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Bad Schwartau Für das Frühstück in aller Welt
Lokales Bad Schwartau Für das Frühstück in aller Welt
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19:24 03.04.2016
Verona Pooth warb mehrere Jahre für die Konfitüre aus Bad Schwartau. 2009 aber war Schluss. Quelle: Schwartauer Werke
Bad Schwartau

Bad Schwartau. Eine junge Frau tappt barfuß durch eine weiße Wohnung. Sie hat die Haare hochgesteckt, trägt etwas kurzes Rotes und hält in der Hand ein Glas Erdbeer-Marmelade. Also „ErdbeerVanillje“-Marmelade mit einem goldenen Deckel drauf. Denn Erdbeer-Vanille ist „die Schwartau Extra des Jahres“ geworden, sagt die Dame in Rot und legt einem den Kauf doch sehr ans Herz.

Der Werbespot ist fünfzehn Jahre alt und die Zeit heute eine andere. Verona Feldbusch heißt schon lange Verona Pooth, und was sie so treibt, spielt sich inzwischen meist jenseits der Kameras ab. Sie ist etwas aus dem Blick geraten.

Die Marmelade aber gibt es immer noch, und nicht nur Erdbeer-Vanille. Dabei war Marmelade anfangs nur ein Teil des Ganzen. Als die Brüder Otto und Paul Fromm 1899 im Schwartauer Ortsteil Tremskamp eine Firma gründeten, stellten sie Bohnerwachs her, Fußbodenöl und anderes, was nicht aufs Brot gehört. Jedenfalls in einem Zweig des Unternehmens. Der andere verlegte sich auf Kunsthonig und Preiselbeerkompott, auf Pflaumenmus, Orangeat und Zitronat.

Es schien also schon durch, was Schwartau zu einem einschlägigen Begriff machen sollte, zu einer Marke in einer auf Marken geeichten Warenwelt.

Erdnüsse aus der Mandschurei

Beim 50-jährigen Jubiläum wenige Wochen nach Gründung der Bundesrepublik konnte denn auch eine beachtliche Bilanz gezogen werden. Es arbeiteten wieder 500 Beschäftigte im Werk, es hatte ständige Erweiterungen gegeben, und die Zutaten kamen längst aus aller Welt: Erdnusskerne aus der Mandschurei, Aprikosenkerne aus Kleinasien, Mandeln aus Nordafrika. Und halb Europa, die USA und Australien waren sowieso vertreten.

Seit 1927 waren alle Zweige unter dem Dach der Schwartauer Werke A. G. versammelt, der Hauptsitz hatte sich längst ins Schwartauer Zentrum verlagert. Und alle Produkte wurden unter dem heute bekannten Logo mit den sieben Kirchtürmen vermarktet. Die standen zwar beim Nachbarn Lübeck in der Altstadt, aber die Silhouette hatte man schließlich immer vor Augen.

Heute sind bei den Schwartauer Werken 800 Mitarbeiter beschäftigt, und die Konfitüre ist Marktführer, unangefochten und seit Jahrzehnten. Wobei man oft Konfitüre sagt, aber Marmelade meint und es sich tatsächlich manchmal um Gelee handelt. Aber in der Deutschen Konfitürenverordnung von 1982 ist das alles fein geregelt, und in Bad Schwartau wird ohnehin alles abgedeckt und einiges mehr noch dazu. Es gibt heute Frucht- und Kaffeesirup, Schoko-Brotaufstrich, Eis und Dessertsaucen, Rote Grütze, Corny-Müsliriegel, gekühlten „Fruttissima“-Aufstrich, und für Mövenpick wird seit fast 30 Jahren in Lizenz gefertigt.

Anderes hat man dafür im Laufe der Zeit wieder aufgegeben, nicht nur die Produktion von Bohnerwachs. Unter anderem wurden in Bad Schwartau über Jahrzehnte Schokoladen- und andere Bonbons hergestellt, ab Mitte der Sechzigerjahre auch gefüllt mit Alkohol. 1980 aber stellte man die Bonbon-Produktion ein. In frühen Zeiten wurde durch Schwartau auch britischer Lipton-Tee importiert. In den 60er Jahren gründete man eine Abteilung für Back- und Dekorartikel, die aber vor sechs Jahren an Oetker in Bielefeld verkauft wurde. Und Mitte der 80er wuchs ein schlanker Werbeturm 50 Meter in die Höhe, oben drauf das große Firmenlogo.

28 Früchte listet das Unternehmen bei den Zutaten auf, von Ananas bis Vanille. Unterwegs begegnen einem Boysenbeere, Limette, Mango, Quitte oder Schlehe. Im vergangenen Jahr stammten 95 Prozent der verarbeiteten Früchte aus Europa und 55 Prozent der Erdbeeren aus Deutschland.

Die Schwartau-Gründer blieben dem Unternehmen nicht lange erhalten. Otto Fromm starb 1915, sein Bruder Paul war schon fünf Jahre zuvor aus der Firma ausgeschieden.

In der Bundesrepublik erfuhren die Schwartauer Werke vor allem durch den Einstieg einer deutschen Industriellenfamilie eine Zäsur. Sie gingen Mitte der Sechzigerjahre an die Alleingesellschafterin Ursula Oetker, einer Enkelin des Dynastiegründers August Oetker. 1968 übernahm ihr Sohn Arend die Firmenleitung, damals gerade 28 Jahre alt. Es waren wirtschaftlich schwere Zeiten. „Ich musste retten, was zu retten war“, sagte er später.

Aber es gelang. Man hatte jetzt auch Kunden südlich des Mains im Blick und Anbieter in anderen Ländern. Oetker verzehnfachte laut dem „Stern“ den Umsatz binnen 20 Jahren und machte das Unternehmen zu dem, was es heute ist. 1995 wurden die Schwartauer Werke unter Oetkers Führung auch Mehrheitsgesellschafter des Schweizer Nahrungsmittelkonzerns Hero. Was aber nur die Ouvertüre war für einen weiteren Schachzug einige Jahre später, als Hero die Mehrheit am Schwartauer Markengeschäft übernahm. Da bewegte sich der Umsatz der Schwartau-Gruppe im Milliardenbereich.

Heute liegt die Geschäftsführung in Bad Schwartau in Händen von Sebastian Schaeffer. Ende 1997 geriet das Unternehmen wegen einer Erpressung in die Schlagzeilen. Ein verschuldeter Bauunternehmer aus Ingolstadt hatte Marmeladengläser in drei norddeutschen Supermärkten vergiftet und von den Schwartauern knapp sechs Millionen Mark gefordert. Er konnte nach einer verwegen ausgedachten Geldübergabe gefasst werden, das Lübecker Landgericht verurteilte ihn zu fünf Jahren Gefängnis.

Die Idee zu der Erpressung sei ihm morgens beim Frühstück gekommen, sagte er. Beim Blick auf die Marmelade. Sie stammte aus Bad Schwartau.

Schwartau in Zahlen

300 Millionen Euro hat der Umsatz der Schwartauer Werke im vergangenen Jahr betragen.

40 000 Tonnen Konfitüre etwa werden jährlich produziert. Das entspricht rund 140 Millionen Gläsern. 375 Millionen Corny-Riegel stellen die Schwartauer Werke im Jahr her - etwa 11000 Tonnen.

95 Prozent der Produktion kommen aus Bad Schwartau, sogar etwas mehr, der Rest von Schwesterfirmen aus dem Ausland.

 Marcus Stöcklin und Peter Intelmann

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