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Bad Schwartau Geschichtsunterricht mit einem jüdischen Zeitzeugen
Lokales Bad Schwartau Geschichtsunterricht mit einem jüdischen Zeitzeugen
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18:15 26.01.2016
Tswi Herschel hält seine Vorträge in drei Sprachen — unter anderem in deutsch, wie hier am Leibniz-Gymnasium. Quelle: Fotos: Doreen Dankert

. Geschichtsunterricht kann plötzlich sehr lebendig werden. Auf jeden Fall ist das so, wenn Tswi Herschel Gast ist und über sein Leben spricht. Tswi Herschel, ein holländischer Jude, ist 73 Jahre alt — und damit einer der jüngsten Zeitzeugen, der über die Nazi-Verbrechen und deren Folgen für sein eigenes Leben spricht. Diese Geschichte haben jetzt rund 100 Schüler des neunten Jahrgangs am Leibniz-Gymnasium gehört. „Das ist Geschichtsunterricht einmal ganz anders. Ihr bekommt einen Einblick in eine Zeit, die schon ganz lange her ist, aber nicht vergessen werden sollte.“ Mit diesen Worten stimmt Schulleiter Hans-Joachim Werner die Schüler auf den Multimedia-Vortrag von Tswi Herschel ein.

Mitten im Zweiten Weltkrieg wird Tswi Herschel in Holland geboren, am 29. Dezember 1941. Seit Mai 1940 waren die Niederlande von Deutschland besetzt. Von da an war es unter anderem für Juden verboten, für Nichtjuden zu arbeiten. Nachts galt für Juden eine Ausgangssperre. Als Tswi drei Monate alt war, wurden seine Eltern gezwungen, in das Ghetto von Amsterdam zu ziehen. Tswi Herschel spricht von „Diskriminierung, die schon bei ganz kleinen Sachen anfängt“. Das gebe es auch heute noch, „nur weil manche Menschen eben anders sind“, so Herschel. Wegen ihrer Religion, Hautfarbe oder einfach, weil sie anders denken. Als Kind einer jüdischen Familie wisse er ganz genau, welche Folgen Diskriminierung im schlimmsten Fall haben kann: Am 27. Juli 1943 wurde Tswi Herschel zu einem Vollwaisen; an diesem Tag wurden seine Eltern im Konzentrationslager Sobibor vergast.

Emotional, aber ohne den moralischen Zeigefinger zu heben, erklärt Tswi Herschel den Leibniz-Schülern, wie bedeutsam Toleranz sei, „ein friedliches Leben nicht möglich ist ohne Toleranz, und deswegen habe ich es mir zu einer Aufgabe gemacht, über Diskriminierung aufzuklären“, so Herschel, der seit vielen Jahren in Israel lebt und zu einer einwöchigen Vortragsreise an Schulen extra nach Deutschland gereist ist.

Dass er überlebt hat, das hat er mutigen und toleranten Menschen wie der damals 17-jährigen Christine Schwencke zu verdanken. Diese junge Christin gab sich auf Bitten von Tswis Eltern kurz vor deren Deportation als Mutter von Tswi aus, um ihn aus dem Ghetto herauszuschmuggeln. Danach kam der kleine jüdische Junge zur Familie de Jongh, die Tswi als ihren Sohn ausgab. Aus Tswi wurde Henkie. Und als dann plötzlich Ende 1944 Tswis jüdische Großmutter auftauchte und ihn mit nach Rotterdam nahm, wurde aus Henkie zur Tarnung Hermann. „Das war wieder ein Trauma, es gab ein Trauma nach dem anderem“, erzählt der Zeitzeuge, „und erst im Alter von acht Jahren habe ich entdeckt, dass ich Waise bin“.

Tswi Herschel ist verheiratet und hat zwei erwachsene Töchter, zwei Enkel und scheint ein Mann zu sein, der in sich ruht. „Bei Familienfesten kommen die Emotionen zurück“, sagt er, „weil wir wissen, dass wir keine Familie haben“. Aber das wohl Wichtigste hat Herschel den Schülern zum Schluss gesagt: „Ihr seid eine neue Generation Deutsche. Was Eure Groß- und Urgroßeltern gemacht haben, daran seid Ihr nicht Schuld.“

Dafür gab es spontanen Applaus von den Schülern. „Der Vortrag war echt toll“, sagt Even Möller aus der 9b, „aber das, was er zum Schluss gesagt hat, das war sehr gut, wirklich sehr gut und richtig, denn es kann und darf keine vererbte Schuld geben“.

Doreen Dankert

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