft

„Wir vom Kiwanis Club haben ihn eingeladen, damit er uns seine Geschichte erzählt“, erklärt Achim Steinhoff vom Charity-Ausschuss des Clubs. Kiwanis als Initiator des Präventionsunterrichts stehe in der Verantwortung gegenüber den Schülern, so Steinhoff, „deswegen haben wir Philip Schlaffer noch ein zweites Mal eingeladen und ihn auf Herz und Nieren geprüft, denn seine Glaubwürdigkeit war uns sehr wichtig – und wir halten ihn für sehr glaubwürdig.“

Achim Steinhoff lobt diesen aufklärenden Unterricht und gibt den Schülern mit auf den Weg, „grundsätzlich alles zu hinterfragen, sich von niemandem was einreden zu lassen und immer selbst zu entscheiden.“

Doreen Dankert

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