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Bad Schwartau Familie kämpft um Ferienbetreuung
Lokales Bad Schwartau Familie kämpft um Ferienbetreuung
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08:25 04.08.2017
Liane Woicke mit ihrer Tochter Jördis, die am seltenen Cornelia-de-Lange-Syndrom leidet. Die genetische Erkrankung äußert sich durch multiple angeborene Fehlbildungen, die meist im Zusammenhang mit einer geistigen Behinderung in Erscheinung treten. Quelle: Fotos: Irene Burow(3), Dd
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Bad Schwartau/Haffkrug

Die Lebenshilfe Ostholstein ist Trägerin der Schule am Papenmoor in Bad Schwartau, die die Jugendliche besucht. „Mein Mann und ich sind berufstätig und brauchen dringend diese Betreuung außerhalb der Schulzeit“, sagt Liane Woicke. Sie selbst arbeitet zwar von zu Hause aus, ihr Arbeitgeber kann aber jede Minute nachvollziehen, die sie nicht am Computer sitzt. Ihr Mann ist als Handwerker den ganzen Tag außer Haus. Die Folge: Die Tochter ist ans Bett gefesselt, das verschließbar ist. „Meine Tochter ist eine Gefährdung für sich selbst“, erklärt die Mutter. Sie könne nicht sprechen und brauche eine ständige Betreuung. Die Eltern fühlen sich von Behörden und Vereinen im Stich gelassen. „Obwohl der Kreis Ostholstein alle Leistungen bewilligt hat, lehnt die Lebenshilfe alles ab“, sagt die 47-Jährige. „Jördis hat aber ein Recht darauf, am öffentlichen Leben teilzunehmen.“

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Eltern mit schwerbehinderter Tochter fühlen sich von Behörden und Vereinen im Stich gelassen – Lebenshilfe: „Unsere Möglichkeiten waren ausgereizt“.

„Wenn die Voraus- setzungen vorliegen, werden die Leistungen bzw. Maßnahmen in der Regel bewilligt. Carina Leonhardt, Sprecherin des Kreises Ostholstein

Der Kreis Ostholstein bestätigt, dass benötigte Gelder für die Eingliederung von Menschen mit Behinderungen in der Regel bewilligt werden. „Eine schriftliche sozialpädagogische Stellungnahme des Fachdienstes Gesundheit befürwortet notwendige und geeignete Maßnahmen zum Erreichen der Ziele der Eingliederungshilfe“, heißt es vom Kreis. Ob die abgelehnte Betreuung für die Jugendliche sachlich nachvollziehbar ist, will der Kreis nicht bewerten.

Die Lebenshilfe bestätigt, alle freiwilligen Angebote eingestellt zu haben. Dazu gehört die Ferienbetreuung, der Familienentlastende Dienst und die Betreuung in der Offenen Ganztagsschule. „Wir sind der Aufgabe nicht gewachsen“, räumt Susanne Voß, Vorstand der Lebenshilfe, ein. Die Arbeit mit Jördis sei so schwer gewesen, sie brauche eine qualifizierte Schulbegleitung. Doch die hat der Verein nicht: Alles was nicht mit Lehre zu tun hat, werde mit Nebenberuflern, Ehrenamtlern und Freiwilligendienstlern abgedeckt. Eine vom Kreis bewilligte Fachkraft und weitere Mitarbeiter hätten sich geweigert, mit der Jugendlichen weiterzuarbeiten. „Sie sind physisch und psychisch an ihre Grenzen geraten, das müssen wir ernst nehmen“, sagt Voß. Und auch die anderen Kinder und Jugendlichen hätten ein Recht auf eine erträgliche Umgebung. „Wir haben geleistet, was wir konnten.“ Es gebe im Kreis keine so speziellen Angebote. „Das ist ein riesiges Problem, das wissen wir.“ Darüber hinaus fehlten die Fachkräfte. „Wir hatten ähnlich schwere Fälle, aber einen so speziellen Fall habe ich in den vergangenen 25 Jahren noch nicht erlebt“, so Voß. „Ich habe noch nie von anderen Fällen gehört, die so offen eskaliert sind“, sagt auch Heinz Koch, Behindertenbeauftragter der Stadt Bad Schwartau. „Ich bin verwundert über diese Entwicklung, dafür muss schon ein besonderer Grund vorliegen.“

Liane Woicke erklärt, dass es mit der alten Schulleitung jedoch keine Probleme gegeben habe. „Am Anfang klappte alles wunderbar“, sagt sie. Erst nachdem die alte Schulleiterin in Rente gegangen ist, würden ihr „Steine in den Weg gelegt werden“. Vor einigen Wochen sei die Situation eskaliert. Woicke fühlte sich unfreundlich behandelt. Die Kommunikation wurde immer angespannter. Am Ende war das auch der Grund, warum die Lebenshilfe selbst einem Kompromiss – eine Ferienbetreuung für zwei Wochen ab 1. August – nicht mehr zustimmen wollte. „Wir haben im Rahmen der Möglichkeiten gearbeitet, und die haben wir bis oben ausgereizt“, sagt der Aufsichtsratsvorsitzende der Lebenshilfe, Wolfgang Becker. „Wir sind weit davon entfernt, Kinder vor die Tür zu setzen. Aber wir sehen das auch als Chance für einen Neuanfang im Sinne des Kindes und für die Familie, die Art der Betreuung zu überdenken oder Träger zu finden, die parallele Angebote besser abdecken als wir.“

Die Eltern haben sich inzwischen nicht nur erfolglos an das Amt für Soziales in Bad Schwartau gewandt, an die Lebenshilfe von Land und Bund. Alle reißen die Hände hoch: Wir sind nur für die Finanzierung zuständig, sagt der Kreis. Wir sind nur die Verwaltung, sagt die Lebenshilfe. Die Johanniter lehnen einen Fahrdienst ab, die Marli-Werkstätten hätten eine Betreuung ebenso abgelehnt, erklärt Liane Woicke. In ihrer Verzweiflung hat die Familie Anzeige gegen die Lebenshilfe erstattet wegen Behindertendiskriminierung und unterlassener Hilfeleistung.

Die Schulpflicht bleibt unberührt von den Ereignissen. Im kommenden Schuljahr wird Jördis weiterhin am Betrieb der Schule am Papenmoor teilnehmen und auch der Fahrdienst muss von der Lebenshilfe sichergestellt werden.

 Irene Burow

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